Tempolimit
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Tempo 130 auf Autobahnen: Das ist eine von vielen Ideen einer Arbeitsgruppe des Verkehrsministeriums für mehr Klimaschutz. Über keine andere wird jedoch so erhitzt debattiert. Der Verkehrsminister selbst ließ gleich verlauten, sie sei "gegen jeden Menschenverstand". Völlig falsch, meint zumindest einer unserer Kommentatoren.

Pro Tempolimit: Spaß oder Menschenleben?

Andreas Josef

Was ist wichtiger - Spaß oder Menschenleben? Behalten wir diese Frage im Kopf. Schnelles Fahren auf der Autobahn - das ist Spaß, das ist ein Kick. Das Adrenalin schießt in die Höhe, wenn das eigene Auto mich in den Sitz drückt, die langsamen Wagen sehen aus, als ob sie auf der Autobahn stehen würden, obwohl sie schon 120 fahren.

Das erzeugt Glücksgefühle - Glücksgefühle auf Kosten anderer. Fast 21.000 Unfälle gab es 2017 auf deutschen Autobahnen, bei denen Menschen verletzt wurden, über 400 starben. So steht es in einem Bericht des Statistischen Bundesamtes. Die Hauptursache: zu schnelles Fahren. Und weil solche Argumente auf der Autobahn schnell vergessen sind, muss ein Tempolimit her. Malt man eine Europakarte mit den jeweiligen Tempolimits der Länder, prangt genau in der Mitte ein weißer Fleck: Frankreich 130, Belgien 120, Italien 130 - und Deutschland? Hier ist 200 kein Problem.

Warum ist das Tempolimit in Deutschland so ein Sakrileg, wenn die Vor- die Nachteile bei Weitem überwiegen? Weniger Tote, weniger Stress, weniger Spritverbrauch. Aber die Zeitersparnis! Wer auf einer Strecke von 100 Kilometern 180 statt der erlaubten 130 fährt, spart 13 Minuten - aber nur auf einer leeren Autobahn, Baustellen sind da gar nicht eingerechnet. Und so treffe ich den Sportwagen, der an mir vorbeigezogen ist, an der nächsten Ausfahrt wieder - mit leerem Tank. Wenn das einzige Argument 'der Kick' bleibt, dann stelle ich nochmal die Frage vom Beginn: Was ist wichtiger - Spaß oder Menschenleben?

Contra Tempolimit: Reine Symbolpolitik

Von Frank Aischmann

Ganz kurze Rückblende: 1973, Ölkrise, die Bundesregierung scheitert mit einem allgemeinen Tempolimit auf Autobahnen. Sie scheitert am ADAC-Slogan "Freie Fahrt für freie Bürger" - das ist ziemlich platt, aber irre griffig. Heute sind es die Umwelt, der Lärmschutz, die Unfallzahlen. Aber ich will gar nicht einsteigen in diesem Glaubenskampf, der mit höchst unterschiedlichen Statistiken geführt wird.

Wir haben im Land der mündigen Bürger seit gut 40 Jahren eine allgemeingültige Richtgeschwindigkeit: Wer die 130 überschreitet, hat einen Termin oder einfach Spaß am schnellen Fahren - so wie es auch den Spaß gibt am unvernünftigen und garantiert schädlichen Rauchen oder Saufen. Dieser Spaß endet - entscheidender Punkt -, wenn andere gefährdet werden, Stichwort Drängler mit Lichthupe.

Es wäre dennoch reine Symbolpolitik, jetzt auch den letzten Autobahnkilometer herunterzuregeln. Warum? Erst vergangene Woche die Meldung, auf deutschen Autobahnen haben wir 2.000 Staus pro Tag, die Gesamtlänge der Staukilometer in einem Jahr reicht zweimal zum Mond und zurück. Daran würde auch ein Tempolimit wenig ändern.

Wir sollten die Freiheit des schnellen Autofahrens genießen - mit Verantwortung, vor allem aber solange es sie überhaupt noch gibt. Denn das Autofahren, wie wir es kennen, ist ein Auslaufmodell - unweigerlich. Ob Elektromobilität oder vor allem das autonome Fahren: Schon in naher Zukunft übernimmt das Auto, wird der Fahrer zum entspannten Passagier - ob er will oder nicht. Die Zukunftsdebatte heißt deshalb, ob und wie wir mitmischen in dieser schönen, neuen und mit Sicherheit langsameren Welt des Fahrens - auch ohne verhängtes Tempolimit.

hr-iNFO, 21.01.2019, 13:25 Uhr

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