Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen bei der Eröffnungsfeier im vergangenen September.

Zwei Jahre nach dem Mord an Walter Lübcke ist die Tat zwar juristisch aufgearbeitet. Für viele in seiner Heimat ist der Fall jedoch noch lang nicht abgeschlossen - und die Gefahr von rechts noch längst nicht verschwunden.

Für sie war er Vater, Großvater oder Ehemann. Seit dem Mord an Walter Lübcke gab es für die Angehörigen keinen Tag, an dem sie nicht an dieses schreckliche Ereignis erinnert werde, sagt Dirk Metz, der Sprecher der Familie Lübcke. Auf der einen Seite verarbeite die Familie nach wie vor den Prozess, der für sie psychisch und physisch außerordentlich anstrengend gewesen sei. Auf der anderen Seite müsse das Leben natürlich auch weitergehen. "Es gibt drei Kinder beziehungsweise Enkel, die die Familie auf Trab halten. Und das ist natürlich dann auch sehr schön und bringt viel Abwechslung ins Haus."

Klare Kante zeigen

Wie die Enkel aufwachsen, erlebt Walter Lübcke nicht mehr. Am frühen Morgen des 2. Juni 2019 können Ärzte nur noch seinen Tod feststellen. Sein politisches Vermächtnis hingegen lebt weiter. Sein Name steht in übergroßen Lettern über dem Eingang einer Wolfhager Schule. Die Umbenennung in Walter-Lübcke-Schule haben ihre Schüler selbst auf den Weg gebracht, erklärt der 19-jährige Lukas Mühlbauer, der hier gerade sein Abitur macht: "Da haben wir gesagt, das ist jetzt der Moment, wo wir hier auch als Schule ganz klar Kante und ein politisches Statement setzen können und zeigen, dass wir für politische Gewalt keinerlei Toleranz haben und Walter Lübcke mit seinen demokratischen Werten hier weiterleben kann."

Wenig später wird die Schule selbst zur Zielscheibe: Eine Bombendrohung geht ein, unterzeichnet mit NSU 2.0. Mit diesem Kürzel ist eine ganze Reihe von mutmaßlich rechten Drohschreiben unterzeichnet. Auswüchse einer polarisierten Gesellschaft, sagt der Kasseler Politikwissenschaftler Professor Wolfgang Schroeder und warnt: "Das darf man nicht als Einzeltäter-Phänomen oder als Phänomen einzelner Verwirrter abtun. Wir haben es mit einer systematischen Durchdringung der Gesellschaft zu tun." Es gebe derzeit etwa 13.000 gewaltbereite Rechtsextremisten in Deutschland, in Hessen etwa 800. "Und neben den Rechtsextremisten haben wir die Reichsbürger und eine sich zunehmend radikalisierende Querdenker-Bewegung."

Viele Fragen bleiben offen

Schon vor dem Fall Lübcke gab es viele rechtsextreme Gewalttaten bis hin zu Morden. Dann kam der Terror in Hanau – und erst jetzt wird in breiter Öffentlichkeit diskutiert, was ursächlich ist für den Hass und wie man ihm begegnet. Auf den Verfassungsschutz sei dabei kein Verlass, findet der Rechtsextremismus-Experte und Journalist Joachim Tornau. Der habe auch im Umgang mit Neo-Nazi Stephan E. Fehler gemacht: "Sie haben ihn schlicht, wie es immer so schön heißt, vom Radar verloren. Dabei haben sie allerdings auch Hinweise, die sie hatten, nicht richtig interpretiert."

Die Prozess-Akten sind geschlossen, aber es bleiben viele offene Fragen. Denen will nun ein Untersuchungsausschuss im Hessischen Landtag nachgehen. Und bis dahin? Linus Bubel von der Walter-Lübcke-Schule will sich jedenfalls - wie der Namenspatron selbst - nicht einschüchtern lassen. Auch nicht von Bombendrohungen des sogenannten NSU 2.0: "Das zeigt eigentlich wiederum, dass wir aufstehen müssen. Und weiter kämpfen für unsere demokratischen Werte, dafür, dass jeder seine eigene Meinung haben darf und diese auch öffentlich sagen darf.“

Sendung: hr-iNFO, Das Thema, 02.06.2021, 06 bis 09 Uhr

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