Walter Lübcke während einer Rede.

In der Nacht zum 2. Juni 2019 starb der Kasseler Regierungspräsident Lübcke nach einem Kopfschuss. Ermordet mutmaßlich aus rechtsextremen Motiven. Wir zeichnen noch einmal nach, was an diesem Abend am 1. Juni 2019 in Wolfhagen - Istha passiert ist.

In Istha, dem kleinen nordhessischen Dorf in dem Walter Lübcke gelebt hat, will heute kaum noch jemand über das reden, was hier vor einem Jahr geschehen ist. Ortsvorsteher Wolfgang Hensel kann das verstehen: "Man wird ja auch ständig wieder daran erinnert, Polizei ist ständig präsent. Es wird ja alles im Moment wieder ins Bewusstsein gerufen."

Jeder hier erinnert sich an die Nacht zum 2. Juni 2019, als der Kassler Regierungspräsident Walther Lübcke tot auf seiner Terrasse aufgefunden wird, ermordet mit einem gezielten Kopfschuss.

Mutmaßlich rechtsextremes Motiv

Ein Ersthelfer und Freund der Familie wird zunächst als möglicher Täter verdächtigt, doch die Bundesanwaltschaft verfolgt schnell eine andere Spur: Der 65-jährige CDU-Politiker Lübke hatte sich unter anderem im Jahr 2015 für die Aufnahme von Flüchtlingen stark gemacht und Morddrohungen erhalten. Es wird ein rechtsextremistischer Hintergrund der Tat vermutet.

Eine DNA-Spur am Opfer führt die Ermittler schließlich zu einem 45-jährigen Mann aus Kassel: Stephan Ernst. Er hat ein langes Vorstrafenregister und ist in der rechten Szene aktiv. Ernst wird verhaftet und legt ein Geständnis ab. Er habe abends nach einem Kirmesbesuch den Regierungspräsidenten rauchend auf dessen Terrasse erkannt und den Entschluss gefasst, ihn zu töten, weil er mit dessen Flüchtlingspolitik nicht einverstanden gewesen sei.

Wer hat geschossen?

Später wiederruft Ernst sein Geständnis und beschuldigt stattdessen einen Komplizen: Markus H., heute 43 Jahre alt, Neo-Nazi und wohl auch Lieferant der Mordwaffe. Laut seinem Strafverteidiger gibt Ernst an, er und Markus H. haben ursprünglich vorgehabt Walter Lübcke "eine Abreibung zu verpassen." Den tödlichen Schuss auf Lübcke habe Markus H. laut Ernst versehentlich abgegeben. Beide hätten den Politiker nur einschüchtern wollen. Ein Ablauf, den die Ermittler für nicht glaubhaft halten. Beide Männer sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft. Ernst werden weitere Straftaten, wie ein Messerangriff auf einen Asylbewerber und ein Überfall auf einen Lehrer vorgeworfen.

Im Internet werden nach dem Mord an Walter Lübcke immer mehr verbale Übergriffe und Drohungen gegen Politiker bekannt - und die Politik reagiert. So beispielsweise Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann: "Unsere freiheitliche Demokratie besteht eben nur, wenn es freie Meinungsäußerung gibt und wenn auch im Netz mit einer Sprache agiert wird, die nicht roh ist."

Erinnerung an Walter Lübcke

Anlässlich des Jahrestages von Lübckes Ermordung wird es in den nächsten Tagen Kassel unter anderem Gedenkgottesdienste und eine bereits aufgezeichnete Podiumsdiskussion zum Thema "Hass im Netz" geben, die online abrufbar sein soll. Eine Schule soll in Zukunft Lübckes Namen tragen und ein Relief wird den zukünftigen Doktor-Walter-Lübcke Saal im Stadtschloss schmücken.

Die Menschen in Lübckes Heimatort Istha hoffen laut Ortsvorsteher Wolfgang Ensel vor allem auf eines: "Dass der Prozess startet und letztendlich auch eine Verurteilung stattfindet." Der Prozess im Mordfall Lübcke soll am Oberlandesgericht Frankfurt stattfinden.

Serie: "Tod in Istha"

Alle Beiträge zum Nachhören finden Sie hier:

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Zum Artikel Tod in Istha - Teil 1: Die Tat

Walter Lübcke während einer Rede.
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Zum Artikel Tod in Istha - Teil 2: Die Ermittlungen

Absperrband mit der Aufschrift "Polizeiabsperrung" ist vor dem Haus des verstorbenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) zu sehen.
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Zum Artikel Tod in Istha - Teil 3: Die Täter

Stephan E. – Verdächtiger im Fall Lübcke
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Zum Artikel Tod in Istha - Teil 4: Die Opfer

Lübcke
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Zum Artikel Tod in Istha - Teil 5: Die Verteidiger

Rechtsanwalt Frank Hannig
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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 2.6.2020, 9-12 Uhr

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