Ein Mann steht - unscharf im Vordergrund - mit einer Maske in einer ÖPNV-Bahn. Im Hintergrund ist eine rote Notbremse zu sehen.

Die Bundesnotbremse ist passé. Aber wie geht es eigentlich weiter? Spätestens wenn alle Deutschen ein Impfangebot erhalten haben, braucht es auf diese Frage eine neue Antwort.

"Wir dürfen zuversichtlich in diesen Sommer gehen, wir können den Sommer genießen, aber eben mit Vorsicht, aus einem zu sorglosen Sommer darf kein Sorgenherbst werden", warnt Jens Spahn (CDU). In der Bundespressekonferenz haben der Gesundheitsminister und RKI-Chef Lothar Wieler die Leitplanken schon einmal abgesteckt: Drinnen geht weniger, draußen geht viel, dazu AHA-L-Regeln und Testen.

"Lassen Sie uns die wiedergewonnene Freiheit, die wir uns hart erkämpft haben, nutzen und die Inzidenzen niedrig halten", appelliert Spahn. Auch um die Verbreitung der Delta-Variante in Deutschland einzudämmen.

Eva Grill ist Epidemiologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie sagt, die Menschen müssen keine Angst haben vor der weiteren Pandemie-Entwicklung, aber den nötigen Respekt. "Wir haben jetzt Mutationen des Virus, die deutlich ansteckender sind als das, was wir gekannt haben letztes Jahr. Aber die Situation ist recht komfortabel, weil die Inzidenzen auch noch fallen, und wir haben wirksame Impfstoffe. Und wir wissen jetzt eine ganze Menge über Infektion und Virus", sagt sie.

Zittern bis zur Herdenimmunität?

Sich impfen zu lassen heiße auch, verantwortungsbewusst zu handeln. Grill unterstützt damit die Impfappelle des Gesundheitsministers und des RKI-Chefs. "Die Delta-Variante und wahrscheinlich die neuen Varianten überhaupt sind eine ernsthafte Gefahr für Erwachsene, die nicht geimpft sind. Und das bedeutet natürlich auch, dass es oberstes Ziel sein muss, so schnell wie möglich alle Erwachsenen zu impfen, die man impfen kann", so ihr Credo.

Heißt das, noch so lange Angstmodus, bis die Herdenimmunität erreicht ist? Grill ist nicht überzeugt, dass das so leicht gelingt und eine Herdenimmunität gegen Delta möglicherweise mit 70 Prozent Geimpften zu erreichen ist. Trotzdem ist sie zuversichtlich. Im Alltag haben viele Menschen in den letzten 14 Monaten schon ein ganz gutes Gespür dafür bekommen, was geht und was nicht. Auch ohne definitive Regeln.

Ungeklärte Fragen

Aber wie geht es weiter, wenn im Herbst alle Erwachsenen ein Impfangebot erhalten haben? Wird dann die Frage, wie jede und jeder Verantwortung übernimmt, neu diskutiert werden müssen? "Wenn jedem eine Impfung angeboten worden ist, hat dann eigentlich derjenige, der sich nicht impfen lässt, einen Anspruch darauf, dass alle anderen im Raum, die geimpft sind, wegen ihm oder wegen ihr die Maske tragen?", reißt Jens Spahn die Debatte an.

Grill fragt sich auch, wie die Gesellschaft damit umgeht, wenn das Virus auf lange Zeit endemisch bleibt. "Wir haben irgendwann mal die Situation, in der wir sagen, alle, die ich impfen kann, sind geimpft. Und dann ist es eher eine gesellschaftliche Entscheidung, wann ich dann sage, den Rest von Infektionen, oder einen Ausbruch im Winter akzeptiere ich", so die Epidemiologin. Die politische Bundesnotbremse ist vorbei, neue Regeln im Umgang mit der Pandemie müssen noch gefunden werden.

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