Wilhelm Bechtel
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Das Undenkbare: Vor zehn Jahren ging die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleite und löste eine der größten Finanzkrisen aus. Ein Sparkassendirektor aus Nordhessen erzählt, wie er das erlebt hat.

"Durch die Krise habe ich schon grundlegend über meinen Beruf als Banker nachgedacht, mit welchen Risiken wir auch täglich zu tun haben", sagt Wilhelm Bechtel. Der Typ zum Philosophieren ist er eigentlich nicht. Der Spross einer Metzgersfamilie ist sehr bodenständig, hat es mittlerweile aber bis zum Sparkassendirektor gebracht. Seit 17 Jahren leitet er ein kleines Geldhaus auf dem "flachen Land" – wie er selbst halb im Scherz sagt: die Stadtsparkasse Schwalmstadt in Nordhessen.

Während er in seinem Büro im schwarzen Anzug mit roter Krawatte sitzt, hinter dem Holzschreibtisch, noch von seinem Vor-Vorgänger, erzählt er ruhig und bedächtig, wie seine heile Welt vor zehn Jahren mit der Pleite der US-amerikanischen Bank Lehman Brothers das erste Mal komplett aus den Fugen geriet. "Es war ein Schock, das erste Mal in meinem Berufsleben, dass eine so große und so bekannte Bank pleitegeht, und der Staat auch nicht eingegriffen hat", sagt Bechtel.

Ein weltweites Bankenbeben

Ein Bankenbeben an einem Montagmorgen, das weltweit zu spüren war – auch in Deutschland, selbst in Schwalmstadt, im beschaulichen Backsteinbau der Sparkasse, in dem die ganze Einrichtung noch aus den 80er Jahren ist. Die etwa 50 Mitarbeiter waren damals ganz aufgescheucht, erzählt Wilhelm Bechtel. Er und seine Mitarbeiter hätten erst einmal geschaut, ob es in den Beständen der Kunden Lehman-Papiere gegeben hätte. Doch alles sei gut gewesen. Da niemand Lehman-Papiere gehabt habe, sei man entspannt gewesen.

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Serie: 10 Jahre Lehman-Pleite

Folge 1 - Ex-Anleger: "Es lohnt sich, auf die Straße zu gehen"

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Andere Banken, darunter auch Sparkassen, hatten ihren Kunden dagegen sehr wohl empfohlen, in die vermeintlich sicheren Zertifikate zu investieren. Nach der Lehman-Pleite waren die praktisch wertlos. Aber auch die Kunden von Bechtel, von denen er mit vielen per Du ist, waren nervös. Als in Deutschland ebenfalls die ersten Banken in Schieflage gerieten, wurde er immer wieder gefragt: Was passiert mit meinem Ersparten? Ist das Geld hier überhaupt noch sicher? Er sei schon auch nervös gewesen, sagt Bechtel. Denn jeden Tag seien andere Nachrichten gekommen, und das habe nach dem 15. September zugenommen. "Sie wissen ja noch, dass Anfang Oktober der Steinbrück nach außen gegangen ist und gesagt hat: Die Spareinlagen sind sicher. Und wenn die Politik sich einmischt – also, das war schon spannend", erzählt er.

Lehren aus der Krise

Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchten einer Panik vorzubeugen. Sie brachten Rettungspakete für die Banken auf den Weg. In Folge der Krise sehen die Bankenaufseher heute deutlich genauer hin. Etwa, ob die Banken für ihr Geschäft genügend eigenes Geld haben. Es sind mehr Berichte zu schreiben, Kundengespräche sind zu dokumentieren, die Bürokratie in Schwalmstadt hat deutlich zugenommen. Die Tage seien länger und die Anspannung manchmal größer, sagt Bechtel: "Die Krise hat dazu geführt, dass wir voll beschäftigt sind und alles akribisch machen müssen."

Und all das hat ihn dazu gebracht, auch selbst viel nachzudenken. Über seinen Beruf zum Beispiel, der längst nicht mehr so angesehen ist wie früher. Eine Glaubenskrise hatte der 56-jährige Banker zwar nie; auch nie den Wunsch, den Job aufzugeben, wie es manch anderer in der Branche tatsächlich getan hat. Aber er hat für sich Lehren aus der Krise gezogen. Die wichtigste klingt im Grunde fast wie eine Selbstverständlichkeit: "Man muss schon aufpassen, was ich dem Kunden heute verkaufe; man muss genauer hinschauen."

Sendung: hr-iNFO, 11.9.2018, 6:10 Uhr

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