Peer Steinbrück, lächelnd vor blauem Bild
Peer Steinbrück Bild © hr

Als Bundesfinanzminister hatte Peer Steinbrück nach der Pleite der US-Großbank Lehman Brothers eine zentrale Rolle. Wie schaut er heute auf diese Zeit?

Peer Steinbrück saß in seinem Ministerium, als vor zehn Jahren die Nachricht von der Lehman-Pleite kam. Und er, der Finanzexperte, war völlig überrascht. "Ich gehöre jedenfalls nicht zu denjenigen, die damit kokettieren können, das alles vorhergesehen zu haben", sagt er. Er habe es damals schlicht unterschätzt, sagt er heute, dass eine Immobilienkrise in den USA solche Übersprungseffekte auf Europa haben könnte. "Aber die Lernkurve war da ziemlich schnell und steil", sagt er.

Steinbrück lacht beim Blick zurück. Aber die Zeit damals war die stressigste und aufreibendste seiner Politkarriere. Es habe Situationen gegeben, in denen man gedacht habe, das alles nicht in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel als klar wurde, dass der deutschen Hypo Real Estate der Kollaps drohte, weil sie sich am US-Hypothekenmarkt verspekuliert hatte. "Da dachte ich: Wenn sich jetzt ein Abgrund auftut, dann springst du rein", erzählt der ehemalige Finanzminister.

Krisenmanagement hat funktioniert

Die Regierung fürchtet einen Run der Sparer auf die Banken. Der Finanzminister legt deshalb Anfang Oktober 2008 gemeinsam mit Kanzlerin Merkel einen denkwürdigen Auftritt hin und leistet ein Versprechen: "Dass die Sparerinnen und Sparer nicht befürchten müssen, einen Euro ihrer Einlagen zu verlieren", so Steinbrück damals.

Im Rückblick sagt er, das Krisenmanagement der Bundesregierung habe damals ziemlich gut funktioniert. Ein paar Dinge hätte der SPD-Mann aber schon gerne anders gemacht: Zum Beispiel mehr Banken verstaatlicht oder zwangskapitalisiert. Einen Vorwurf weist Steinbrück energisch zurück: dass er eine gemeinsame europäische Bankenrettungspolitik blockiert und damit zugelassen habe, dass aus der Bankenkrise eine europäische Staatsschuldenkrise wurde. Er könne sich nicht erinnern, dass es neben dem Druck, entscheiden zu müssen, noch die Vorstellung gab, dass man sich grundsätzlich für einen überbordenden Rettungsschirm für ganz Europa einsetzen müsse.

Politik im 21. Jahrhundert

Wenn Steinbrück über die Folgen der Finanzkrise redet, fällt auch dieser Satz: sie sei mitverantwortlich für den Aufstieg der AfD. Es sei damals Vertrauen verloren gegangen - nicht nur in die Banken. "Und es hält bis heute an, in meinen Augen. Denn diejenigen, die sich verzockten und die hohe Risiken eingingen, mussten letztlich nicht selber mit ihren Instituten dafür haften, sondern der Steuerzahler. Und das wurde schon als eine Art Kontrollverlust wahrgenommen", sagt er.

Die Politik hat Lehren aus der Krise gezogen, beteuert Steinbrück. Und was hat er für sich persönlich gelernt? "Alleine irgendwo zu entscheiden, so ein bisschen nach dem Motto 'Hier stehe ich und ich kann nicht anders'. Das ist nicht mehr die richtige Politik im 21. Jahrhundert, sondern Sie sind angewiesen darauf, dass Sie sich begleiten und beraten lassen."

Peer Steinbrück ist seit 2009 nicht mehr Finanzminister und schon länger raus aus der aktiven Politik, aber die Lehman-Pleite und die Finanzkrise sind noch sehr präsent. Denn er sieht das Risiko, dass sich die Geschehnisse von damals wiederholen könnten, obwohl die Politik gehandelt habe. "Die Vorwurfshaltung, die es gibt, die Politik hätte nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen, kann ich so nicht nachvollziehen. Ergänze aber: Dies mag alles noch nicht reichen."

Sendung: hr-iNFO, 12.9.2018, 6.10 Uhr

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