Schweden Altstadt Stockholm
Bild © picture-alliance/dpa

Geht es um soziale Sicherheit, blicken die Deutschen gerne nach Schweden, das gewissermaßen "gelobte Land" in Sachen Absicherung. Dabei ist der Wohlfahrtsstaat auch in Nordeuropa nicht mehr das, was er mal war.

Als das "Skandinavische Modell", eigentlich  ja das "Schwedische Modell",  entwickelt wurde, nämlich ab den 1930er Jahren, war die Welt im Norden vielleicht nicht heil, aber einfacher und damit auch einfacher zu gestalten: Die Gesellschaft war homogen, die Wirtschaftskreise waren ziemlich geschlossen, man fühlte sich wie eine große Familie. Auf diesem Gefühl gründete sich dann der Wohlfahrtsstaat mit beispiellosen Sozialleistungen auf der einen und hohen Steuern auf der anderen Seite. Das war lange akzeptiert, ist es aber nicht mehr.

Leif Östling ist Chef von Schwedens größter Arbeitgeberorganisation "Svenskt Näringsliv". Ein Mann, den es nach alter Lesart in Schweden nicht geben dürfte: Er ist zum einen sehr reich und pfeift zum anderen auf die "Folkhemmet" (Volksheim)-Idee vom Staat, der sich um alle und um alles kümmert. "Da zahlt man 20, 30 Millionen Kronen jährlich an Steuern und fragt sich: Was zum Teufel kriege ich dafür?" Damit rechtfertigte er den gerade erst durch die "Paradise Papers" erneut aufgedeckten Versuch auch schwedischer Millionäre, Steuern zu vermeiden. Früher hätte er dafür sein Amt verloren. Aber jetzt gab es in sozialen Medien jede Menge Zuspruch.

"Systeme funktionieren nur noch in der Theorie"

Die Stimmung ist auch bei weniger privilegierten Schweden gekippt, sagt Magnus Henrekson, Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftsforschung in Stockholm. Überalterung, mutmaßliche Überfremdung und die Folgen der Globalisierung seien für sie die Hauptgründe dafür, dass "Stief"-Vater Staat die Sache nicht mehr im Griff hat: Die Sozialleistungen sind zwar im europäischen Vergleich noch immer ansehnlich, aber über die Jahre aus schwedischer Sicht doch erheblich gekürzt worden.

Schulen, Krankenhäuser, Polizei - alle leiden unter immer mehr Bürokratie und dem Sparkurs der Politik, auch der zurzeit mit den Grünen regierenden Sozialdemokraten. "Heute ist es schwierig, tüchtige Menschen dazu zu bewegen, als Lehrer, in der Sozialverwaltung oder bei der Polizei zu arbeiten. Diese Systeme funktionieren nur noch in der Theorie, obwohl das nötige Geld eigentlich da ist. Sinkt die Qualität der Schulen oder des Gesundheitswesens, dann entsteht natürlich der Eindruck, dass man nichts mehr für seine Steuern bekommt", so Henrekson. Und genau das ist das Problem.

Früher war alles besser

Gerade wurde bekannt, dass die rot-grüne Minderheitsregierung mit der bürgerlichen Opposition das Rentenalter heraufsetzen will. Zwar "nur" um ein Jahr von 65 auf 66, aber das wird als schleichender Sozialabbau wahrgenommen, der den schwedischen Wohlfahrtsstaat immer mehr schwächt. "Bis 1990 waren die Sozialleistungen noch richtig hoch im Vergleich zu den Gehältern. Das ist aber nicht mehr so. Das System wurde danach ordentlich gestrafft", sagt Henrekson.

Unterm Strich ergibt sich also folgendes Bild: Auch in Schweden war früher alles besser. Zwar ist es anderswo noch wesentlich schlechter, aber die allumfassende soziale Sicherheit des guten alten Volksheimes ist Vergangenheit, meint der Geschäftsführer: "Mitte der 1990er Jahre war Schluss damit. Das Land, in dem meine Kinder aufwachsen, hat nichts mit dem Land zu tun, in dem ich aufgewachsen bin. Unsere Politiker tun zwar so, als ob es das Folkhem noch gibt, aber das stimmt nicht."

Jetzt im Programm