IGS Kalbach-Riedberg

Ist das, was und wie wir in der Schule lernen, noch zeitgemäß? Das fragen sich nicht nur Schüler, sondern auch Eltern und Lehrer. Deshalb gibt es öffentliche Schulen, die neue pädagogische Wege gehen - als Modellprojekt. Die IGS Kalbach-Riedberg in Frankfurt ist eine davon. Bis zur achten Klasse gibt es dort zum Beispiel keine Noten.

An der IGS Kalbach-Riedberg in Frankfurt heißen die Klassen nicht 7a oder 7b, sondern wie Äpfel, erklärt Anastasia. Die 13-Jährige gehört zum Redaktionsteam, das verantwortlich ist für alles, was rund um die Schule geschrieben wird. Sie holt mich im Sekretariat ab und zeigt mir ihre Schule. Wir lernen auch in gemischten Klassen, erzählt sie mir, und in eigenen Lernhäusern. Auch die haben Apfelnamen: In Harberts Renette, benannt nach einem alten Kulturapfel, haben die Siebt- und Achtklässler gerade Projektarbeit. Die Tür ist offen.  

Selbstständiges Arbeiten in Projekten

"Alle gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, also Geschichte, Erdkunde und Politik und Wirtschaft, und alle naturwissenschaftlichen Fächer, also Biologie, Chemie und Physik, gehen komplett im Projekt", erklärt Lehrerin Clara Marianoff. Insgesamt acht Stunden pro Woche sind dafür vorgesehen. Ich lerne: Projektarbeit beginnt immer mit einer Inputphase. "Da kriegen die Kinder eben so ein bisschen Input, weil man kann natürlich keine Frage stellen, wenn man noch nichts weiß zu dem Thema."

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„Wir fangen im Grunde jetzt erst an, die Schulen systematisch digital auszustatten“

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Fragen zu stellen, ist wichtig an der IGS Kalbach-Riedberg. Und das geht am besten an runden Tischen mit vielen Schülern. Die Inputphase ist abgeschlossen. Jede Gruppe sucht nach einer Forschungsfrage. "Wir haben uns jetzt in der Inputphase zum Beispiel auch Videos angeguckt und jetzt schauen wir, was uns am meisten interessiert und versuchen, gemeinsam ein Thema zu finden", erzählt ein Schüler.

Miteinander denken und sich etwas trauen

"Einander helfen, miteinander denken und sich etwas trauen. Das ist ganz wichtig bei uns", bestätigt Anastasia vom Redaktionsteam und fragt die Achtklässler, wie sie das finden. "Wir haben ein großes Überthema, aber ich kann schauen, was interessiert mich am meisten und kann damit auch mit mehr Motivation daran arbeiten. Und wenn man motiviert an etwas ist, dann kommen meist auch bessere Leistungen raus."

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Selbstständige Schulen

Die IGS Kalbach-Riedberg ist eine sogenannte selbstständige Schule. Das ist die Bezeichnung mehrerer Modellversuche und Bildungsreformen deutscher Bundesländer. In Hessen verfügen zwar bereits alle Schulen über weitgehende Möglichkeiten, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Selbstständige Schulen erhalten auf Grundlage des § 127d des Hessischen Schulgesetzes aber nochmals erweiterte Handlungsspielräume. [mehr]

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Wir gehen weiter. Nicht nur in den Klassen, auch in den Gängen sitzen Schülerinnen und Schüler. Sie arbeiten mit Büchern oder Handys. "Haben die keinen Unterricht?", frage ich Anna und Siena. Die beiden Sechstklässlerinnen haben sich unserer Führung angeschlossen. Die haben FRAZ, erklären sie mir: "Freie Arbeitszeit – da kann man in verschiedenen Fächern arbeiten. Dann kann man zum Beispiel Projekt machen oder Mathe, Deutsch und Englisch, eben dort, wo man noch was machen muss, und nachholen."

Steht FRAZ auf dem Stundenplan, darf jeder selbst entscheiden, an was er arbeitet. Ich sehe Blätter vollgeschrieben mit bunten Farben, Hieroglyphen oder Zeichnungen von Pharaonen. Anastasia erklärt mir, dass die fünften und sechsten Klassen das Thema Ägypten durchnehmen, und dass wir deswegen dringend nochmal in die Holzwerkstatt müssen - zu Frank Hamburger, dem Förster und Tischler. "Hier kommen Schüler runter, die im Projekt handlungsorientiert oder praktisch arbeiten wollen und wir bieten hier die Möglichkeit, dass sie mit Holz arbeiten können", erklärt er.

Noten erst ab Klasse 8

Und schon geht es weiter. "Was ist noch anders an eurer Schule?", frage ich Anastasia. Wir bekommen keine Noten, erst ab Klasse 8, sagt sie. Aber ganz viel Feedback. Kinder scheitern zu lassen, sei allerdings für deren Eltern oft schwierig, erklärt mir Schulleiterin Susanne Gölitzer, die ich zum Abschluss meiner Schultour dann doch noch treffe. An ihrer Schule der offenen Lernporen* gehöre aber auch das zum Lernprozess dazu.

Ihre Stellvertreterin Mareike Klauenflügel ergänzt: “Für uns ist Schule ein so relevanter Teil der Gesellschaft, der dazu beiträgt, dass diese Demokratie hier in der Schule verteidigt wird. Und zwar so, dass unsere Schüler:innen dazu erzogen werden, dass sie mündig werden, selbstständig werden. Dieses in Anführungszeichen normale Schulsystem bietet diese Entwicklungsmöglichkeiten nicht."

Eigene Stärken und Fähigkeiten entdecken und ausbauen, um die Zukunft gemeinsam zu gestalten, echte Fragen finden, echte Probleme lösen lernen und miteinander streiten. Das alles in der Schule, an der natürlich auch Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet wird. Ich bin beeindruckt.  

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* "Offene Lernporen" kann man sich vorstellen wie einen Schwamm, der alles aufnimmt, verarbeitet und als etwas Neues wieder rauslässt.

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