Ein Kellner mit Mund-Nasen-Schutz wartet in der Innenstadt von Madrid auf Kunden.

Um 19 oder 20 Uhr zu Abend essen? Klingt für die meisten Spanier absurd. Wegen der Corona-Sperrstunde müssen sie sich jetzt aber an die "europäischen Zeiten" gewöhnen.

Julio kann immer noch nicht so recht glauben, was er Abend für Abend in seiner Kneipe sieht. Die neuen Uhrzeiten wirbeln auch sein Leben durcheinander: "Es scheint fast so, als gäbe es einen Boykott, damit wir uns endlich an europäische Uhrzeiten gewöhnen! Die Leute kommen jetzt um 19, 20 Uhr, um zu Abend zu essen. Das mag ja in Deutschland normal sein, aber hier in Spanien doch nicht!"

Julio und sein Team müssen im Akkord schuften, um einigermaßen Umsatz zu machen, denn die späten Gäste fallen derzeit komplett weg. Auch für den Gast Antonio ist das alles noch sehr neu. Was ist sein persönlicher Rekord für ein frühes Abendessen? "Ich glaube, das war heute. Wir haben um halb acht gegessen. Das ist echt komisch in Madrid!"

"Europäische Zeiten"

Madrid ist die Stadt, die wirklich niemals schläft. Sie ist berühmt für ihr Nachtleben – und dafür, dass die Nacht sehr spät beginnt. Während man in London ohne Probleme um 18 Uhr einen Tisch bekommt, geht das in Madrider Restaurants oft frühestens um 21 Uhr. Dann muss man aber schon auch Lust auf ein einsames Abendessen haben. Erst gegen 22 Uhr füllt es sich langsam.

Gast Antonio war nie ein Freund davon: "Ich habe auch schon um halb zwölf oder zwölf zu Abend gegessen. Aber dann fühlst Du Dich manchmal richtig schwer, wenn Du ins Bett gehst. Mit diesen europäischen Zeiten geht das besser." Die Spanier sprechen gern von "europäischen Uhrzeiten" – als wenn sie selbst nicht zu Europa gehören würden. Aber tatsächlich ist der Tagesrhythmus hier ein anderer. Es ist zum Beispiel völlig normal, erst um 15 Uhr zu Mittag zu essen, einen Kaffee trinkt man dann gegen sechs.

Ungewohnte Ruhe

Viele kommen frühestens um acht Uhr abends aus dem Büro. Kein Wunder, dass dann auch das Abendessen erst so spät beginnt. In normalen Zeiten. Aber es sind eben keine normalen Zeiten: Madrid liegt seit Wochen mit seinen Coronazahlen an der europäischen Spitze. Deswegen hat die Regierung jetzt beschlossen, dass um elf Uhr abends Zapfenstreich ist.

"Fühlt sich seltsam an", sagt Gast Rafa. Er esse normalerweise gegen neun oder zehn, das ganze Fernsehprogramm werde ja auch darauf abgestimmt. Er werde Zeit brauchen, um sich daran zu gewöhnen. Aber: "Vielleicht ist es gar nicht so schlecht", sagt er, "für die Verdauung und den Schlaf. Wir Spanier schlafen viel zu wenig, vielleicht tut es uns ganz gut, früher ins Bett zu gehen.“

Schon um halb zwölf abends ist Madrid still und wie ausgestorben. Die Stadt erinnert dann ans nächtliche Bad Kissingen. Die Bars und Nachtclubs müssen vorerst geschlossen bleiben. Madrid liegt im Corona-Winterschlaf. Von dem jeder hofft, dass es tatsächlich nur ein Winterschlaf ist.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 12.10.2020, 9 bis 12 Uhr

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