Flüchtlingsbetreuerin Halima Gutale und zwei ihrer Schützlinge in Pfungstadt
Flüchtlingsbetreuerin Halima Gutale und zwei ihrer Schützlinge in Pfungstadt Bild © hr

Für einige Flüchtlinge in Pfungstadt ist "Integration" noch überhaupt kein Thema. Ihr Thema heißt vielmehr: Traumabewältigung. Eine quälende Last für die Betroffenen und eine Herausforderungen für die Gemeinde.

Libyen. Sofort schießen der Eritreerin Aziza die Tränen in die Augen. Bei dem bloßen Wort: Libyen -  die Hölle. Acht Monate wurde sie dort festgehalten auf ihrer Flucht von Eritrea nach Europa. "Wenn ich zurück denke, die Libyer, die haben kein Herz, bringen alle Leute um." Aziza möchte reden. Über das Unbeschreibliche, das sie in libyschen Gefangenenlagern erlebt hat. Mit einer Afrikanerin, die übersetzt, sitzen wir in Pfungstadt im Büro bei der Flüchtlings- und Integrationsbeauftragten Halima Gutale. Azizas bloße Schilderungen schmerzen schon beim Zuhören. Mit harten Handbewegungen ahmt sie die täglichen Stockhiebe nach. 500 Leute gequetscht auf kleinstem Raum, erzählt die 30-Jährige.

Krätze, Läuse, Gestank. Männer, die vor Atemnot geschrien haben, wurden vor ihren Augen erschossen. Sie musste mit ansehen, wie einer Säuglings-Mutter die Brüste zerschlagen wurden. "Da sind mehrere Frauen, haben die immer genommen, und die haben mit Handschuhen… die haben gedacht, die haben Geld versteckt bei der Gebärmutter…gesucht."

Nur wenige sind in Therapie

Auch Aziza hat das erlebt. Wie etliche andere afrikanische Frauen, die über Libyen hergekommen sind, hat sie Narben und Schmerzen, körperliche und seelische. Hatte wie etliche andere eine Gebärmutter-Operation in Pfungstadt. Seit Ende 2016 lebt Aziza dort. Anerkennend blickt Integrationshelferin Halima Gutale Aziza an. Denn es ist wichtig, "für diese sprachlose, stimmlose Mädchen ihre Stimme zu geben", sagt die Integrationshelferin Halima Gutale. "Frauen eine Stimme zu geben, die das erlebt haben. Sie ist eine von denen, die sich getraut hat. Aber wir haben viele andere."

20 Flüchtlinge in Pfungstadt sind so stark traumatisiert, dass sie sofort therapeutische Hilfe bräuchten, sagt Halima Gutale. Einige wenige sind bereits in Therapie. "Es gibt Sprachvermittler, sehr viel, aber diese qualifizierte Dolmetscher, die ganz genau wissen, auch diese Sensibilität und Menschlichkeit besitzen, bis man die findet, das braucht Zeit, und die Ärzte müssen auch noch mitspielen, und dieser Bedarf ist so hoch, dass es wirklich wenige sind."

"Diese Menschen brauchen Zeit"

So stark traumatisierte Menschen brauchen eine gesonderte Unterkunft mit 24-Stunden-Betreuung. Hinzu kommt, dass eine Therapie in diesem Kulturkreis bedeutet, dass der Betroffene als geistesgestört gilt und das so wichtige Ansehen seiner Leute verliert. Und gerade missbrauchte, misshandelte Frauen werden nicht als Opfer angesehen, sondern als Schuldige.

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Pfungstadt-Serie mit Medienpreis Civis ausgezeichnet

"Pfungstadt - eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge" ist ein Langfristprojekt von hr-iNFO. Wir beobachten die Situation in Pfungstadt seit Dezember 2014. Für einen seiner Beiträge aus dem Jahr 2017 wurde unser Reporter Riccardo Mastrocola am 7. Juni 2018 mit dem Civis Medienpreis ausgezeichnet. [mehr]

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Nach Monaten oder Jahren mit Folter, Vergewaltigung und Sklaverei rasch Deutsch lernen, einen Job finden, den Alltag stemmen? Unmöglich. "Dieses Trauma ist ja wie eine zerbrochene Scheibe", sagt die Integrationshelferin Halima Gutale. "Bis man die zusammenbekommt, das braucht Zeit. Diese Menschen werden nicht heute, morgen oder in zwei Jahren so fit sein, dass sie arbeiten können. Ihr eigenes Leben stemmen? Nein! Wenn man sich nicht von vorneherein drum kümmert, dann werden sie länger auf unsere Hilfe angewiesen sein." Vielleicht kann Aziza irgendwann ein halbwegs normales Leben führen. Den Anfang dazu hat sie in Pfungstadt gemacht: Sie redet über ihre schockierenden Erlebnisse.

Sendung: hr-iNFO, 06.06.2018, 6 Uhr

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