Sexualkundeunterricht

In Schweden ist eine heftige Debatte über den Sexualkunde-Unterricht entbrannt: Die Schulen hätten versagt, heißt es. Viele Jugendliche würden ihr Wissen über Sex deshalb vor allem aus Pornos beziehen - mit fatalen Folgen.

Katarina Svensson Flood ist eigentlich Hebamme, arbeitet aber in einem Krankenhaus in Borlänge, gut 200 Kilometer nordwestlich von Stockholm, mit jungen Patienten. Und da erlebt sie Beunruhigendes. Sie hat darüber geschrieben, bei Facebook, und dann in vielen Interviews auch darüber gesprochen, wie etwa im Sender SVT.

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Figuren von Mann und Frau zwischen einem Kondom.
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Es geht um jugendliche Sexualität und was da gerade schief läuft: "Mädchen machen häufig bei Sexualpraktiken mit, die sie eigentlich nicht wollen. Das kann zu körperlichen Verletzungen und Schmerzen führen. Ich habe beschrieben, was ich bei meiner täglichen Arbeit sehe. Erwachsene müssen wissen, dass viele Jugendliche einen problematischen Start in ihr Sexualleben haben."

Gewalttätiger Sex als Norm

Oder besser: dass sie ihn erleiden. Sagt jedenfalls Linn Englund von "Snaf", einer vor zwei Jahren gestarteten Schüler- und Schülerinnen-Selbsthilfegruppe. Die Abkürzung steht für "Sexwissen, das du nie bekommen hast". Snaf krisiert den schwedischen Sexualkunde-Unterricht, er habe versagt - mit schlimmen Folgen gerade für junge Frauen: "15-jährige Mädchen fühlen sich schon gezwungen, sich beim Sex würgen zu lassen oder im Bett Hure genannt zu werden, weil sie nicht als langweilig gelten wollen", sagt Englund.

"Pornos haben diese Art von gewalttätigem Sex zur Norm gemacht. Das ist Alltag für Jugendliche, die sich in erster Linie über diese Pornos informieren, weil die Schulen versagt haben."

"Qualität des Unterrichts schwankt"

Auch die schwedische Schulinspektion ist kritisch. Die Qualität des Sexualkunde-Unterrichts schwanke, heißt es in einem in der Presse zitierten Bericht, er werde nur sporadisch gegeben und die Kompetenz der Lehrer reiche nicht aus.

Jetzt hat sich die  zuständige Hochschulministerin Matilda Ernkrans von den Sozialdemokraten eingeschaltet und Verständnis für die Kritik gezeigt: "Der Unterricht hat sich bisher mehr auf den Körper und seine Funktionen konzentriert und weniger auf das, was zwischen den Menschen passiert. Außerdem sind viele Lehrer unsicher, wie sie diese Aufgabe angehen sollen. Sexualkunde ist in Schweden kein eigenes Schulfach, sondern soll in mehrere Fächer einfließen."

Regierung plant Reform

Als Reaktion auf die heftige Debatte hat die rot-grüne Regierung jetzt beschlossen, den Sexualkunde-Unterricht zu reformieren, ihn besser zu machen. Und alle Lehrer speziell zu schulen, nicht nur, wie bisher, diejenigen, die in den Klassen sechs bis acht unterrichten. "Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche vernünftigen Sexualkunde-Unterricht erhalten. Sie sollen ein realistisches und gutes Bild vom Sex bekommen und das sollte die Schule liefern, nicht die Pornoindustrie", so die Ministerin.

Genau das ist aber oft noch der Fall - ausgerechnet in Schweden, das seit Jahrzehnten im Ruf steht, auch bei der sexuellen Befreiung vor allem von Frauen ganz weit vorne zu sein. Irrtum, kommentiert die Zeitung "Dagens Nyheter": "Wir leben in einer angeblich befreiten Ära. Angeblich, weil es hier offensichtlich noch immer schwierig ist, über Sex und Lust zu sprechen."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 4.9.2020, 12 bis 15 Uhr

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