Eine Krankenpflegerin zieht am zweiten Tag des größten Impfprogramms in der Geschichte Großbritanniens im Londoner Guy's Hospital eine Spritze mit dem Pfizer/Biontech Corona-Impfstoff auf.

Dürfen Corona-Geimpfte bevorzugt behandelt werden, weil wir so schneller wieder zu einem normalen Leben zurückfinden? Oder sind damit die Grenzen einer freien Gesellschaft überschritten? Unsere Autoren sind geteilter Ansicht.

Pro: Wer sich korrekt verhält, wird im Zweifel bevorzugt

Von Claus Heinrich

Wer geimpft ist, tut nicht nur sich selbst etwas Gutes, er handelt auch sozial. Weil er dann hoffentlich niemanden mehr anstecken kann und weil er der Gemeinschaft hilft, der sogenannten Herden-Immunität einen Schritt näher zu kommen. Da ist es nur recht und billig, wenn die freiwillig Gepieksten auch schneller wieder ein Restaurant betreten, ein Theater besuchen oder in den Urlaub fliegen können. Natürlich ist das ein bisschen ungerecht denen gegenüber, die in der offiziellen Prioritätenliste ganz hinten liegen, weil sie unter 60 sind und nicht im Gesundheitsdienst arbeiten oder als Verkäuferin. Aber solche Sonderrechte für Geimpfte sind ja auch ein Ansporn für die vielen skeptischen Menschen, es ihnen möglichst schnell gleichzutun.

Wer durch diese Privilegien eine Art Impfpflicht durch die Hintertür sieht, liegt sicherlich nicht ganz falsch. Ich finde, dass sich die politisch Verantwortlichen trauen sollten, endlich mal Tacheles zu reden. Wenn wir alle möglichst schnell und möglichst gesund wieder in den Normalmodus zurückfinden wollen, ist ein bisschen sanfter Druck nicht ganz falsch. Wer sich korrekt verhält, wird im Zweifel bevorzugt behandelt. Richtig so!

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Welt-Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte, er halte es für denkbar, langfristig gegen das Coronavirus geimpften Menschen besondere Rechte einzuräumen. Er nannte Beispiele für ein vergleichbares Vorgehen: Einige Staaten hätten Einreiseverbote für Menschen erlassen, die nicht gegen Gelbfieber geimpft seien. Zudem gebe es eine Masern-Impfpflicht als Voraussetzung für die Aufnahme in einer Kindertagesstätte in Deutschland. Gesundheitsminister Jens Spahn sprach sich jedoch gegen solche Sonderrechte aus. [mehr]

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Contra: Das überschreitet die Grenzen einer freien Gesellschaft

Von Uwe Lueb

Nein, bitte keinen Impfzwang durch die Hintertür! Wenn gegen Corona Geimpfte Sonderrechte bekommen, hat das mit einer freien Gesellschaft nichts mehr zu tun. Wie weit wollte man denn gehen? Bleibt es für Sonderrechte beim Nachweis einer Corona-Impfung oder muss ich womöglich irgendwann auch nachweisen, dass ich keinen oder nur wenig Alkohol trinke und nicht rauche? Hat nichts miteinander zu tun? Doch, denn es geht vor allem um die Frage, welches Risiko ich für mich in Kauf nehme. Wer sich impfen lässt, schützt in erster Hinsicht sich selbst davor, sich anzustecken.

Wer das Risiko einer Infektion vermeiden will, kann sich also impfen lassen. Aber es gibt nun mal Menschen, die davor zurückschrecken, aufgrund eigener Erfahrungen, Berichten von Bekannten oder nur aus diffuser Angst. Diese Menschen haben genauso ein Recht darauf, ernst genommen zu werden wie Impfwillige. Ihnen Rechte zu verweigern, überschreitet Grenzen einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleiche Rechte haben. Ja, vermutlich ist es sinnvoll, sich impfen zu lassen, wenn es denn überhaupt mal für alle möglich sein wird. Impfscheue indirekt zu zwingen, ist aber der falsche Weg, sie zu überzeugen der richtige.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 28.12.2020, 12 bis 15 Uhr

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