Tobias R., Täter von Hanau

Unauffällig, schweigsam, ein Einzelgänger – das hört man immer wieder, wenn man in Hanau-Kesselstadt nach Tobias R. fragt. Eine Spurensuche im Umfeld des Attentäters von Hanau.

Hanau-Kesselstadt, eine unauffällige Reihenhaus-Siedlung. Die Umgebung mit den tristen Wohnblocks und Garagenzeilen passt nicht so recht zu den akkurat gepflegten Gärten und den liebevoll gestalteten Hauseingängen. Aber das ist das einzige, was auf den ersten Blick auffällt. Ansonsten – alles ganz normal. Bis hin zu den letzten Landtagswahlergebnissen in Hanau-Kesselstadt, "Wahlbezirk 205". Ein paar Prozentpunkte mehr für die SPD als im Hanauer Durchschnitt, ein paar Prozentpunkte mehr für die AfD. Alles im Rahmen.

Der Vater: "ein unangenehmer Mensch"

Unauffällig – das ist auch der erste Eindruck von dem zweigeschossigen Häuschen der Familie R.. Eine unscheinbare Fassade inmitten eines Reihenhausriegels, auf der Rückseite des Hauses ein schlauchartiger Garten, der sich kaum unterscheidet von den Nachbargärten. Normal halt.

Und Familie R.? Ein Anwohner erzählt, er lebe seit 50 Jahren hier und er habe die Familie überhaupt nicht gekannt. Eine Aussage, über die der pensionierte Lehrer selbst prompt ein wenig zu erschrecken scheint. Andere Nachbarn haben da schon mehr zu erzählen. Dabei geht es aber zunächst weniger um Tobias R. als um seinen 72-jährigen Vater, Hans-Gerd R.. "Ein unangenehmer Mensch", so formuliert es ein Nachbar. Immer wieder habe es Streit gegeben. Mal sei es um Parkplätze gegangen, die R. blockierte, obwohl die eigentlich anderen Anwohnern zustanden. Mal um Mülltonnen, die R. versteckt oder auch schon mal auf die Straße ausgekippt haben soll. Weil irgendwas nicht so lief, wie er sich das vorstellte. "Man konnte nicht normal mit ihm reden", fasst es eine Nachbarin zusammen. So weit die Schilderungen der Nachbarn.

Kandidatur für den Ortsbeirat

Eine Anfrage bei der Stadt Hanau, ob hier  derartige Beschwerden wegen der genannten Streitigkeiten bekannt seien, bleibt ergebnislos. Dazu könne man aus "datenschutzrechtlichen Gründen" nichts sagen. Fest steht, dass Hans-Gerd R. im Jahr 2011 für die Grünen kandidiert hat für den Ortsbeirat Kesselstadt/Westend. R. sei aber nie Mitglied der Grünen gewesen, teilt die Partei auf hr-Anfrage mit. Nach der gescheiterten Kandidatur habe es auch keinen Kontakt mehr gegeben.

Andere politische Aktivitäten sind zumindest in der der Nachbarschaft nicht bekannt. Allerdings sei Hans-Gerd R. zumindest vorübergehend in der "Nachbarschaftshilfe Kesselstadt" aktiv gewesen. Die Nachbarschaftshilfe bietet von der Unterstützung bei der Gartenarbeit bis zur Haustierbetreuung alles Mögliche an Dienstleistungen an, ehrenamtlich. R. war hier vor ein paar Jahren für ein paar Monate sogar Vorstandsmitglied. Aber nach drei, vier Monaten sei Schluss gewesen: "Es hat nicht gepasst", erinnert sich der Erste Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe, Horst Diesel. 

"Ein ganz normaler Junge""

Und der Sohn, Tobias R.? Viele, mit denen ich in der Nachbarschaft spreche, leben schon lange hier – 20 , 30 Jahre. Manche kennen Tobias R., den mutmaßlichen Attentäter von Hanau, seit seiner Kindheit. "Ein ganz normaler Junge", erinnert sich eine Anwohnerin. Später wurde Tobias R. dann wohl eher zum Einzelgänger: "schweigsam", "unauffällig" – solche Begriffe fallen immer wieder.

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Mitschüler aus seinem Abi-Jahrgang an einem Hanauer Gymnasium reagieren auf Anfragen zurückhaltend. Nur vereinzelt kommt eine Rückmeldung: Er kenne niemanden, der nach der Schulzeit noch Kontakt zu Tobias R. gehabt habe, schreibt ein ehemaliger Mitschüler. Nein, Tobias habe er nicht näher gekannt, schreibt ein anderer. Unter einem Foto im Abitur-Jahrbuch, das Tobias R. zeigt, heißt es über ihn: "Einer der durchgeschossensten Leute des Jahrgangs ... Schwankt zwischen lieb und hyperaggresiv."

Ein weiterer Bekannter, den Tobias R. in einem Video sogar als Freund bezeichnet, hinterlässt auf Nachfrage nur eine dürre Nachricht auf dem Anrufbeantworter: Er habe Tobias R. das letzte Mal vor mehr als 25 Jahren gesehen und das auch schon der Polizei mitgeteilt. Von weiteren Anfragen bitte er abzusehen.  

Strafanzeige gegen "geheimdientliche Organisation"

Was wissen wir noch über Tobias R.? Nach der Schule folgen Zivildienst und Lehre, danach verlässt er das Rhein-Main Gebiet. Er studiert zunächst in Bayern, arbeitet anschließend als Kundenberater für zwei verschiedene Unternehmen, schließlich lebt und arbeitet er in München, bis er – nachdem er seinen letzten Job gekündigt hat, angeblich um ein "Verbrechen" aufzuklären – wieder zurückkehrt in seine alte Heimat, nach Kesselstadt, in das Reihenhaus seiner Eltern.

Auch die Nachbarn sehen ihn jetzt wieder häufiger, man grüßt sich, mehr nicht. Wieder alles ganz normal.  Scheinbar. Denn was niemand weiß: Tobias R. fühlt sich seit vielen Jahren verfolgt von einem "Geheimdienst", der nicht nur seine Gedanken lesen kann, sondern ihn auch steuere. Schon 2004 hatte er nach eigener Auskunft deshalb Anzeige erstattet. Ohne Folgen.

Im November 2019 wendet er sich sogar direkt an die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, Betreff: "Strafanzeige gegen eine unbekannte geheimdienstliche Organisation". Diese Anzeige besteht zu weiten Teilen aus jener sogenannten "Botschaft", die nach der Terrortat von Hanau bekannt werden wird. Allerdings fehlen in der Anzeige noch jene rassistischen Fantasien, mit denen R. Monate später seine tödlichen Schüsse erklären wird und in denen er davon redet, dass mehr als zwanzig Völker "komplett vernichtet werden müssen… auch wenn wir hier von Milliarden sprechen".

Weitere Ermittlungen leitet  die Bundesanwaltschaft aufgrund der Anzeige nicht ein. Weder gegen den ominösen "Geheimdienst", noch gegen Tobias R. Aus dessen Angaben hätten sich keine Hinweise auf geplante strafbare Handlungen oder eine Gefährlichkeit der Person ergeben.

Mitglied im Schützenverein

Auf Anraten eines Privatermittlers wendet sich R. in seinem Kampf gegen die "geheimdienstliche Organisation" auch an  Bernd Gloggnitzer, einen österreichischen "Experten für Fernwahrnehmung" – eine Disziplin der Parapsychologie. Der Angeschriebene reagiert zunächst nicht. Tatsächlich bekäme er viele solcher Anschreiben, "Blödsinn", auf den er grundsätzlich nicht antworte. Von den meisten würde er dann nie mehr etwas hören. Anders im Falle Tobias R. Der fragt erst ein, dann ein zweites Mal nach, bis Gloggnitzer antwortet, er könne ihm nicht helfen.

Danach geht das Leben in Hanau- Kesselstadt weiter – wieder scheinbar ganz normal. Auch im Schützenverein Diana in Frankfurt Bergen-Enkheim fällt Tobias R. offenbar nicht weiter auf. R. besitzt zwei Waffen, legal, mit Waffenbesitzkarte. Seit 2012 ist er Mitglied in dem Schützenverein, käme aber nur eher selten zum Schießen hierher, erinnert sich ein Vereinsmitglied. Der Vorstandsvorsitzende Claus Schmidt nimmt ihn als "ruhigen, netten, freundlichen" Menschen wahr: "Keine Hetze gegen ausländische Mitbürger, keine rechtsradikalen Sprüche, keine Parolen, nichts."  

Bis zum 19. Februar. Da erschießt Tobias R. zehn Menschen – und am Ende auch sich selbst.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 28.2.2020, 9 bis 12 Uhr

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