Die Coronakrise zeigt deutlich, wo die Gräben in Südafrika verlaufen: Arm und Reich leben hier manchmal nur einen Steinwurf weit voneinander entfernt.

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Zelte in einer Armensidelung in Cape Town
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Das Lagerfeuer am Rande von Diepsloot brennt in der Nacht. Die Gegend ist ohnehin schon arm, aber hier stehen nicht einmal mehr Wellblechhütten – hier stehen Zelte. Mehrere Männer sitzen darum. Einer ist in Decken gehüllt und erzählt: "Wir frieren hier, das Zelt steht ja auf dem Gras. Da wird es feucht, und dann fühlt es sich noch kälter an. Wir schlafen kaum, bis Mitternacht bleiben wir am Feuer, dann schlafen wir im Zelt ein wenig, und um 4 Uhr wachen wir wieder auf und setzen uns wieder ans Feuer."

Erfolge nur für wenige

Armut gibt es überall in Südafrika, gut die Hälfte der Bevölkerung gilt als arm. Dabei hatte es seit Anfang des Jahrtausends erste Fortschritte gegeben. "Zwei Jahrzehnte haben nicht viel vorangebracht, höre ich immer wieder. Seien wir realistisch: Es gibt Erfolge in Südafrika, aber nicht jeder profitiert davon", sagt der Journalist Shahan Ramkisson.

Strukturelle Probleme, Arbeitslosigkeit und Korruption sind auch gegenwärtig noch große Herausforderungen. Nur einer von zehn Südafrikanern, die in Armut leben, ist weiß. Luzette Thomas gehört dazu – sie vermisst in erster Linie Strom und klingt doch pragmatisch. "Ich habe nur Kerzen hier. Als wir hier eingezogen sind, habe ich geweint. Und ich hatte Angst, schwarz und weiß ... Ich dachte vorher, die würden uns töten. Aber die Leute sind so nett. Meine beste Freundin ist schwarz, sie wohnt auch hier. Man kann gar nicht glauben, wie sich eigene Werte und Vorstellungen vom Leben ändern können."

Heimkino statt Squash

Auf der anderen Seite hat Südafrika auch eine wohlhabende, eine beinahe glitzernde Welt. Am oberen Ende der Einkommens-Skala findet sich Luxus wie im Haus von Eugene Jackson, der in der Kommunikationsbranche viel Geld verdient hat. In Internet-Videos führt er gern durch sein Zuhause. "Das hier ist unser größter Pool, er ist einer von dreien. Das Gute am Leben in Durban ist, dass man das ganze Jahr über innen und außen leben kann. Auf dem Haus ist ein Hubschrauber-Landeplatz, und das Haus hat ein Spielfeld für Squash, Weinkeller und eine Bar. Ich will das aber zu einem Heimkino mit Bühne für all meine Freunde umbauen, denn kaum jemand von uns spielt Squash."

Tennisplätze auf dem Grundstück, Wasserspiele im Garten, goldene Skulpturen in Eingangshallen und Golfplätze auf wallenden Hügeln: Wer wohlhabend ist, der kann sich in Südafrika viel leisten. Und doch trennen diese Gegensätze das Land. Südafrika gilt weltweit als eines der Länder, in denen es die größte Kluft zwischen Arm und Reich gibt. Es gibt inzwischen eine Mittelschicht, die wächst, aber nicht besonders schnell. Und die Mehrheit des Kapitals ist nach wie vor in den Händen von weißen Südafrikanern, die gerade mal zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Hunger oder Corona

John Steenhuisen, Chef der Oppositionspartei Demokratische Allianz, macht die Regierungspartei ANC dafür verantwortlich. "Die Leute sollten die Regierung an ihren Versprechen messen. Der ANC hatte Arbeitsplätze versprochen – es wurden aber weniger. Investitionen waren versprochen – die sanken aber. Es gab Hoffnung, aber es folgten wenige Taten oder Lösungsvorschläge. Wir reden über ein Land, in dem Ungleichheit an der Tagesordnung ist, auch die zwischen Hautfarben, das ist ein Erbe der Vergangenheit."

Wie drängend das Problem ist, zeigt die Coronakrise deutlich wie selten. Hunger ist für Hunderttausende Menschen an der Tagesordnung. Hilfslieferungen gibt es, aber die versorgen allenfalls mit dem Nötigsten. Die Männer, die in Diepsloot um das Feuer herum sitzen, ganz nah beieinander und ohne Gesichtsmaske, kochen Pap, Maismehl mit Wasser. Sie klingen irgendwie kämpferisch, wenn sie sagen: Wir sterben eher an COVID-19 als an Hunger.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 29.7.2020, 12 bis 15 Uhr

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