Griechenland, Lesbos: Migranten versammeln sich am Straßenrand während die Polizei mit Bussen den Zutritt zur Stadt Mytilini blockiert.

Einen Monat ist es jetzt her, dass das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos brannte. Die Lage im neuen Ersatzlager ist kaum besser als vorher. Noch immer gibt es kaum Essen, schlechte Hygiene und wenig Strom.

Vor genau einem Monat brannte Europas größtes Flüchtlingslager, das Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Die Flammen schlugen damals haushoch in den Nachthimmel. Doch alle konnten sich lebend aus dem brennenden Lager retten. Die griechische Polizei hat inzwischen sechs Lagerbewohner festgenommen, sie sollen das Feuer gelegt haben. Damals hieß es: Mehr als 12.000 Flüchtlinge seien bei dem Feuer obdachlos geworden. Die meisten von ihnen leben jetzt im neuen, provisorischen Zeltlager auf der Insel Lesbos, nur wenige Kilometer von Moria entfernt.

"Wir sind hier in der Hölle", sagt Destiné aus dem Kongo. Die Beschwerden im neuen Lager klingen genauso wie im alten Camp in Moria: "Hier gibt es keinen Strom, wenn ich mal mein Handy aufladen will. Alles ist so ungenügend: keine Toiletten, die Sanitär-Anlagen. Ach, das ist einfach mies."

Behörden beschwichtigen: Lager noch im Aufbau

Die Behörden beschwichtigen: Das Lager sei noch im Aufbau, und immerhin habe jetzt jeder einen Platz zum Schlafen in einem Zelt. Niemand muss sich aus Holzpaletten und Plastikplanen eine Hütte bauen wie noch in Moria. Und trotzdem: Der Alltag ist hart im neuen Lager hinter dem Zaun nördlich der Inselhauptstadt Mytilini. Papson, auch er stammt aus dem Kongo, klagt, er habe elf Monate in Moria ausgeharrt. Beim Feuer vor einem Monat sei sein Flüchtlingsausweis verbrannt: "Ich wollte einen neuen beantragen, aber da tut sich nichts", klagt er, "und wir leiden hier weiter. Wir bekommen nur ein Mal am Tag etwas zu essen, immer nachmittags, und das muss bis zum Morgen reichen.“

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Feuer im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
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Luciano Calestini von Unicef lässt gerade eine Schule aus Zelten im neuen Lager bauen, damit wenigstens die Kinder besser versorgt werden als in Moria. Bei seinem Besuch auf Lesbos war er selbst erschüttert, als er all die schlecht funktionierenden Wasserhähne und die verdreckten Toillettenhäuschen gesehen hat. Sogleich war ihm klar: Unicef wird hier nicht nur eine Zelt-Schule bauen, sondern sich auch ums Wasser kümmern: "Unicef ist innerhalb der UNO die führende Organisation, wenn es um die Notversorgung mit Trinkwasser und Abwasserentsorgung geht."

Calestini hat solche Nothilfen schon im Süd-Sudan, in Ost-Timor oder im Kongo aufgebaut: "In Griechenland hatten wir bislang nicht ein solches Programm", sagt er – offensichtlich überrascht, dass eine derartige Nothilfe in einem EU-Land nötig ist. Aber Unicef werde sich dann eben auch hier um eine bessere Wasser- und Sanitärversorgung kümmern.

Kritik prallt ab

Die Kritik am neuen Lager prallt am griechischen Migrationsminister Mitarakis ab. Er betont lieber, dass das Lager immer kleiner wird. Tatsächlich durften seit dem Brand in Moria vor einem Monat insgesamt 2.000 Flüchtlinge die Insel Lesbos in Richtung griechisches Festland verlassen, weil die Behörden ihre Asylanträge bearbeitet und ihnen Asyl gewährt haben. Außerdem, so gab der Minister in einem Radio-Interview zu, sind etwa 2.000 Migranten aus Moria verschwunden.

Im Athener Sender Real-FM sagte Mitarakis, die Migranten hätten offenbar schon vor dem Brand heimlich und ohne Genehmigung das Lager und die Insel Lesbos verlassen, nach und nach, ohne dass die Behörden etwas gemerkt hätten. "Wie kann das sein?", fragten die Radio-Moderatoren etwas verdutzt. So genau werde ja bei den innergriechischen Fähren zwischen Inseln und Festland nicht kontrolliert, antwortete Minister Mitarakis.

Diese 2.000 "verschwundenen" Migranten waren beim Feuer vor einem Monat als "Obdachlose" mitgezählt worden, offensichtlich waren sie damals aber gar nicht mehr da. Wo sie jetzt sind, weiß Minister Mitarakis auch nicht – es scheint ihn auch nicht besonders zun interessieren. Vielleicht sind sie ja inzwischen weitergezogen in Richtung Mitteleuropa. Minister Mitarakis weiß nur, dass im neuen Lager auf der Insel Lesbos derzeit etwas mehr als 8.000 Flüchtlinge leben. Und er verspricht, dass die Zahl in den nächsten Monaten weiter sinken wird.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 08.10.2020, 06 bis 09 Uhr

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