Emily, Musikerin in der Band "Below Minds"

Alte Substanz, neuer Inhalt: Weil das Rathaus in der Ortsmitte von Altheim leerstand, machten Bürgerinnen und Bürger mithilfe der Gemeinde kurzerhand ein Arthaus daraus. Auch wenn das bunte Künstlertreiben nicht allen gefällt: Für viele macht es den Ort im Kreis Darmstadt-Dieburg wieder attraktiv.

Bela, Emily und Tamara proben mit ihrer Band "Below Minds". Sie hoffen, dass sie bald wieder im Arthaus vor Publikum spielen können. Die letzten Auftritte dort hat die 15-jährige Emily in guter Erinnerung. Die alten Räume seien etwas ganz Besonderes. Dabei stand der fast quadratische Altbau mit dem grazilen Türmchen auf dem Dach jahrelang leer. Genau wie das alte Gasthaus genau gegenüber. Bis dort der Künstler Roger Rigorth einzog und zusammen mit anderen Kreativen das leere Rathaus in ein pulsierendes Arthaus verwandelte.

Kultur im Aktenschrank

Im ehemaligen Bürgermeisterzimmer steht jetzt ein Klavier. Und wenn sich die Schiebetüren des früheren Aktenschranks öffnen, tritt Kultur zu Tage. "Wir haben Dinge erhalten", sagt Rigorth, "dieser Schrank ist eins davon, wir bespielen den auch manchmal, Ausstellungen finden im Schrank statt. Es gibt oben den Sitzungssaal, das Archiv, das Regal für die Personalausweise. Also wir pflegen schon die Geschichte."

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Ob Leerstand, Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung oder ÖPNV: In unserer Serie blicken wir auf Themen, die viele Menschen in Hessen betreffen und die daher auch im Kommunalwahlkampf eine Rolle spielen. Wir zeigen, wie Kommunen damit umgehen und wo bereits Lösungen für die Herausforderungen gefunden wurden.
Teil 1: Rauschenberg: Mit Nahwärme gegen den Leerstand
Teil 3: Nüsttal: Mit dem Dorf-Funk für Zusammenhalt sorgen
Teil 4: Breitscheid: Ein Gesundheitszentrum für den ländlichen Raum
Teil 5: Edermünde: Logistik-Zentrum als Job-Maschine

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Oben im alten Sitzungssaal ist Platz für bis zu 60 Personen. Aktuell beherbergt der Raum eine Ausstellung, die aber nur online zu sehen ist. Vor Corona gab es hier fast jedes Wochenende Programm, erzählt der Theaterpädagoge Max Petermann: "Wir haben Ausstellungen gemacht, Konzerte, Lesungen." Das Spektrum sei sehr breit, sagt Petermann, und richte sich an ganz unterschiedliche Leute - spricht aber nicht alle Altheimer an.

"Nur für die Haute Volaute"

Manchen ist das bunte Künstlertreiben etwas suspekt: "Teile der Leute, die da hingehen, tun so, als seien sie der Graf Koks von der Gasanstalt", sagt eine Rentnerin und lacht. "Da gehen die normalen Leute nicht hin, und ich gehöre zu den Normalos. Und da gehört man nicht zu Haute Volaute, meinen die."

Auch wenn es nicht allen gefällt: Die Veranstaltungen im Arthaus sind gut besucht, es kommen auch Leute von weiter weg. Der Ruf des Hauses schallt über den Ort hinaus und macht ihn attraktiv. Vor zehn Jahren gab es noch deutlich mehr Leerstand im Ort als jetzt. Und Künstler Roger Rigorth ist überzeugt, dass das Arthaus dazu beigetragen hat, dass der Ort sich gut entwickelt: "Im Augenblick sind wir in einer guten Richtung durch die Kultur, die Öffentlichkeit, die das Dorft erfährt, durch seinen Charme, durch seine Schönheit, durch die Menschen, die hier wohnen. Was auch wieder andere anzieht. Ich denke, dass es hier funktioniert."

Pluspunkt für junge Menschen

Immerhin können sich auch junge Menschen wie der 15-jährige Bela von der Band "Below Minds" vorstellen, in Altheim zu bleiben. Ihm gefällt es hier, auch weil es das Arthaus gibt, wo er gerne mit hilft: "Ich habe bei Konzerten geholfen aufzubauen, abzubauen. Da habe ich viel profitiert, weil ich viel gelernt habe über Monitorboxen, Licht und so. Ansonsten habe ich Karten verkauft, Getränke verkauft. Einfach weil ich da Lust drauf habe." Und noch mehr Lust hätte er, bald wieder selber im Arthaus aufzutreten. Die Proben laufen schon.

Bela Schott, Musiker der Band "Below Minds"

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 8.3.2021, 6 bis 9 Uhr

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