Manos Radisoglou, ehrenamtlicher Pilot bei der Schweizer Hilfsorganisation 'Humanitäre Piloten'
Manos Radisoglou, ehrenamtlicher Pilot bei der Schweizer Hilfsorganisation 'Humanitäre Piloten' Bild © IL Rhein-Neckar

Menschen in Seenot müssen gerettet werden - das sagt das internationale Recht. Doch geht es um Flüchtlinge im Mittelmeer, dreht sich die Debatte schnell um die Frage: Sind die Seenotretter dafür verantwortlich, dass mehr Flüchtlinge nach Europa kommen? Ein Interview mit einem ehrenamtlichen Helfer.

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Manos Radisoglou ist 30 Jahre alt und arbeitet als Fluglotse bei der Deutschen Flugsicherung im hessischen Langen. Er ist ehrenamtlicher Pilot bei der Schweizer Hilfsorganisation 'Humanitäre Piloten'.

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hr-iNFO: Herr Radisoglou, Sie sind ehrenamtlicher Pilot und fliegen immer wieder mit einem kleinen Flugzeug über das Mittelmeer, um Menschen zu retten – was genau machen Sie da?  

Manos Radisoglou: Wir sind von Malta aus Richtung libysche Küste geflogen und waren da über internationalen Gewässern auf der Suche nach Flüchtlingsbooten. Wir haben die Möglichkeit, aus dem Flugzeug heraus ein viel größeres Seegebiet abzudecken als aus den Schiffen, in einer viel kleineren Zeit. So ist es einige Male passiert, dass wir Boote entdecken konnten, die fernab von jedem Schiff waren.

hr-iNFO: Wie schwierig ist es, so ein Boot überhaupt zu entdecken?

Manos Radisoglou: Im Prinzip ist es die Nadel im Heuhaufen. Das Mittelmeer ist riesig und diese Boote sind, verglichen dazu, winzig. Wir fliegen zwischen fünfhundert und eintausend Meter hoch. Wenn man aus der Entfernung stundenlang auf ein blaues Meer guckt, dann einen kleinen Punkt entdeckt und auf die Entfernung beurteilen muss: Ist das ein Flüchtlingsboot oder ist das ein Fischkutter? Das ist schon sehr schwierig. Wir holen dann Ferngläser raus, fliegen ein bisschen näher heran und irgendwann kann man es natürlich beurteilen.

Mit diesem Flugzeug fliegt Manos Radisoglou über das Meer und hält Ausschau nach Menschen in Seenot
Mit diesem Flugzeug fliegt Manos Radisoglou über das Meer und hält Ausschau nach Menschen in Seenot Bild © HPI/Seawatch

hr-iNFO: Sie sind auch nicht alleine ...

Manos Radisoglou: Genau. Wir sind immer mindestens zu zweit: ein Pilot und ein sogenannter Operator von Seawatch, der den ganzen Seefunk macht, die Kommunikation über Satelliten, E-Mail mit dem Seenotrettungszentrum in Rom und so weiter. Journalisten haben wir auch öfter dabei.

hr-iNFO: Wie geht die Rettung weiter, wenn Sie ein Boot entdeckt haben?

Manos Radisoglou: Zuerst fliegen wir ein bisschen näher an, um zu gucken, wie die Situation auf dem Boot ist. Wir machen ein Foto von oben, wo wir reinzoomen können, schauen können, wieviele Leute darauf sind, wie der Zustand der Leute ist, wie der Zustand des Bootes ist. Was wir schon hatten, ist, dass die Schläuche gerissen waren. Da weiß man, dass es auch relativ schnell geht, dass dieses Boot untergehen wird. Hat der Motor noch Sprit? Läuft der Motor? Das beurteilen wir dann erst mal alles und geben diese ganzen Informationen gesammelt an das Seenotrettungszentrum in Rom weiter, die dann die weiteren Schritte einleiten. Die beauftragen dann eventuell irgendein Schiff, das sie auf ihrem Radar sehen, mit der Rettung dieser Boote und genau dann ist unser Job erstmal erfüllt, wenn nicht eine besondere Situation ist.

hr-iNFO: Das klingt ein bisschen danach, als wäre es oft ein Wettlauf gegen die Zeit.

Manos Radisoglou: Ja, das passiert durchaus. Auch wenn ein Schlauchboot in gutem Zustand ist, weiß man eben nicht, wie lange das noch so ist. Diese Schläuche reißen sehr leicht, weil dieses Boot völlig überfüllt ist. Noch dazu haben die Leute natürlich keine Verpflegung dort auf dem Boot. Wenn die in der prallen Mittelmeersonne mehrere Stunden oder teilweise sogar Tage sind - gerade die Wasserversorgung ist natürlich ein Riesenthema - weiß man nicht, wie lange das gut geht. Deswegen versuchen wir, mit dem Flugzeug die Rettung deutlich zu beschleunigen.

hr-iNFO: Warum machen Sie das alles?

Manos Radisoglou: Weil ich nicht mehr zuschauen kann, wie Leute vor unseren Toren in Europa ertrinken müssen. Dass es jetzt auch noch politisch gewollt ist, das hat für mich einfach nichts mehr mit Humanität zu tun. Das ist einfach unfassbar, was da gerade passiert. Und meiner Meinung nach wäre das Ganze nicht nötig, wenn man da gesammelt Aktionen dagegen starten könnte, oder auch von staatlicher Seite Transporte oder eine vernünftige Asylpolitik machen könnte. Aber solange das nicht gegeben ist, kommen die Leute und sterben – und das wollen wir verhindern.

hr-iNFO: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass Sie eine Art 'Taxiservice' wären und somit Schlepperbanden unterstützen?

Manos Radisoglou: Dieser Vorwurf macht uns nur wütend, weil die ganze private Seenot-Flotte erst dadurch entstanden ist, dass diese Boote gefahren sind und die Leute gestorben sind. Das heißt, bevor es überhaupt private Seenotrettung gab, gab es schon Boote und gab es Tote. Das heißt, der ganze Anfang davon ist schon entkräftet. Und aktuell ist es so, dass überhaupt kein privates Rettungsschiff mehr draußen ist und die Boote trotzdem kommen und die Leute trotzdem sterben. Im Juni und Juli sind allein über tausend Leute gestorben. Das zeigt eindeutig, dass wir kein sogenannter 'Pull-Faktor' sind und dass es den Schleppern egal ist, ob wir da sind oder nicht. Die schicken die Leute raus. Der einzige Unterschied ist, dass wesentlich mehr Leute sterben.

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zum Artikel Krise auf dem Mittelmeer - sind Seenotretter für mehr Flüchtlinge verantwortlich?

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hr-iNFO: Dürfen Sie denn momentan starten mit ihrer Maschine oder nicht?

Manos Radisoglou: Die Luftfahrtbehörde in Malta hat uns untersagt, von Malta aus Richtung Libyen zu fliegen. Alles andere dürfen wir machen. Wir haben unser Flugzeug auch aktuell in die Schweiz zurückgeholt, wo es stationiert ist. Wir haben mehrfach nachgefragt, was denn der Grund sei für dieses Flugverbot. Wir haben nie eine Antwort bekommen und sind jetzt im Moment mit Anwälten dran, zu erfragen, was denn der Grund dafür sei. Bisher haben wir immer noch keine Antwort bekommen.

hr-iNFO: Sie machen das freiwillig, aber trotzdem kostet der Einsatz ja etwas, wie Sprit oder die Anwälte. Wer bezahlt das?

Manos Radisoglou: Es basiert komplett auf Spendenbasis. Wir arbeiten eng mit Seawatch zusammen. Die Finanzierung ist teils Seawatch, die Humanitäre Piloten Initiativen selber und einen großen Teil hat die Evangelische Kirche in Deutschland übernommen - die haben über 100.000 Euro gespendet für explizit dieses Projekt. Der Rest kommt größtenteils von privaten Spendern und Spendenaufrufen.

hr-iNFO: Diese Woche geht der Prozess gegen den Kapitän des zivilen Rettungsschiffs 'Lifeline' weiter. Ihm wird konkret vorgeworfen, das Schiff ohne ordnungsgemäße Registrierung in Maltesische Gewässer gesteuert zu haben. Könnte Ihnen so ein Prozess auch drohen?

Manos Radisoglou: Das glauben wir nicht, weil bei uns alles ordnungsgemäß registriert ist. Wahrscheinlich sind es nur Vorwände, warum die maltesische Luftfahrtbehörde uns keinen Grund für dieses Flugverbot nennen kann. Weil es einfach keine legale Basis gibt, uns nicht fliegen zu lassen. Wir sind im Prinzip ein rein privates Flugzeug. Der Hinweis, den wir bekommen haben, dass diese Entscheidung über den Schreibtisch des Premierministers in Malta gelaufen ist, zeigt schon, dass da vermutlich eher eine politische Sache dahinter steckt.

hr-iNFO: Könnte das Gleiche auch von Spanien oder Italien an Sie weitergeleitet werden?

Manos Radisoglou: Könnte sein - wissen wir natürlich nicht. Wir arbeiten gerade ein bisschen daran, ob es Alternativen gibt - vielleicht nach Lampedusa. Wobei wir befürchten, dass gerade vor dem Hintergrund der neuen italienischen Regierung das relativ schnell gehen wird, dass sie uns das auch verbieten.

hr-iNFO: Sie sind eine private Hilfsorganisation. Was halten Sie von staatlich organisierter Hilfe für Flüchtlinge im Mittelmeer?

Manos Radisoglou: Im Prinzip müsste das alles komplett staatlich laufen. Wir privaten Akteure sagen immer, dass wir gar nicht operieren wollen. Am liebsten wäre uns, dass wir nicht gebraucht würden. Natürlich wäre uns am liebsten, die Leute würden gar nicht erst eine gefährliche Reise machen müssen. Aber wenn sie das schon tun, dann muss eine staatliche Hilfe organisiert werden. Genauso wie hier ein Netz an Notärzten oder eine Feuerwehr aufgebaut wird. Dass eine komplette Abdeckung möglich ist im Mittelmeer, da wären wir sehr froh darüber. Weil die natürlich auch ganz andere finanzielle Mittel haben. Man muss auch sagen, dass ein Großteil der Rettung von staatlichen Akteuren stattfindet - aber eben nicht genug und das ist auch eine unserer Forderungen, dass das eben ausgebaut werden müsste.

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Seenotrettung in internationalem Recht

Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ)

Art. 98: "(1) Jeder Staat verpflichtet den Kapitän eines seine Flagge führenden Schiffes, soweit der Kapitän ohne ernste Gefährdung des Schiffes, der Besatzung oder der Fahrgäste dazu imstande ist,
a) jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten;
b) so schnell wie möglich Personen in Seenot zu Hilfe zu eilen, wenn er von ihrem Hilfsbedürfnis Kenntnis erhält, soweit diese Handlung vernünftigerweise von ihm erwartet werden kann"

Internationales Übereinkommen zur Seenotrettung

Kapitel 2.1.10: "Mitgliedsstaaten müssen sicherstellen, dass Personen in Seenot Hilfe erhalten. Dies gilt ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit oder den Status einer solchen Person oder die Umstände, unter denen die Person aufgefunden wird."

Genfer Flüchtlingskonvention

Artikel 33 Verbot der Ausweisung und Zurückweisung: 1. "Keiner der vertragschließenden Staaten wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht sein würde."

EU-Seeaußengrenzenverordnung


"Im Einklang mit [...] den allgemeinen Grundsätzen des Unionsrechts sollten die während eines Überwachungseinsatzes getroffenen Maßnahmen in angemessenem Verhältnis zu den verfolgten Zielen stehen, nicht diskriminierend sein und die Menschenwürde, die Grundrechte sowie die Rechte von Flüchtlingen und Asylsuchenden, einschließlich des Grundsatzes der Nichtzurückweisung, uneingeschränkt achten. Die Mitgliedstaaten und die Agentur sind in Bezug auf Anträge auf internationalen Schutz, die im Hoheitsgebiet, einschließlich an der Grenze, in den Hoheitsgewässern oder in den Transitzonen der Mitgliedstaaten gestellt werden, an die Bestimmungen des Besitzstands im Asylbereich [...] gebunden."

Artikel 9 Such und Rettungsaktionen: (1) "Die Mitgliedstaaten kommen ihrer Pflicht nach, jedem Schiff und jeder Person in Seenot Hilfe zu leisten, und stellen während eines Seeeinsatzes sicher, dass ihre beteiligten Einsatzkräfte dieser Pflicht im Einklang mit dem Völkerrecht und unter Achtung der Grundrechte nachkommen. Dies gilt ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit oder den Status einer solchen Person oder die Umstände, unter denen die Person aufgefunden wird."

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Sendung: hr-iNFO Politik, 02.08.2018, 20:35 Uhr

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