Eine Demonstrationsteilnehmerin mit Gesichtsmaske

Mit unglaublich vielen Mitgliedern prahlt eine neue Partei namens Widerstand 2020 im Netz, in Youtube-Videos und auf ihrer Internetseite. Die Partei richtet sich gegen die Corona-Maßnahmen und verurteilt den Lockdown als Fehler. Wie haltbar sind ihre Thesen und wer steckt hinter Widerstand 2020?

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In einem seiner Youtube-Videos sitzt Dr. Bodo Schiffmann in weißer Jeans und weißem T-Shirt in seiner Arztpraxis. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Sinsheim bei Heidelberg. In seinem Video zweifelt Schiffmann die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen an: "Wir müssen einfach mal darüber reden, was mit unserer Demokratie passiert ist, mit unserer Freiheit, unseren Freiheitsrechten."

Er glaubt, dass der Lockdown Mitte März gar nicht mehr nötig gewesen wäre, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Die Bundesregierung habe einen Fehler gemacht und stehe nicht dazu, das Robert-Koch-Institut habe keine anderen Meinungen zugelassen, der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk habe einseitig berichtet, die Opposition ihre Arbeit nicht gemacht.

Aus Protest wird Partei

Weil sich niemand für seine Thesen interessiert habe, habe er die Partei Widerstand 2020 gegründet – zusammen mit Victoria Hamm, die sich selbst als "Nur ein Mensch" betitelt und dem Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig. Ludwig demonstrierte am ersten Maiwochenende in Stuttgart für die Befreiung von den Corona-Maßnahmen und gegen eine mögliche Impfpflicht. Seiner Meinung nach, habe dieser Protest Signalwirkung für die Bundesrepublik und ganz Europa, "dass wir uns unsere Freiheit zurückholen".

Seine Familie lebt auf Mallorca – er kann im Moment nicht zu ihnen. Das beklagt er. Nach eigenen Angaben haben die drei bereits über 100.000 Mitglieder in ihrer Partei. Bisher schien es aber so, dass man Mitglied wird, einfach indem man auf die Seite geht.

Zweifelhafte Mitgliederzahlen

Mittlerweile muss man seine Daten eingeben und die Satzung von Widerstand 2020 anerkennen. Bodo Schiffmann – der sich als Vater der Partei sieht – sagt, auch wenn man einen fehlerhaften Teil der Anmeldungen rausrechne, sei der Ansturm gewaltig. Der Parteienforscher Hendrik Träger von der Universität Leipzig zweifelt an der hohen Mitgliederzahl – noch nie habe es bei einer Partei eine solche Eintrittswelle gegeben. Es sei auch nicht klar, ob es sich bereits überhaupt um eine Partei entsprechend dem Parteiengesetz handle. Laut Widerstand 2020 wird gerade am Programm gearbeitet, basisdemokratisch.

Im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio tritt Schiffmann sachlich auf. Anders als in seinen Videos spricht er nicht von einer verbreiteten Massenpanik, von über 80-Jährigen, bei denen man Sterbehilfe leiste, oder das Corona nur ein "Hüsteln" sei. Doch danach gefragt, ob er ein Verschwörungstheoretiker sei, urteilt Schiffmann bissig: "Ich sehe im Moment einen Verschwörungstheoretiker, der sich Robert-Koch-Institut nennt und ich sehe immer mehr Experten, die eine andere Meinung haben."

Harmlose Partei oder gefährliches Sammelbecken

Der Soziologe Matthias Quent warnt, Widerstand 2020 sei ein diffuses Sammelbecken aus Verschwörungstheoretikern, Rechtspopulisten, linksesoterischen Impfgegnern, aber auch verunsicherten Bürgern – was gefährlich sei. Die Gründer der Partei fühlen sich zu Unrecht attackiert.

Auch jegliche Verbindung zur AfD weisen sie von sich – dass ein AfD-Politiker seinen Hahn Blacky bei ihnen als Mitglied angemeldet habe, habe sie lediglich köstlich amüsiert. Sie seien auch nur bei der gleichen Briefkastenfirma gemeldet wie die AfD, weil keine andere sie als Kunde habe nehmen wollen.

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