Eine Spritze mit dem Astrazeneca-Impfstoff wird aufgezogen.

In vielen Impfzentren bleibt der Wirkstoff von AstraZeneca liegen, weil er nicht gewollt wird. Nun ist eine Debatte darüber entbrannt, ob die übrig gebliebenen Dosen nicht an alle, die wollen, freigegeben wird. Wie sinnvoll wäre das? Ein Pro & Contra.

Pro Impfstofffreigabe

von Kai Küstner

Stellen wir uns kurz folgende, absurde Szene vor: Auf einem sinkenden Ozeandampfer befinden sich 100 Rettungsringe. Die aber holt der Kapitän gar nicht erst aus dem Schrank, weil viele Passagiere lieber ein Rettungsboot als einen Ring wollen. Und der Käpt’n unsicher ist, wer überhaupt ein Anrecht auf eine Schwimmhilfe hat.

Auch wenn dieser Vergleich nicht 1:1 auf die Corona-Krise übertragbar ist, die Absurdität ist dieselbe: In Deutschland stehen seit Wochen hunderttausende AstraZeneca-Dosen ungenutzt im Kühlschrank, auch weil viele lieber einen anderen Impfstoff wollen. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um einen Lebensretter. "Deutschland krempelt die Ärmel hoch" – aber nicht für AstraZeneca? Kaum zu fassen.

Da es aber gleichzeitig genug Menschen gibt, die sich gerne retten oder zumindest schützen lassen wollen, sollte die deutsche Bürokratie sie nicht daran hindern. Eine Freigabe des britisch-schwedischen Impfstoffs über die Gruppen der besonders Gefährdeten hinaus hätte längst erfolgen müssen: Hunderttausende, die liebend gern auch für AstraZeneca den Oberarm frei machen und nach dem Pieks vermutlich auch sonst niemand mehr anstecken, wären so bereits geschützt.

Wie oft haben wir schon von der Politik gehört, dass der Wettlauf gegen das Virus auch ein Wettlauf gegen die Zeit ist? Je schneller wir impfen, umso mehr Leben retten wir und umso schneller entkommen wir teuren und psychologisch zermürbenden Anti-Corona-Maßnahmen. Nachdem Bundesregierung und EU es uns durch allzu verhaltenen Impfstoffeinkauf schwer gemacht haben, aus den Startblöcken zu kommen, muss es ja nicht in Zeitlupe weitergehen. Die Freigabe des bislang völlig unterschätzten AstraZeneca-Impfstoffs wäre ein kleiner, aber willkommener Tempogegenstoß.

Contra Impfstofffreigabe

von Vera Wolfskämpf

Die Verwundbaren und die Gefährdeten zuerst – das ist ein wichtiges Prinzip, solange der Impfstoff knapp ist. Und das gilt grundsätzlich auch für den von AstraZeneca, es gibt keineswegs zu viel davon. Die bisher gelieferten 1,45 Millionen Dosen reichen längst nicht für all diejenigen mit einem hohen Risiko, an Covid19 zu erkranken oder sogar zu sterben. Und es mangelt auch nicht per se an Willigen. Die Bundesländer müssen es einfach besser organisieren, dass die Menschen ihre Impfung bekommen. Wenn Termine frei bleiben, muss eben der oder die nächste in der Reihenfolge gefragt werden. Manche Länder schaffen das, nicht überall liegt der Impfstoff ungenutzt herum.

Eine generelle Freigabe zum jetzigen Zeitpunkt wäre falsch. Erstens würde das bei den noch geringen Impfstoff-Mengen kaum etwas bewirken, was den gesamtgesellschaftlichen Schutz angeht. Zweitens wäre es wahrscheinlich, dass dann mobile und jüngere Menschen zum Zug kommen, weil sie schnell digital einen Termin buchen und zum Impfzentrum fahren können. Nicht ohne Grund gibt es aber die Prioritäten: Für schwer Kranke ist eine Impfung überlebenswichtig, auch bestimmte Berufsgruppen haben ein besonderes Risiko durch enge Kontakte, wie bei der Polizei oder der Kinderbetreuung.

Und solange eine Ressource knapp ist, muss sie nach Bedarf verteilt werden. Sobald genügend Impfstoff da ist, braucht es die Reihenfolge nicht mehr. Das könnte schon in einigen Wochen soweit sein. Bis dahin sollten die Länder ihrer Pflicht nachkommen, keinen Impfstoff durch schlechte Organisation verfallen zu lassen, sondern die am meisten Gefährdeten in der Gesellschaft zu impfen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 02.03.2021, 9 bis 12 Uhr

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