Zwei Fahradfahrerinnen auf einem roten Fahrradweg

Durch Corona haben viele Menschen das Fahrrad neu entdeckt. Die Verkäufe sind stark gestiegen und einige Städte haben Autospuren zu Fahrradwegen umgewandelt. Wird Deutschland jetzt zum Fahrradland? Und was müsste dafür passieren?

Katharina Knacker hat ihr Fahrrad am Friedberger Platz im Frankfurter Nordend abgestellt. Sie ist Ende 30, hat zwei Töchter. Sie besitzt kein Auto und legt nach eigenen Angaben fast alle Wege mit dem Rad zurück. Seit rund zwei Jahren engagiert sie sich bei der Initiative "Radentscheid Frankfurt". Ihre große Motivation: Ihre Kinder sollen sicher und mit Spaß Fahrrad fahren können.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Radfahren in Corona-Zeiten – Eine Chance für die Verkehrswende?

Radweg
Ende des Audiobeitrags

Katharina Knacker glaubt, dass sich der Zeitgeist in der Corona-Krise verändert hat. "Als ich heute geradelt bin, gab es eine Ampel, an der über zehn Radfahrer gewartet haben." Und zwar nicht nur sportliche Mittdreißiger, sondern auch ältere Damen. "Meine subjektive Beobachtung ist, dass in Frankfurt gerade in diesem Sommer viel mehr Menschen aufs Rad steigen", sagt Katharina Knacker.

Veränderte Mobilität

Solche Beobachtungen konnte man auch in vielen anderen deutschen und europäischen Städten machen. Die Corona-Pandemie hat die Mobilität der Menschen verändert. Fußgänger und Radfahrer beanspruchen plötzlich mehr Platz in den Städten, worauf einige Kommunen mit spontanen Lösungen reagieren.

In Berlin entstanden in der Corona-Zeit temporäre "Pop-up-Radwege", also kurzfristig eingerichtete Radwege auf Autospuren. Die belgische Hauptstadt Brüssel führte sogar ein Tempolimit von 20 Kilometern pro Stunde fast im gesamten Stadtzentrum ein, außerdem bekamen Fußgänger und Radfahrer Vorrang vor Autos.

Frankfurt gegen kurzfristige Lösungen

Die Stadt Frankfurt hat sich gegen solche kurzfristigen Lösungen wie Pop-Up-Radwege entschieden. Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) verweist auf ein aktuelles Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts, das solche temporären Radwege für rechtswidrig erklärt. Oesterling betont, man setze in Frankfurt auf nachhaltigere Maßnahmen: "Wir haben als Ergebnis des Radentscheids umfangreiche Umbaumaßnahmen, bei denen es darum geht, Radwege endgültig anzulegen."

Oesterling bezieht sich auf das Maßnahmenpaket "Fahrradstadt Frankfurt", das die Stadtregierung im vergangenen Jahr beschlossen hat. Es ist eine Reaktion auf die Forderungen der Initiative "Radentscheid", die 2018 rund 40.000 Unterschriften für ein fahrradfreundlicheres Frankfurt gesammelt hatte.

Große Chance

Frankfurt plant, bis 2023 mindestens 45 Kilometer Radwege neu zu bauen oder umzubauen – im Zweifelsfall auch so, dass Autos dadurch weniger Platz haben. Aktuelles Beispiel ist die Friedberger Landstraße, wo in diesem Sommer zwei Autospuren in Radwege umgewandelt wurden. Und zwar dauerhaft und nicht nur als Pop-up-Radweg. Dafür dauere das dann etwas länger, sagt Verkehrsdezernent Oesterling. Zudem gebe es immer wieder Schwierigkeiten, Lücken im Radweg zu schließen – etwa, wenn dadurch Parkplätze wegfallen. "Es geht eben nur Schritt für Schritt", so Oesterling.

Die Corona-Krise ist eine große Chance für den Radverkehr, konstatiert das Deutsche Institut für Urbanistik (DIFU) in einer aktuellen Studie. Dagmar Köhler vom DIFU berät Kommunen, die ihre Straßen und Wege fahrradfreundlich umbauen wollen. Sie erklärt: "Die Corona-Krise hat erfahrbar gemacht, was das Ziel von moderner Mobilitätsplanung ist: die menschengerechte Stadt, die nicht dominiert wird von den negativen Nebeneffekten des Verkehrs."

Berlin habe mit seinen Pop-Up-Radwegen einen Impuls gegeben, dem auch andere Kommunen folgen, sagt Köhler. "Es ist zu beobachten, dass die Verwaltungen ihre Rolle ganz neu reflektieren, dass sie sich nicht nur als Umsetzer von Bewährtem verstehen, sondern dass sie gestalten können."

"So weiter wie bisher funktioniert nicht"

Jetzt sei die Zeit gekommen, die Städte so umzugestalten, dass Radfahrer und Fußgänger mehr Raum bekommen. Die Kommunen seien dabei eine treibende Kraft für Veränderung: "Denen ist zunehmend klar, dass es so nicht weitergeht. Die Ballungsgebiete wachsen, entsprechend wächst der Individualverkehr, die Emissionen, der Raum wird knapp. So weiter wie bisher funktioniert nicht."

Auch Katharina Knacker aus Frankfurt will den neuen Zeitgeist nutzen und sich weiterhin für mehr Radwege in der Stadt einsetzen. Am Sonntag (20.9.), organisiert sie unter dem Motto "Kidical Mass" eine Fahrraddemo für Kinder mit. Bundesweit wollen Familien im Fahrradkorso für bessere Radwege demonstrieren.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.09.2020, 18 bis 20 Uhr

Jetzt im Programm