Hände auf einer Bettdecke
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Darf es Sterbehilfe als Dienstleistung geben? Michael de Ridder und Thomas Sitte, beide Mediziner, haben schon viele Menschen beim Sterben begleitet. Ja, sagt der eine, Nein der andere. Ein Streitgespräch.

Dr. Thomas Sitte und Dr. Michael de Ridder sind beide Ärzte. Beide haben viele Menschen schon beim Sterben begleitet. Sitte ist Palliativmediziner, de Ridder Internist, Rettungsmediziner und Diplom-Biologe. Sie haben sich zuletzt in Karlsruhe gesehen, als dort das Bundesverfassungsgericht über den Paragrafen 217 beraten hatte.

Jetzt prallen ihre Meinungen aufeinander. Beide denken nämlich ganz unterschiedlich darüber, ob man als Arzt einem Menschen dabei helfen darf, wenn dieser sich selbst töten möchte. Bei uns im Studio sprechen sie darüber.

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Zum Artikel hr-iNFO-Politik: Darf ein Arzt Todkranken bei der Selbsttötung helfen?

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Dr. Thomas Sitte sagt: "Ganz klar: In begründeten Einzelfällen darf ich das, ja. Aber als Arzt denke ich: Ich soll das nicht." Dr. Michael de Ridder meint dagegen: "Ich denke, dass Menschen in aussichtsloser Erkrankung, die frei verantwortlich zu entscheiden in der Lage sind, die über alle palliativmedizinischen Optionen informiert sind und dennoch weiter leiden, oder aber Palliativmedizin ablehnen, auch mit ärztlicher Hilfe ein Sterben ermöglicht werden muss."

De Ridder hat das auch schon getan: Er hat einen Mann etwa ein Jahr begleitet, der an unheilbarem Krebs erkrankt war und der ihn um Hilfe gebeten hat, sich selbst töten zu können. Hat versucht, ihn von Alternativen zu überzeugen.

Schmerzen lindern oder tödliche Medikamente geben?

Denn es ist heute fast immer möglich, die oft unerträglichen Schmerzen, die die tödliche Krankheit begleiten, mit starken Schmerzmitteln so zu lindern, dass das Sterben nicht mit qualvollem körperlichem Leiden einhergeht. Genau damit beschäftigt sich die Palliativmedizin. Ihr geht es nicht mehr um das nicht mehr mögliche Heilen, sondern um das möglichst schmerzfreie und friedliche Sterben.

Sein Patient blieb aber bei seinem Wunsch, und de Ridder beschaffte ihm tödliche Medikamente. Sein Patient nahm sie einige Wochen später ein und starb daran.

Sitte wehrt sich dagegen, dass eine geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland etabliert wird. Er findet es richtig, dass ein todkranker Patient wie Hans-Jürgen Brennecke kein tödliches Pento-Barbital bekommen darf. Bennecke hatte das bei der zuständigen Bundesbehörde beantragt, weil er an einer unheilbaren Krebserkrankung leidet und Angst vor den Schmerzen hat, wenn es ihm schlechter geht. Sein Antrag wurde abgelehnt.

De Ridder hält dagegen: "Wer denn sollte darüber verfügen dürfen, ein Leiden zu beenden, wenn nicht der Betroffene selbst?" Es könne nicht sein, dass der Staat, die Kirchen, die Ärzte oder irgendeine andere Institution darüber verfügen dürften, wie dieses Ende zu gestalten ist. Das sei ein Grundrecht, und der Staat dürfe es nicht erschweren, dieses Grundrecht wahrzunehmen, wenn ein Sterbenskranker plausible Gründe vorbringe, meint de Ridder.

Gibt es ein Grundrecht auf Hilfe beim selbstbestimmten Sterben?

Auch Thomas Sitte würde nicht unbedingt einem Menschen, der dringend sterben will, Hilfe bei der Selbsttötung verweigern. Er werde ja auch immer von leidenden, todkranken Menschen darum gebeten. "Gerade dieser Tage wieder habe ich eine intensive Beratung gemacht mit einer hochbetagten Dame, die gesagt hat: 'Ich möchte jetzt von Ihnen getötet werden'. Das darf ich! Ich darf ihr mit Rat zur Seite stehen. Mit Tat dürfte ich es auch – will ich aber nicht."

Aber selbst wenn er dann im Einzelfall beim Suizid helfen würde: Nach dem jetzigen Gesetz mache er sich dann als Arzt nicht strafbar - da er nicht die Absicht habe, die Selbsttötung seines Patienten zu fördern. 

"Aber was tue ich denn sonst?", fragt de Ridder, "wenn ich mich auf ein Gespräch einlasse mit einem Patienten und ich erörtere mit ihm seinen Suizidwunsch." Einem Menschen, der plausible Gründe vorbringen kann, dürften keine Hindernisse in den Weg gelegt werden, seinen Willen auch umzusetzen. De Ridder meint, aus den Fragen der Verfassungsrichter in der Anhörung in Karlsruhe die Andeutung herausgehört zu haben, dass deshalb das derzeitige Gesetz nicht der Verfassung  entspreche.

Wird Suizidhilfe zu einer normalen Option?

"Also, wenn ich keine Hindernisse in den Weg legen würde, dann würden Leichen meinen Weg pflastern", entgegnet der Sitte. "Ich habe hunderte von Gesprächen mit Suizidwilligen geführt und habe Alternativen aufgezeigt, anstelle die Absicht zu haben, etwas zu fördern. Und damit habe ich Leben gerettet."

Ja, sagt Michael de Ridder, "mit jedem Patienten müssen ausführlich die anderen Optionen erörtert werden. Und ich würde selbst alles dafür tun, und ich habe selbst alles dafür getan, Menschen, die suizidwillig sind, von den Möglichkeiten der Palliativmedizin zu überzeugen. Und es ist mir in vielen, vielen Fällen auch gelungen. Aber es gibt eben Menschen, die sind nicht zu überzeugen."

Für de Ridder sind Suizidassistenz und Palliativmedizin kein Widerspruch: "Sie bilden die beiden Enden eines breiten Spektrums ärztlicher Hilfeleistung." Genau das will Thomas Sitte nicht: Er befürchtet, dass Suizidhilfe eine ganz normale Option unter mehreren Möglichkeiten werden könnte, die ein Arzt einem Patienten bei der Beratung nennt.

Die tägliche Lebenserfahrung zeige, dass man sich an etwas gewöhnen könne. Er habe genau zu diesem Thema promoviert, und dabei habe er nachweisen können: "Überall dort, wo Regeln und Erleichterungen geschaffen werden, fallen die Barrieren dafür, dass man selbstbestimmt früh ableben kann. Da wird die Nachfrage immer größer. Angebot schafft die Nachfrage und Normalität. Und das ist etwas ganz Gefährliches."

Ja, es gäbe mehr Suizide – normal oder "Werther-Effekt"?

Ja, stimmt ihm de Ridder zu: Sollte der Paragraf 217 geändert würde, werde es mit Sicherheit dazu kommen, dass die Zahl der Suizide in Deutschland steigen werde: "Nicht, weil hier plötzlich ein Damm bricht, sondern weil mehr und mehr Menschen von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machen." Weil es den Wunsch danach gebe, selbst seinen Todeszeitpunkt zu bestimmten, hätten Sterbehilfevereine so viel Zulauf.

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"Werther-Effekt" nennt man das Phänomen, dass es zu Nachahmungstaten und damit zu mehr Suiziden kommt, wenn Medien über Selbstmorde berichten.

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"Haben Sie einen Beweis dafür, dass durch Ihre Medientätigkeit kein Werther-Effekt auftritt?", fragt Sitte. "Überhaupt nicht", erwidert de Ridder. "Ich plädiere in einer sehr klaren Weise, unter klarer Priorisierung von Palliativmedizin." Er glaube, er gehe sehr verantwortlich damit um. "Holland, Belgien, Schweiz, Luxemburg, Oregon, überall", zählt Sitte auf: In diesen Ländern oder US-Staaten, in denen ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung erlaubt sei, gingen die Zahlen dieser assistierten Suizide hoch.

De Ridder antwortet, genau dazu habe der Präsident des 2. Senates des Bundesverfassungsgerichtes Vosskuhle gefragt, woher man denn wisse, dass diese höheren Zahlen nicht die Folge davon seien, dass mehr Menschen von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch gemacht hätten. "Natürlich", sagt Ridder, "wenn es diese Option gibt, dann wird es zu prüfen sein, wem man diese Option zukommen lässt, aber bitte unterhalb des Strafrechtes! Das Strafrecht muss raus!"

Friedlich, aber uneins

Darf man einem Menschen bei der Selbsttötung helfen? Michael de Ridder und Thomas Sitte denken da in vielem gegensätzlich. Hat denn die Debatte dazu geführt, dass man seine Meinung geändert hat? "Ja leider", sagt Sitte. "Ich glaube, es ist noch deutlicher geworden, wie sehr wir gegen geschäftsmäßige Beihilfe kämpfen müssen, weil es einfach zu dem Werther-Effekt führt. Und die andere Seite sollte nachweisen, dass es nicht schadet."

Angenähert haben sie sich also nicht – vielleicht sogar noch einen Tick mehr voneinander entfernt. Auch wenn Michael de Ridder erst mal eine große Gemeinsamkeit betont: Der palliative Ansatz in der Sterbebegleitung müsse gestärkt werden, "und da passt bei Herrn Sitte und mir kein Blatt zwischen uns." Aber – und da bleibt seine Meinung weiter ganz verschieden - "auf der anderen Seite muss sichergestellt sein, dass Patienten ihr grundgesetzlich verbrieftes Recht ohne Hindernisse wahrnehmen dürfen."

Friedlich gehen die beiden Mediziner dann aus dem Studio und jeder seines Weges: So wie alle müssen sie nun darauf warten, dass die Verfassungsrichter in Karlsruhe ihre Entscheidung treffen.

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Verhandlung über den Paragrafen 217: Worum geht es?

2015 hatte der Deutsche Bundestag über fünf verschiedene Entwürfe zum Thema "Suizidassistenz" abgestimmt. Mit Mehrheit wurde der Entwurf des Fuldaer CDU-Bundestagsabordneten Michael Brand und der SPD-Abgeordneten Kerstin Griese zum Paragraf 217 des Strafgesetzbuches verabschiedet.

Seitdem gilt: "Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Geschäftsmäßig – damit wollte die Mehrheit des Bundestages verhindern, dass die Selbsttötung von Menschen von Sterbehilfevereinen zu einem Geschäft gemacht wird. Und damit zu etwas würde, an das sich die Gesellschaft langsam aber sicher gewöhnt. Als eine ganz normale Option, die einem todkranken Menschen nahegelegt werden könnte, auch wenn er das vielleicht ursprünglich gar nicht wollte.

Im zweiten Absatz des Gesetzes steht: "Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht."

Nahe Angehörige dürfen dann also, da sie ja aus aus Mitgefühl handeln, helfen, ohne dass sie eine Strafe befürchten müssen.

Gegen das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe haben inzwischen Sterbehilfevereine, Schwerkranke und Ärzte - darunter Michael de Ridder - Verfassungsbeschwerde eingelegt. Das Bundesverfassungsgericht muss nun eine Entscheidung treffen.

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