Oolong Tee

Tee ist Medizin, Kulturgut - und bisweilen teurer als Gold. Der Oolong-Tee aus den WuYi-Bergen in Südchina zählt zu den wertvollsten Tees der Welt. Auf Auktionen sollen für manche Sorten schon mehr als 1.000 Euro pro Gramm geboten worden sein.

Im November kommen Teeliebhaber aus ganz China zum Teefest nach Tianxin.  Lian Songlong ist schon zum vierten Mal die 300 Kilometer von Fuzhou in das Dorf in den WuYi-Bergen in Südchina gereist. Der 29-Jährige gehört zur neuen aufstrebenden Mittelschicht in China, sein Hobby sind exquisite Teesorten. "In Tianxin, in diesem Dorf, bekommt man den besten Tee", sagt er.

Ein Gramm Tee für 1.000 Euro

Zum Teefest kommen alle Familien aus der Gegend, die Tee anbauen und stellen ihn aus. "Man setzt sich hier einfach zu den Familien hin und sie lassen einen ihre besten Tees probieren", sagt Lian. "Diesen Tee findest du in keinem Supermarkt. Der Verkaufspreis liegt hier bei 3.000 Yuan pro Pfund, das ist nichts für den Massenmarkt."

Auf dem Teefest in Tianxin, Wuyishan, bieten die örtlichen Teebauern ihre Tees zum Probieren und Kaufen an.

3.000 Yuan, das sind etwa 400 Euro pro Pfund. Dabei liegt der Preis noch am unteren Ende der nach oben offenen Preisskala für Oolong-Tee aus den WuYi-Bergen. Auf Auktionen soll schon für ein Gramm der Sorte Dahongpao über 1.000 Euro geboten worden sein. Vor allem die Teeblätter von einigen alten Sträuchern sind besonders wertvoll.

Zu jedem guten Tee gehört eine Geschichte

Denn zu jedem guten Tee gehört eine gute Geschichte. In diesem Fall soll sie aus der Ming-Dynastie stammen, sich also vor rund 600 Jahren zugetragen haben: "Die Geschichte vom Dahongpao-Tee geht so", erzählt  Tebäuerin Huang Linqian, die die Nachfahren der sagenhaften Dahongpao-Teesträucher anbaut: "Es war einmal ein junger Mann, der war auf dem Weg zu seiner Prüfung, als ihm übel wurde. Deshalb wollte er sich im benachbarten Tempel ausruhen. Die Mönche gaben ihm Tee aus den Blättern dreier Teesträucher zu trinken und schnell ging es ihm besser. Das Examen bestand  der Student als bester. Er wollte sich im Tempel bedanken, aber die Mönche zeigten auf die Teesträucher: Bedanke dich bei ihnen! So hängte der junge Mann seinen roten Mantel um die Sträucher und seitdem heißt der Tee Dahongpao." Das bedeutet große, rote Robe.

Vom Hinterland zum Tee-Mekka

Die Felder von Huangs Familie liegen im Tiger-Tal, einem der berühmten Anbaugebiete für Oolong-Teesorten. Zu ihren Feldern kommen sie nur zu Fuß, manchmal stundenlang schmale Treppen und Trampelpfade hoch. Huang Linqian und ihr Mann Chen Jinsheng haben heute Helfer, die auf den Feldern die Arbeit erledigen. Vor zwanzig Jahren haben sie noch selber hart geschuftet und versucht, jedes Fleckchen Land urbar zu machen für den Tee. Damals wohnte die Familie noch abgeschieden in einem Bergdorf unter ärmlichen Verhältnissen. Im Herbst zogen die Teebauern dann ins Tal, in der Hoffnung, ihren damals noch namenlosen Tee zu verkaufen zu können. 

Tee-Bäuerin Huang Linqian zeigt Reporterin Birgit Eger, wie man Tee pflückt.

"Früher kannte keiner unseren Tee, niemand wollte ihn haben, auch nicht geschenkt", erzählt Huang. "Man nannte uns die Bergaffen, weil wir unser Leben in den Bergen verbrachten. Jetzt sind wir die Leute aus dem berühmten Teedorf, jeder will seinen Tee unter dem Namen unseres Ortes verkaufen, wir 'Bergaffen' haben das Geschäft mit dem Tee in die Region gebracht."

Dabei schien es das Schicksal anfangs gar nicht gut mit den Bergbauern zu meinen: Als 1999 die WuYi–Berge zum Weltkulturerbe ernannt wurden, mussten alle umsiedeln ins Tal. Ein Jahr lang lebten sie in Zelten, bis die neuen Häuser fertig waren. Aber seit einigen Jahren geht es den Dorfbewohnern richtig gut: seitdem das Teetrinken wieder angesagt ist und viele junge, gutverdienende Städter auf der Suche nach etwas Besonderem auch in die WuYi-Berge kommen. Und Tee-Experten, die die alten Sorten wie Dahongpao nachzüchteten und die Legende um den Studenten mit dem Roten Mantel wieder ausgruben, haben außerdem dazu beigetragen, Tianxin zu einem Tee-Mekka zu machen.Von den etwa 500 Großfamilien leben inzwischen 450 vom Geschäft rund um den Tee.

Tee als Geldanlage

Zitat
„Schmeckt das Pfund Tee für mehrere tausend Yuan anders nach Zimt als das Pfund für ein paar hundert Yuan? Die meisten finden den Unterschied nicht heraus.“ Zitat von Wang Mugen, Teeverbands-Vorsitzender
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Einige hundert Kilometer nördlich, in Shanghai, sitzt Wang Mugen. Als Teeverbands-Vorsitzender ist er schon von Berufswegen Liebhaber des Nationalgetränks. Dem Hype um die wertvollen Tees steht er aber skeptisch gegenüber: "Diese Aufregung um die Reinheit, die alten Anbaugebiete und diese besonderen Berge entsteht nur, weil einige wenige auf den Tee spekulieren. Deshalb geht der Preis so hoch. In dem Fall des Tees aus den WuYi-Bergen ist es der berühmte Zimt-Geschmack des Tees und das kleine Anbaugebiet der fünf Täler, das den Preis nach oben treibt", sagt Wang Mugen.

Er mache oft Witze: "Schmeckt das Pfund Tee für mehrere tausend Yuan anders nach Zimt als das Pfund für ein paar hundert Yuan? Die meisten finden den Unterschied nicht heraus. Höchstens die Experten, die können den Unterschied in Sorte, Lage und der Verarbeitung rausschmecken."

Steigendes Interesse auch in Deutschland

In China ist Tee quasi Nationalgetränk, sowohl Medizin als auch Genussmittel. Pro Kopf verbraucht jeder Chinese 1,4 Kilo, so die Schätzung für 2019. Trotzdem kommen die Weltmeister im Teetrinken aus Deutschland: Es sind die Ostfriesen. Laut Deutschem Teeverband schaffen sie 300 Liter pro Jahr. Deutschland importiert Tee aus 67 Ländern, die größte Menge kommt aus Indien, knapp dahinter folgt China. Vor allem grüne Tees werden aus Ostasien eingeführt. Die Oolong-Sorten sind noch nicht so bekannt. Aber das ändert sich gerade, hat Natalia Panne festgestellt. Die Sauerländerin ist Gründerin des Versand-Unternehmens "tea-exclusive", das sich auf besondere Sorten spezialisiert hat. Ihre Tee-Leidenschaft hat sie aus ihrer alten Heimat Russland mitgebracht.

Arbeiter Yan Zhangbiao bedeckt in den Teefeldern von WuYi die Wurzeln der Teesträucher mit Erde, um sie vor der Winterkälte zu schützen.

 "Wir beobachten seit Jahren steigendes Interesse", sagt Panne. "Wir merken, dass immer mehr Leute anrufen und wollen mehr Informationen über die Herkunft, die Zubereitung wissen und immer mehr Leute fragen nach seltenen Teesorten, die man in Deutschland kaum kennt, wie zum Beispiel Oolong-Tee. Vor ein paar Jahren wusste kaum jemand das Wort Oolong, aber mittlerweile haben wir im Shop zwanzig verschiedene Sorten aus verschiedenen Gebieten und die Tees laufen sehr gut."

Verarbeitung und Verfügbarkeit bestimmen den Preis

Die gestiegene Nachfrage nach seltenen Tees im In- und Ausland kommt auch bei Huang Linqian und ihrer Familie an. Sie bieten ihre Oolongtees vor allem auf Teefesten oder auf Messen an. Die Kunden sind in der Regel Großhändler, die die losen Blätter dann unterschiedlich verpacken und an Teeläden mit hochwertigen Produkten weiterverkaufen, erklärt die Tochter Chen Xiaowei, die in der Familie für das Marketing zuständig ist: "Unser günstigster Tee kostet rund 300 Yuan pro Pfund, also etwa 37 Euro. Diesen Tee kann sich eigentlich jeder leisten kann." Die ganz seltenen Sorten aber würden das 30- bis 60-fache kosten, weil es so wenig davon gebe – gerade mal 10 bis 20 Kilo im Jahr.

Neben den geringen Mengen, die angeboten werden, bestimmt auch die Art der Verarbeitung den Preis. Der Weg vom Feld in die Tasse ist bei Oolong-Tees langwierig. Bei Familie Chen sind die Aufgaben verteilt: Mutter Huang betreut den Anbau auf den Teefeldern. Ihr Mann Chen ist zuständig für die Verarbeitung, also letztlich für den Geschmack der Tees. Man brauche schon viel Erfahrung, um einen guten Tee herzustellen, erzählt er.

Bis zu sieben Verarbeitungsschritte sind für den halb oxidierten Tee wie Oolong nötig. Je nach Dauer der Verarbeitung ist das Ergebnis entweder ein leichterer Oolong, der fast wie ein Grüntee schmeckt, oder ein dunklerer, der schon fast mit schwarzem Tee verwechselt werden kann. Die Teeblätter werden nach dem ersten Trocknen in der Sonne, anschließend in der Werkstatt weiterverarbeitet. Dort kommt der Tee für acht bis zehn Stunden in die Trommeln,  „der austretende Saft der Blätter reagiert dann mit dem Sauerstoff und beginnt zu oxidieren. Um  den Prozess zu unterbrechen, wird der Tee geröstet, anschließend gerollt, dann getrocknet und dann wieder geröstet“, erzählt Chen.

 Teurer als Gold

Gerade der Oolong aus Wuyi und hier vor allem die Sorte Dahongpao gelten als etwas ganz Besonderes, weiß Natalia Panne vom Onlinevertrieb "tea-exclusive": "Dahongpao gehört zu den Kaisern unter den Tees, das ist auch der teuerste Tee. Der Dahongpao wurde dreimal versteigert in der Geschichte, zuletzt 2004. Da wurden 20 Gramm Tee von den Originalpflanzen für 21.000 Dollar verkauft. In dem Moment war Tee teurer als Gold."

Käufer des wertvollen wertvollen Dahongpao sind in der Regel reiche Geschäftsleute, die sich mit dem ersteigerten Tee einen Namen machen wollen oder ihn als besonderes Geschenk weiterreichen. Lässt sich Tee vielleicht sogar als Geldanlage nutzen? Davon rät Robert Halver ab. Er ist Analyst der Baader Bank in Frankfurt. "Das sollten nur diejenigen machen, die wirklich Teekenner sind, die schon alles haben, Immobilien, Aktien und so weiter", meint er. "Das sollten nicht diejenigen machen, die bisher ein Sparbuch hatten und jetzt feststellen, es gibt keine Zinsen mehr. Tee kann schlecht werden, kann umgehen."

Lagerung ist wichtig

Unabhängig vom Preis: Etwas Besonderes bleibt der Tee allemal. Und damit die Teefans ihre exquisiten Blätter mit heißem Wasser lange genießen können, ist die Lagerung wichtig. "Guter Tee verträgt kein Licht und keine Luft, also licht- und luftdicht lagern und fern von Gewürzen", sagt Natalia Panne. "Tee darf nicht offenstehen, denn das sind ja natürliche ätherische Öle, die schnell verfliegen." Gute Oolong-Tees kann man bis zu fünf Jahre lang lagern, so ihre Erfahrung. Aber das Lagern zur Wertsteigerung, das ist nicht Sache der Familie Huang-Chen. Ihnen geht es darum, die Ernte des Vorjahres zu einem guten Preis zu verkaufen. Bei der Vermarktung könnte zum Beispiel helfen: eine Auszeichnung bei einem Teefest.

Schweineköpfe für die Götter

Zurück in Tianxin, am Fuß der WuYi-Berge: Insgesamt 24 Kilo Tee in mehr als 800 Probier-Portionen haben die Besucher des dreitägigen Festes getestet und dazu ihr Votum abgegeben. Die Entscheidung fällt schließlich eine Jury aus zwölf Experten der Teeindustrie. Tees aus den Feldern der Chen-Familie sind diesmal nicht dabei.

Huang Linqian setzt auf die neue Ernte aus dem nächsten Jahr. Dazu wird sie im Frühling wieder in die Wuyi-Berge gehen, zu den Mutter-Büschen des Dahongpao, und versuchen, die Götter günstig zu stimmen: "Immer im April halten wir Zeremonien zu Ehren der Götter ab. Mit Schweineköpfen, Früchten und Alkohol, um dann vor den heiligen Teesträuchern zu beten. Wir rufen dann: Teeblätter sprießt!“

Sendung: hr-iNFO Die Reportage, 24.12.2019, 20:15 Uhr

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