Pfungstadt Ortseingangsschild

Seit Ende 2014 begleitet hr-iNFO die Ankunft von Geflüchteten und die Folgen in Pfungstadt. Wie sehr hat sich die südhessische Gemeinde verändert? Im fünften Jahr unseres Langzeitbeobachtungsprojekts blicken wir zurück auf 2015 und fragen, wie die Situation heute ist.

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Zum Artikel "Pfungstadt ist und bleibt meine neue Heimat" - eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge 5 Jahre später

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Es ist ein kalter, verregneter Tag im Januar 2015, als eine irakische Frau mit ihrer Mutter aus einem Kleintransporter steigt, und auf einen flachen grauen Bau im Pfungstädter Gewerbegebiet starrt. Sie kommen direkt aus dem Erstaufnahmelager in Gießen und sind vom Landkreis Darmstadt-Dieburg weiterverteilt worden. Pfungstadt? Ein Nirgendwo für die Beiden. "Wir sind aus Bagdad. Was sollen wir hier? Meine Mutter ist krank. Wie können wir an diesem Ort bleiben?" Eine Sozialarbeiterin versucht zu beruhigen. Aber die Frau verliert zusehends die Nerven. "Wollen Sie uns umbringen?"

Nur eine von unzähligen Szenen, die sich abgespielt haben im Winter 2015. Die ersten Monate, die Ankunft der Flüchtlinge, der Empfang – all das war purer Stress für alle: für die Stadt, die Betreuer, die Flüchtlinge, die auf die hessischen Gemeinden verteilt wurden.

Erste Glücksmomente und Herausforderungen

Wochen später hatte sich die Frau beruhigt und kam langsam an. Eine andere Begegnung aus den ersten Tagen war die mit Hanna, einer jungen Mutter, die sechs Jahre lang in Syrien ohne Brille ausgekommen war, kaum sehen konnte, aber bei einer Optikerin in Pfungstadt eine Brille gespendet bekam. Die neue Brille entlockt ihr ein Lachen: "Vielen Dank. Ich bin sehr glücklich." Auch wenn es ein verregneter Wintertag ist, für die Syrerin ist er der hellste und schönste seit Jahren.

Während es in den ersten Monaten nur um die Versorgung und die Verteilung der Flüchtlinge ging, wurde schnell klar: Viele werden lange bleiben. Wohnraum wurde knapp. Neue, große Unterkünfte mussten her.

Dicke Luft

Auch 2017 war das noch so, als Bürgermeister Patrick Koch eine von mehreren Unterkünften eröffnen musste und sich Dutzenden verärgerten Anwohnern stellte. Sie wollten wissen, wer dort einzieht. Wie viele Menschen dort einziehen würden. Was mit der Sicherheit wäre, für die Nachbarn, aber auch für die Flüchtlinge selbst.

Denn zuvor hatte es rassistische Schmierereien gegeben an der Hauswand des Gebäudes. Ein emotionaler Abend, der zeigte: Auch wenn zu dieser Zeit landauf, landab Flüchtlingsunterkünfte aufgebaut wurden – es war für jede einzelne Gemeinde ein Kraftakt, keine Routine. Nicht für die Verwaltungen, nicht für die Bürgerinnen und Bürger. Einige Pfungstädter fühlten sich schlicht überrumpelt von der Stadtverwaltung. Einer der Anwohner machte seinem Ärger Luft: "Die haben gar nix geplant! Kein Konzept, die lassen alles auf sich zukommen!"

"Es ist gut gelaufen, eigentlich"

Die Stadt hatte durchaus ein Konzept und schon früh dafür gesorgt, dass die Flüchtlinge intensiv betreut werden im Rathaus - von Halima Gutale. Sie ist selbst vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen und ist heute die Integrationsbeauftragte von Pfungstadt. Sie kannte und kennt deshalb die Herausforderungen von Integration - ein Begriff, den jeder anders interpretiert.

Mit Blick auf die vergangen fünf Jahre findet sie: "Was wir damals befürchtet haben und was heute daraus geworden ist, kann ich nur sagen: Toi toi toi. Wir haben Glück gehabt hier in Pfungstadt." Was sie meint: Viele der rund 400 neuen Pfungstädter machen ihren Weg, meist eher lautlos, Kinder gehen zur Schule. Doch Integration ist ein langer Weg ohne klares Ziel.

"Es ist gut gelaufen, eigentlich", sagt Gutale. Hinter dem Wörtchen "eigentlich" verbergen sich fünf Jahre mit Problemen, die weiter existieren. Es gibt noch immer viele, die mit der Sprache nicht zurecht kommen, aus unterschiedlichen Gründen keinen Tritt fassen, die weiterstrampeln und sich anstrengen, andere, die resigniert haben. Und Hartz-IV beantragen. Wohnraum? Ist noch immer knapp in Pfungstadt. Viele Flüchtlinge wohnen noch immer in Gemeinschaftsunterkünften, obwohl sie längst auf eigenen Füßen stehen, weil sie arbeiten.

Pfungstadt als Heimat?

Hat sich Pfungstadt also verändert in den vergangenen fünf Jahren? Stimmen vom Supermarktparkplatz: "Also wenn, dann ist es mir nicht aufgefallen. Mein Alltag hat sich nicht verändert", findet eine junge Frau. Ein Rentner sieht das etwas anders: "Wir werden hier weggedrängt. Und die haben das Vorrecht vor uns. Grad wegen der Asylanten und so weiter: Ich bin kein Rassist, aber ich finde es ungerecht, wie wir behandelt werden." Eine andere Frau sieht es entspannter: "Ich habe kein Problem mit Flüchtlingen. Was sollen die uns schon wegnehmen, denen geht’s doch selber schlecht."

Integration ist eine Frage der Perspektive. Und ob erfolgreich oder nicht – sie geschieht im Stillen. Oft mit Hilfe von Ehrenamtlichen. Im Großen und Ganzen leben Neuankömmlinge und Alteingesessene aber eher nebeneinander her, wenig miteinander. Anas Al Saadi findet das normal. Er ist 2015 aus Syrien gekommen und hat seinen Platz gefunden in Pfungstadt: "Heimat ist nicht dort, wo man geboren ist. Sondern dort, wo man sich wohlfühlt, wo man echte Freunde machen kann. Und Pfungstadt ist und bleibt meine neue Heimat."

Serie: "Pfungstadt - eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge"

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