Nahwärme-Kraftwerk in Rauschenberg

Wenn anderswo über sinkende Einwohnerzahlen und Leerstand gesprochen wird, können die Rauschenberger nur noch milde lächeln. Mit viel Engagement und Ideen haben sie ihre kleine Stadt im Landkreis Marburg-Biedenkopf wieder attraktiv für neue Bürger gemacht.

Rauschenberg sieht nicht modern aus: Da ist das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Da sind die schönen, historischen Fachwerkhäuser. Aber Rauschenberg ist sehr wohl modern. Diese „Bioenergiestadt“ produziert ihren Energiebedarf komplett selbst, aus regenerativen Quellen: zehn Windräder, Photovoltaik-Anlage, Biogas, Holz. Der überschüssige Strom wird ins Netz eingespeist, die Nahwärme geht über ein Leitungssystem in die Haushalte der Stadt.

Pluspunkt Nahwärme

Am Ortsausgang steht ein kleines Kraftwerk: Drei silberne Schornsteine ragen hier in den blauen Himmel, zwei Pufferspeicher stehen vor dem Gebäude. Eckardt Schmerberg öffnet den Bunker, in dem die „Hackschnitzel“ lagern. Dieser Holz-Brennstoff aus den Wäldern der Region wird im Kraftwerk verbrannt, um Wärme zu erzeugen. Häuslebauer und -besitzer sind in einer Genossenschaft organisiert – das bietet konkrete Vorteile, sagt Schmerberg vom Vorstand der Nahwärme Rauschenberg.

Weitere Informationen

Serie: Geht doch! Wie Hessens Kommunen Probleme lösen

Ob Leerstand, Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung oder ÖPNV: In unserer Serie blicken wir auf Themen, die viele Menschen in Hessen betreffen und die daher auch im Kommunalwahlkampf eine Rolle spielen. Wir zeigen, wie Kommunen damit umgehen und wo bereits Lösungen für die Herausforderungen gefunden wurden.
Teil 2: Münster-Altheim: Arthaus statt Rathaus
Teil 3: Nüsttal: Mit dem Dorf-Funk für Zusammenhalt sorgen
Teil 4: Breitscheid: Ein Gesundheitszentrum für den ländlichen Raum
Teil 5: Edermünde: Logistik-Zentrum als Job-Maschine

Ende der weiteren Informationen

Wenn Interessenten kommen und nach Baugrundstücken fragen, "dann ist die zweite Frage in aller Regel: Gibt es die Möglichkeit, sich bei der Nahwärme anzuschließen? Die Makler bringen das immer mit ins Gespräch und das ist für Leute, die von außen zuziehen, immer ein Vorteil, weil man sich keine Gedanken muss, wie ich mein Haus in Zukunft beheize", so Schmerberg.

Arbeitsgemeinschaft gegen Leerstand

Zu Beginn waren keineswegs alle begeistert vom Nahwärmenetz mit Biogas- und Hackschnitzel-Kraftwerk. Axel Schmidt vom Nahwärme-Vorstand zählt die häufigsten Einwände auf: "Was man häufig gehört bei den Skeptikern war – ach, mein eigener Kessel, der produziert mir die Wärme, der macht mir‘s mollig warm. Könnt ihr das denn wirklich, wenn da was passiert? Keine Ahnung, die Biogasanlage fällt mal aus, dann sind wir kalt, dann frieren wir im Winter." Nichts davon passierte. Mittlerweile sind über 220 Haushalte angeschlossen. Und immer mehr historische Fachwerkhäuser im Stadtkern gehen jetzt auch ans Netz.

Das hängt auch mit einer anderen Initiative zusammen, die Rauschenberger Bürger ins Leben gerufen haben: die Arbeitsgemeinschaft Leerstand. Als Rauschenberg kontinuierlich Einwohner verlor, wollten einige etwas dagegen tun, dass in der Altstadt immer mehr Häuser leer standen. Uli Stein gehört zu ihnen. "Wir haben relativ rasch festgestellt, dass, um diese Häuser wieder bewohnbar zu machen, auch die Infrastruktur verbessert werden muss", sagt er. Dabei seien ihnen immer wieder die Heizungen aufgefallen: "Vor allem völlig veraltete Elektroheizungen in den Häusern oder völlig marode, 30, 40, 50 Jahre alte Öl-betriebene Heizungsanlagen."

Lächeln, aber nicht zurücklehnen

Die historischen Altstadthäuser werden jetzt Schritt für Schritt ans Nahwärmenetz angeschlossen und saniert. Wie ein alte Backhaus, in dem gerade die Handwerker zugange sind: Umbau in Wohnungen, an Interessenten mangelt es nicht. Rauschenberg hat Kitas, Schulen und die Nähe zu Marburg zu bieten – es ist wieder attraktiv geworden für junge Familien. Die ehemals 20 leerstehenden Häuser sind wieder bewohnt, sagt Uli Stein: "Wir haben jetzt hier in dem Bereich der Altstadt vier, fünf leerstehende Häuser, wo wir aber auch im Gespräch sind mit den Eigentümern, dass diese Häuser gerettet werden können. Weil die zu dem Stadtbild dazugehören."

Wenn also anderswo über Energiewende, verödender Innenstadt und Leerstand gesprochen wird, bleibt Axel Schmidt vom Vorstand der Nahwärme-Genossenschaft Rauschenberg relativ entspannt: "Wir lächeln milde, lehnen uns aber nicht zurück, weil man kann ja immer noch besser werden." Die engagierten Bürger der Genossenschaft und des Arbeitskreises Leerstand arbeiten weiter.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 8.3.2021, 6 bis 9 Uhr

Jetzt im Programm