Pfungstadt-Reportage, Murtaza Hakeemi
Murtaza Hakeemi (r. im Bild) Bild © hr

Murtaza Hakeemi hat große Pläne und arbeitet mit Fleiß und Disziplin an seinen Träumen. Dennoch liegt nicht alles in seiner Hand.

Hauptschulabschluss machen, dann die Realschule schaffen, dann vielleicht Journalist werden und nach Afghanistan zurückkehren. Um für die Rechte der Hazara zu streiten, eine Volksgruppe, die in Afghanistan diskriminiert wird. Murtaza Hakeemi - ein Hazara - hatte all das bei einem Treffen letztes Jahr erzählt. Kürzlich treffe ich ihn direkt nach seinen Prüfungen zum Hauptschulabschluss. Er sieht müde aus, aber glücklich. "Ich hatte Angst wegen Deutsch, aber das habe ich gut geschrieben. Englisch und Mathe war auch ok. Ich habe ein gutes Gefühl. Ich glaube, ich habe gut geschrieben", sagt er.

Später, Zuhause in der Pfungstädter Sammelunterkunft, feiert er ein bisschen, lädt ein zu Orangensaft und frischen Erdbeeren. Afghanische Freunde sitzen mit am Tisch, auch ein alteingesessener Pfungstädter kommt dazu. Dieter Peppel-Voss, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, hat ihm geholfen bei der Suche nach einer Perspektive. Hakeemi ist 20 Jahre alt und ist erst seit zwei Jahren in Pfungstadt. Er wusste von Anfang an, dass er als Afghane auf eigenen Füßen stehen muss, wegen der schlechten Chancen auf eine Anerkennung. Auch Sprachkurse für Afghanen werden nicht finanziert. "Ich habe das selber bezahlt", erzählt er.

Nicht in seiner Hand

Den Abendkurs an der Volkshochschule finanziert er mit einem Job in der McDonalds-Filiale in Pfungstadt. Hier arbeiten viele Nationalitäten zusammen, auch acht Flüchtlinge, sagt Restaurant-Manager Atif Reyeb. Er nimmt Rücksicht auf die Lern- und Schulzeiten seiner Leute: "Manche Mitarbeiter besuchen nachmittags den Deutschkurs, manche vormittags. Dann passe ich meine Dienstpläne an. Das hat bisher immer geklappt", erzählt er.

Neun Euro pro Stunde verdient Hakeemi im Schnellrestaurant. Damit finanziert er ab sofort auch ein eigenes Zimmer in Pfungstadt, 350 Euro warm. Das heißt: Raus aus der Sammelunterkunft und rein ins Pfungstädter Leben, von dem Hakeemi noch nicht viel mitbekommen hat. Alteingessessene Pfungstädter und junge Deutsche, kennt er wenige. Hinter all diesem Fleiß, dieser Disziplin, steht ein riesengroßes Fragezeichen, denn Hakeemi hat einen Ablehnungsbescheid, gegen den er geklagt hat. So sehr er sich anstrengt: Dieser Teil seiner Zukunft liegt nicht in seiner Hand. "Was wird passieren? Werde ich anerkannt oder nicht? Soll ich von Deutschland weggehen? Ja, das kommt immer in meinen Gedanken", erzählt er.

Weitermachen und nie aufgeben

Hakeemi legt sein Dokument auf den Tisch: Eine Aufenthaltsgestattung hat er. Sie wird immer nur sechs Monate verlängert, bis sein Fall endgültig entschieden ist. Jeder Termin ist extremer Stress für ihn, für seine Freunde, für fast alle Afghanen, Pakistaner oder Äthiopier. Dieter Peppel-Voss kennt die jungen Flüchtlinge, die bei Hakeemi um den Tisch sitzen. Er hat ihnen schon oft mit Papierkram geholfen. Alle haben eine Ablehnung.

"Da muss man schon stabil sein. Ich denke die Jungs hier, die sind das. Ich kenne auch, dass Leute zum Alkohol greifen. Dieses ewig lange Warten und diese Unklarheit, bedeutet für viele eine extrem unsichere Situation, an der der Eine oder Andere scheitert", erzählt Peppel-Voss. Im Rathaus kennt man das Problem und ist froh über jeden, der alleine klar kommt. Wie Murtaza Hakeemi, der einfach alleine losgelaufen ist, von Afghanistan, bis nach Pfungstadt. Und weiter. "Ich will immer weitermachen, nie aufgeben", sagt er.

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Pfungstadt-Serie mit Medienpreis Civis ausgezeichnet

"Pfungstadt - eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge" ist ein Langfristprojekt von hr-iNFO. Wir beobachten die Situation in Pfungstadt seit Dezember 2014. Für einen seiner Beiträge aus dem Jahr 2017 wurde unser Reporter Riccardo Mastrocola am 7. Juni 2018 mit dem Civis Medienpreis ausgezeichnet. [mehr]

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Sendung: hr-iNFO, 7.6.2018, 6 Uhr

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