Eine Krankenschwester in einem Krankenhaus.

Nach der Anerkennung auf Balkonen sollte auch die finanzielle kommen. So war es von Politikern mehrfach zu hören. Ein großer Teil des Pflegepersonals in Krankenhäusern wartet darauf allerdings noch immer.

Ende Juni entlädt sich die Wut an einem Lavendel-Strauch. Der Wissenschafts-Staatssekretär in Rheinland-Pfalz hat ihn gepflanzt für die Uni-Klinik in Mainz – um sich für den Einsatz in der Corona-Pandemie zu bedanken. Das Ministerium twittert die Aktion und bekommt vor allem wütende Reaktionen – auch von Krankenpflegern:

@MWWK_RLP @alt_aber_gut DAS. KANN. NICHT. IHR. ERNST. SEIN!! Wieviel Hohn und Spot habt ihr eigentlich noch in eurer Trickkiste? Wie abgebrüht kann man eigentlich sein? Was sind wir für euch? Der letzte Dreck ? Ich fasse es nicht!

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@MWWK_RLP @alt_aber_gut Zahlt der Lavendel jetzt meine Rechnungen? Nein? Oh schade aber auch

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Deutschland, Ende März. Applaus von den Balkonen, wenn Pflegekräfte anrücken, um Corona-Tests zu machen und die Infizierten in der Isolation zu untersuchen. Die Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen werden zu den „Helden der Krise“, sind plötzlich „systemrelevant“.

Was soll das alles? Es wird einfach konsequent nichts getan um unsere Lage zu verbessern. Dafür wird gesungen, geklatscht und Lavendel gepflanzt. Es ist nicht mehr zu ertragen. Tut endlich was! https://t.co/Bdet6RnQsi

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"Mehr erwartet als ein Dankeschön"

Zu der ohnehin schon hohen Arbeitsbelastung kommt das erhöhte Risiko: Bis heute haben sich über 14.000 Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, mit Corona angesteckt. Zum Vergleich: In der Fleischindustrie sind es unter 5.000. Politisch kommt das Thema der fairen Bezahlung für Pflegekräfte wieder auf die Tagesordnung.

Es sei die Erwartung geweckt worden, "dass man wahrnimmt, dass hier Menschen unter sehr hohem individuellen Einsatz arbeiten. Und von daher hat man mehr erwartet als ein Dankeschön", sagt die Grünen-Pflegepolitikerin Kordula Schulz-Asche.

Kein Bonus vom Bund für Pflegekräfte in Krankenhäusern

Mitte Mai beschließt der Bundestag mit dem zweiten Pandemie-Gesetz einen Bonus: 1.000 Euro vom Bund, 500 sollen die Länder beisteuern – allerdings nur für Pflegerinnen und Pfleger in Altenheimen und ambulante Pflegedienste: "Der Applaus ist wichtig, die Anerkennung ist wichtig und genau die stellen wir mit diesem Gesetz sicher", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn damals im Bundestag.

Er ist zufrieden: In den meisten Bundesländern wird der Bonus mit dem Juli-Gehalt in voller Höhe ausgezahlt. Pfleger im Krankenhaus wurden im Gesetz aber nicht berücksichtigt. Das Gesundheitsministerium begründet das unter anderem so: "Dabei wurde auch berücksichtigt, dass die Entlohnung in der Altenpflege aktuell noch nicht so hoch ist wie zum Beispiel die Entlohnung von Pflegekräften in Krankenhäusern.“ Auch die anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen könnten mit den Arbeitgebern Boni selbst vereinbaren, heißt es weiter.

"Gesundheitsministerium macht es sich zu einfach"

Grünen-Politikerin Schulz-Asche hält es im Normalfall für richtig, dass sich der Arbeitgeber bei den Beschäftigten bedankt. Aber in der Corona-Pandemie seien auch die Krankenhäuser in die Schieflage geraten: Sie seien nicht nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems - "weil sie selber partiell runtergefahren sind und in anderen Bereichen Überlastung oder eben einen Leerstand hatten im Intensivbereich." Da mache sich das Gesundheitsministerium die Antwort also zu einfach.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), die die Interessen der Kliniken vertritt, betont die schwierige wirtschaftliche Lage. Die Boni seien im Jahresbudget nicht vorhanden, sagt ihr Hauptgeschäftsführer Georg Baum: "Über ein Drittel der Krankenhäuser macht Verluste und es wäre ein Gerechtigkeitsproblem, wenn die einen Krankenhäuser, denen es ein bisschen besser geht, zahlen, und die anderen nicht." Wenn, dann bräuchte es eine Lösung für alle.

Keine schnelle Lösung in Sicht

Bis jetzt ist das nicht der Fall: Nur in Berlin, Schleswig-Hollstein und Bayern gibt es einen Bonus auch für Krankenpfleger. In Bayern wurde er bereits Anfang April beschlossen: "Wir wollen die Wertschätzung und da muss auch was Finanzielles rausspringen", sagte Ministerpräsident Söder. In Bayern bekommen Krankenpfleger, Rettungssanitäter sowie Beschäftigte in Behinderteneinrichtungen Einmalzahlungen von 500 Euro

DKG-Chef Baum sieht sich in seiner Forderung nach einer staatlichen Lösung bestätigt. "Dort, wo jetzt die Länder das machen, ist das zu begrüßen. Aber es macht eben deutlich, es kann nur funktionieren, wenn der Staat bereit ist, den politischen Versprechungen auch Mittel zuzufügen und das dann aus Steuermitteln zu finanzieren."

Auch die Gewerkschaften sowie SPD, Linke und Grüne im Bundestag fordern, die Zahlungen auszuweiten. Bisher spricht aber nicht viel dafür, dass die Bundesregierung eine schnelle Lösung findet.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 22.7.2020, 12 bis 15 Uhr

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