Breitscheid

Viele Landarztpraxen finden keine Nachfolger - und immer weniger Menschen im ländlichen Raum ärztliche Versorgung im eigenen Ort. In Breitscheid im Lahn-Dill-Kreis ist das Problem gelöst worden: Seit vergangenem August gibt es ein Gesundheitszentrum, das weit mehr bietet als nur medizinische Versorgung.

Auf einem Hügel des Ortes thront das Gesundheitszentrum. Der langgezogene grau-weiße Zweckbau vereint auf drei Etagen eine Menge Dienstleistungen. Das Herzstück sind die Arztpraxen. In der Praxis von Dr. Michael Saar ist viel los. Mehrere akute Coronafälle halten das Team beschäftigt. Eine junge Ärztin hat sich trotzdem in den Feierabend verabschiedet. Möglich macht es das Landarztnetz, das Dr. Saar aufgebaut hat: "Die Grundidee ist, dass wir Praxen aufkaufen, die keinen Nachfolger mehr finden und mit angestellten Ärzten besetzen. Sie können bei uns eine Stelle haben von mittags 12 bis abends 8 und der nächste von 7 bis 13 Uhr."

Ein Modell für andere

Und das kommt gut an: Sechs Ärzte arbeiten aktuell im Gesundheitszentrum von Breitscheid. Nachdem die Idee geboren war, hier die niedergelassenen Ärzte des Ortes zu versammeln und ihre Nachfolge zu sichern, ging es ganz schnell. Nicht mal zweieinhalb Jahre dauerte es bis zur Einweihung. Das lag auch daran, dass der Unternehmer Torsten Germann in das Projekt eingestiegen ist und in seinen Heimatort investiert hat. Natürlich darf das Business nicht zu kurz kommen, aber es ist schon ein ziemliches Herzensanliegen: Es ist die Ortschaft und wenn man sieht, wie es jetzt angenommen wird und dass es auch ein Modell für andere sein kann, das finden wir sehr schön", sagt Germann.

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Serie: Geht doch! Wie Hessens Kommunen Probleme lösen

Ob Leerstand, Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung oder ÖPNV: In unserer Serie blicken wir auf Themen, die viele Menschen in Hessen betreffen und die daher auch im Kommunalwahlkampf eine Rolle spielen. Wir zeigen, wie Kommunen damit umgehen und wo bereits Lösungen für die Herausforderungen gefunden wurden.
Teil 1: Rauschenberg: Mit Nahwärme gegen den Leerstand
Teil 2: Münster-Altheim: Arthaus statt Rathaus
Teil 3: Nüsttal: Mit dem Dorf-Funk für Zusammenhalt sorgen
Teil 5: Edermünde: Logistik-Zentrum als Job-Maschine

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Und so sieht das Modell aus: Neben Ärzten und Physiotherapeuten gibt es im Gesundheitszentrum noch einen Apotheker, einen Optiker, ein Café und einen Friseur. Außerdem eine Wohngemeinschaft mit Intensivpflege. Die Kommune betreibt hier eine Tagespflegeeinrichtung. Ein breites Dienstleistungsangebot und insgesamt etwa 150 Arbeitsplätze, schätzt der parteilose Bürgermeister Roland Lay: "Das ist Lebensqualität pur, wohnortnahe Arbeitsplätze. Viele Leute können zu Fuß zur Arbeit kommen. Das ist auch auf dem Land möglich und wir haben es machbar gemacht."

Weitere Projekte in Planung

Auch Anne Schiedek arbeitet im Gesundheitszentrum. Vor zwei Jahren kam sie mit Mann und vier Kindern nach Breitscheid. Vorher musste die Familie eineinhalb Jahre suchen, bis sie ein Haus gefunden hatte. "Es ziehen viele junge Familien her und auch viele, die hier groß geworden sind und zurückkommen und jetzt akut hier suchen. Es ist echt schwer, was zu finden in Breitscheid. Für Torsten Germann steht deshalb schon das nächste Projekt im Raum: Altersgerechtes Wohnen. "Wir haben viele Häuser hier, die nur mit einer Person bewohnt sind. Und eine hohe Nachfrage von jungen Familien. Daher ist das eine sehr interessante Geschichte, die es anzugehen gilt in den nächsten Jahren."

Breitscheid ist attraktiv – und will noch besser werden. Die Kommune möchte ihre Bürgerinnen und Bürger mobiler machen, unter anderem mit einer Mitfahrbank und einem ehrenamtlichen Fahrdienst, erzählt Bürgermeister Lay. "Wir haben einen ehrenamtlichen Lotsen, der wird ein Fahrsystem mit ehrenamtlichen Fahrern aufbauen. Um den Leuten die Möglichkeit zu geben, über E-Mail, Anruf, WhatsApp ihren Bedarf anzumelden. Und wir werden das innerhalb kürzester Zeit dann umsetzen und den Leuten Bescheid geben, dass sie den Fahrdienst in Anspruch nehmen können."

Breitscheid hat sich viel vorgenommen. Aber es gibt Menschen, die bereit sind, Neues auszuprobieren und mit anzupacken.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.3.2021, 6 bis 9 Uhr

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