Sexueller Missbrauch Pfarrer Sujet
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Eine neue Studie der katholischen Kirche gibt Einblick in die dunkle Seite der Institution. Untersucht wurden über 38.000 Akten aus allen 27 katholischen Bistümern in Deutschland. Und die Ergebnisse sind erschreckend.

Eigentlich sollte die Studie erst am 25. September bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda vorgestellt werden. Doch einige Medien haben bereits jetzt Auszüge aus der Zusammenfassung der Studie veröffentlicht.

Was sagt die Studie über die Opfer?

In den Akten sind fast 3700 Kinder und Jugendliche als Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche vermerkt - und zwar in den Jahren 1946 bis 2014. Zum Teil hätten die Opfer mehrere Missbrauchsfälle über sich ergehen lassen müssen. Beim ersten Mal sei über die Hälfte von ihnen jünger als 14 Jahre gewesen. Die allermeisten seien Messdiener, Schüler im Religionsunterricht oder in der Vorbereitung auf die Erstkommunion und die Firmung gewesen. In jedem sechsten Fall sei es zu Formen der Vergewaltigung gekommen. Allerdings ist davon auszugehen, dass das Dunkelfeld noch viel größer ist. Denn nicht alles ist in den Akten notiert worden. Außerdem haben die Forscher keinen direkten Zugriff auf die Originalakten der Bistümer gehabt.

Was weiß man über die Täter?

Fast 1700 Kleriker, die meisten von ihnen Priester, werden beschuldigt, Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. 4,4 Prozent der Kleriker in Deutschland seien demnach mutmaßliche Täter. Neben Priestern seien Ordensleute und Diakone an den Verbrechen beteiligt gewesen.

Wie geht die Kirche mit dem Thema um?

Der für Missbrauchsfragen zuständige Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte, die Kirche wisse um das Ausmaß des Missbrauchs. Das Ganze sei für sie bedrückend und beschämend. Doch Kritiker der kirchlichen Aufarbeitung bemängeln, dass die Bereitschaft der Institution, die Täter auch zu bestrafen, nicht sehr ausgeprägt sei. Laut Akten sind bei 566 Beschuldigten, das sind fast 34 Prozent, kirchenrechtliche Verfahren eingeleitet worden. Rund ein Viertel dieser Verfahren ist allerdings ohne jegliche Sanktionen beendet worden. Nur selten sind drastische Strafen ausgesprochen worden, wie zum Beispiel Entlassung aus dem Klerikerstand oder die Exkommunikation, also der Ausschluss aus der Gemeinschaft der Gläubigen. Theologisch ist das das schärfste Schwert. Häufig dagegen seien des Missbrauchs beschuldigte Priester in andere Gemeinden versetzt worden. In vielen Fällen seien die neuen Gemeinden dieser Priester über die Vorwürfe nicht informiert worden.

Was kann zu den Ursachen des Missbrauchs gesagt werden?

Die Forscher sehen weder Homosexualität, noch den Zölibat, also die Ehelosigkeit der Priester, oder besser gesagt die Frauenlosigkeit, als die Ursache für Missbrauch. Aber sie könnten Risikofaktoren darstellen, genau wie auch die strenge katholische Sexualmoral. Das was passiert sei, sei vor allem auch Missbrauch von Macht. Hier wird der Begriff Klerikalismus genannt. Dieser könne bei bestimmten Priestern dazu führen, nicht geweihte Personen dominieren zu wollen - nicht zuletzt Kinder.

Was wird empfohlen?

Vor allem sollte der Umgang der Kirche mit der Sexualität grundsätzlich überdacht werden. Dazu gehörten auch Homosexualität und der Zölibat. Und man sollte noch viel stärker als bislang auf die Opfer eingehen. Angefangen bei einem Gedenktag für Betroffene, über höhere Anerkennungszahlungen bis hin zur Einbeziehung der Opfer in die Präventionsarbeit. Die Autoren der Studie haben allerdings noch eine beunruhigende Nachricht parat: Der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Katholischen Kirche sei keineswegs etwas, das nur in der Vergangenheit passiert und nun abgeschlossen sei. Dies passiere in Einzelfällen bis heute.

Sendung: hr-iNFO, 13.9.18, 10:05 Uhr

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