Sie heißen Leila, Maimouna, Nala, Chou, Tony oder Jonny. Sie alle sind in Hessen geboren und aufgewachsen. Sie alle verbindet eine Erfahrung: schon mal rassistisch beleidigt oder angegriffen worden zu sein. Und sie haben darüber geredet.

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Zum Artikel Mehr als ein blödes Gefühl - Rassismus im Alltag hat viele Gesichter!

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"Ich habe in Frankfurt an fast jedem Ort Rassismus erlebt", sagt Maimouna. Das sei nicht orts- oder stadtteilgebunden, Menschen würden "ganz offen gewaltbereit auf einen zugehen und einen beleidigen. Man wird in der Straßenbahn, im Laden einfach geschubst, beleidigt. Man wird negativ kategorisiert aufgrund von irgendwelchen Sachen, die irgendwelche Leute irgendwann mal gelesen haben." Hauptsächlich werde man aber "als Nicht-Deutsche Person gezählt, die man deswegen auch nicht gut behandeln muss", meint die 29 Jahre alte Studentin. Sie ist Mutter eines Zweijährigen, ihre Eltern kommen aus Gambia.

Auch Laila (Name von der Redaktion geändert) hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch sie ist Frankfurterin, 30 Jahre alt und trägt seit ihrem 18. Lebensjahr Kopftuch. Ihre Eltern sind aus Marokko. Sie selbst kennt das Land nur aus dem Urlaub und sagt, sie sei Deutsche. Sie erlebt seit ihrer Kindheit Rassismus: "Als ich in einem Einkaufszentrum war, um mir was zum Trinken zu kaufen, kam mir ein Mann entgegen, der mich geschubst hat und gesagt hat: 'Was läufste hier mit deinem blöden Kopftuch rum?'" Damals sei sie im siebten Monat schwanger gewesen. "Das ist für mich knallhart Rasssismus. Aus Reflex habe ich erst mal reagiert und meinte 'Geht's noch, bist du bescheuert? Ich bin schwanger', weil ich dafür sorgen wollte, dass das nicht mehr passiert. Er hat mir die Faust ins Gesicht gehalten und gesagt: 'Möchtest du aufs Maul?' Und meinte auch, 'noch schlimmer, noch jemand von euch!'"

Ein Mückenstich alleine ist nicht schlimm ...

Rassismus im Alltag ist für die Betroffenen verletzend und vor allem ausgrenzend. Das beschreibt auch die Journalistin Alice Hasters in ihrem Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten". Sie ist Tochter eines Deutschen und einer Amerikanerin und sagt von sich, sie sei schwarz. Oft seien es kleine Bemerkungen oder auch nur Blicke, die sich wie "Mückenstiche" anfühlen, so die Autorin. "Der eine ist ja nicht so schlimm, aber in der Masse." Es seien vor allem diese Dinge, die wirklich nerven: "Dass mir einfach in die Haare gefasst wird, manchmal gefragt, aber oft auch nicht und dass dann so blöde Sprüche fallen: 'Das sind so Afro-Haare.' Das andere ist: 'Wo kommst du her?' und dass ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich auch Deutsche bin."

Schwierig wird es, wenn sie mit weißen Menschen über Rassismus reden will, denn die fühlen sich dann immer schnell angegriffen, in die Nazi-Ecke gestellt. Dabei gehe es ihr vor allem darum, dass sich Weiße bewusst machen, "dass man bestimmte rassistische Denkstrukturen vielleicht verinnerlicht hat, dass bestimmte rassistische Stereotype uns immer noch umgeben in Literatur, Filmen, Theater und vielleicht auch in den Medien." Erst wenn man das begreift, könne man auch bewusst dagegen angehen. "Besser als das ganze Thema zu verdrängen."

Ein weiterer Grund, warum es schwer ist, über Rassismus zu sprechen, sei die Ignoranz, so Hasters: "Weil ich immer gehört habe, dass das übertrieben sei, das ganze Unwohlsein, dieses Unbehagen, diese Mückenstiche."

Ein muslimischer Bürgermeister?

Es gibt aber auch Fälle, die bekommen eine größere öffentliche Aufmerksamkeit: Wie zum Beispiel Anfang des Jahres. Sener Sahin sollte für die CSU im schwäbischen Wallerstein als Bürgermeisterkandidat antreten – doch das passte einigen Mitgliedern des Ortsverbands der CSU nicht. Der Grund: Sener Sahin ist Muslim.

Daraufhin zog Sahin seine Kandidatur zurück – er wolle der Partei nicht schaden. Da hat auch ein Anruf des CSU-Generalsekretärs Markus Blume und die Unterstützung vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nichts mehr genutzt. Kein muslimischer Bürgermeister in der CSU! Seither ist Sahin nicht nur der bekannteste Beinahe-Bürgermeisterkandidat Deutschlands, mit diesem Fall ist bundesweit eine Diskussion um Rassismus entstanden.

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hessenschau kompakt - 16:45 Uhr - 06.01.2020
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Was optimistisch stimmt ...

Ganz zu Recht, meint Sozialaktivist und Autor Ali Can. Er ist Sohn kurdischer Aleviten und in Hessen aufgewachsen. "Er hat so viele Eigenschaften erfüllt eines sogenannten Mustermigranten, der bestens integriert ist, aber trotzdem verhindert es nicht, dass man rassistisch behandelt wird." Can hat vor eineinhalb Jahren eine Diskussion zum Alltagsrassismus angestoßen – und auf Twitter die Aktion #metwo ins Leben gerufen. Seither hatten sich zehntausende Menschen zu Wort gemeldet und von ähnlichen Situationen erzählt.

Für Can ein Zeichen, "dass wir immer noch wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden." Umso mehr brauche es ein Gegengewicht und Kampagnen wie diese. Er ist aber auch optimistisch, dass sich im Zusammenleben immer mehr verändere, denn die Rassismusforschung zeige ja auch: "dass mit vielen Kontakten auch die Vorurteile abnehmen und das dann auch zum Normalfall wird."

Sendung: hr-iNFO Politik, 16.1.2020, 20:35 Uhr

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