TikTok

Keine Social-Media-Plattform ist so schnell gewachsen wie TikTok. Über eine Milliarde Nutzer verzeichnet die App aus China inzwischen, die meisten von ihnen sind unter 25. Politische Inhalte scheinen jedoch unerwünscht.

TikTok ist auf Platz drei der am häufigsten heruntergeladenen Apps des vergangenen Jahres und liegt damit sogar noch vor Facebook und Snapchat. Die meisten Videos, die in den sogenannten For-You-Feed gespült werden, zeigen Teenager oder junge Erwachsene, die einstudierte Choreografien tanzen und bekannte Songs nachsingen. Wer politische Inhalte sucht, findet diese vor allem über Hashtags. Allein der Hashtag #politik hat mehr als fünf Millionen Aufrufe.

Hashtag #WWIII: Mehr als 500 Millionen Aufrufe

Die Themen reichen vom Brexit bis hin zur möglichen Wiederwahl des US-Präsidenten Donald Trump. Und auch die Tötung des iranischen Generals Soleimani wurde in vielen Memes und Videos verarbeitet, häufig verbunden mit der Frage: Kommt es zu einem Dritten Weltkrieg? Der Hashtag #WWIII wurde laut App mehr als 500 Millionen Mal aufgerufen.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Spaß beiseite: Wie politisch ist "TikTok"?

TikTok
Ende des Audiobeitrags

Diese Memes und Videos seien in jedem Fall politisch, sagt der Für den Medienpädagogen Peter Holnick vom Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e.V. - auch wenn sie mit den Themen satirisch oder humorvoll umgehen. "Nicht nur das Gespräch über Parteien, sondern wie ich die Welt sehe, ist schon Politik. Und wenn ich das mitteile, beeinflusse ich ja auch andere und gehe da in Diskurs. Und das ist auf jeden Fall Politik", so Holnick.

Unterhaltung ja, Politik nein

TikTok selbst teilte hr-iNFO schriftlich mit: "TikToks Mission ist es, Menschen zu inspirieren, indem wir ihnen ein Zuhause für kreativen Ausdruck bieten." Und an anderer Stelle heißt es: "TikTok moderiert keine Inhalte aufgrund von politischen Sensibilitäten."

Recherchen der Nachrichtenseite Netzpolitik.org haben allerdings offengelegt, dass es in der Vergangenheit durchaus zum Eingriff seitens des Unternehmens kam, sobald es um politische Inhalte ging. Interne Dokumente eines Whistleblowers hätten gezeigt, "dass TikTok anfangs tatsächlich sehr wenige politische Inhalte zugelassen hat. Es gab ganz klar in den Moderationsregeln Anweisungen, dass Kritik an politischen Führerinnen und Führern, Satire, Kritik am Militär, oder auch so etwas wie Unabhängigkeit von Tibet oder Kurdistan, dass das zwar nicht gelöscht, aber auf der Plattform versteckt wurde, damit es nicht sichtbar war", sagt die Joournalistin Chris Köver.

Köver hat zusammen mit Kollegen die Moderationspraktiken der chinesischen App veröffentlicht. Ihre Erkenntnisse: Alle Videos werden händisch in unterschiedliche, vom Unternehmen festgelegte Kategorien eingeteilt. Je nach Kategorie werden diese Videos dann entweder häufiger ausgespielt oder weniger häufig, womit sie quasi unsichtbar für viele Nutzerinnen und Nutzer werden. Der Urheber oder die Urheberin des Videos merkt davon allerdings nichts.

Kritik verpackt im Schminkvideo

Ein Video, das diesen Moderationsregeln zum Opfer gefallen ist, wurde dadurch besonders bekannt. Die US-Amerikanerin Feroza Aziz hatte in einem ihrer TikTok-Videos die chinesische Regierung wegen ihres Umgangs mit der uigurischen Minderheit kritisiert. Anschließend war ihr Account gesperrt. Nach der internationalen Berichterstattung entschuldigte sich TikTok, ihr Account ist mittlerweile wieder freigeschaltet – auch mit politischen Videos.

Von einem staatlich gelenkten Eingriff möchte die Journalistin Chris Köver aber nicht sprechen, vielmehr von "vorauseilendem Gehorsam oder verinnerlichten Werten." Auch gegenüber hr-iNFO räumt TikTok schriftlich ein: "Wir sind uns bewusst, dass wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben. In unseren Anfangszeiten haben wir einen restriktiven Ansatz verfolgt, um Konflikte auf der Plattform zu minimieren." TikTok arbeite beständig daran, Arbeitsweisen, Richtlinien und Schutzmaßnahmen zu verbessern.

Weitere Informationen

Wie funktioniert TikTok?

Das Soziale Netzwerk TikTok lebt vom Inhalt seiner Nutzerinnen und Nutzer – allein in Deutschland sind das mehr als fünf Millionen. In etwa 15- bis 60-sekündigen Videoclips tanzen oder singen die meisten vor der Kamera, aber auch Sketche oder Fragerunden sind beliebt. Die Videos werden auf der sogenannten For-You-Page, also „Für-Dich-Seite“ angezeigt – mit einem Wisch geht es zum nächsten.

Alle, die sich die App runtergeladen haben, können diese Videos sehen. Wer selbst eines hochladen möchte, muss sich dafür anmelden. Besonders beliebte Nutzerinnen und Nutzer heißen Creator, sie erreichen mit ihren Videos zum Teil mehrere Millionen Menschen. Inzwischen gibt es neben privaten Accounts auch immer mehr Medien, die sich auf TikTok tummeln, unter anderem die Tagesschau oder die Washington Post.

Ende der weiteren Informationen
Jetzt im Programm