Mann mit schwarzen Haaren und Bart schaut mit verschränkten Armen in die Kamera

Noch immer wohnen tausende Holocaust-Überlebende in Israel, viele von ihnen leben in Armut. Mit seinem Restaurant will Erez Nagauker ihnen wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zubereiten.

In der Küche des Beer Sova in der Innenstadt von Beersheba wird schon wieder aufgeräumt. Die Mittagessen der Sozialeinrichtung sind ausgeliefert oder wurden abgeholt. Es gab klassische israelische Hausmannskost, nicht unbedingt fettarm, aber ganz sicher sättigend. Denn Beet Sova heißt übersetzt Brunnen der Sättigung.

Der 87 Jahre alte Josef kommt seit mehr als 20 Jahren hierher und hat auch selbst als Freiwilliger mitgeholfen. Geboren ist er 1934 in Moldawien als Sohn einer jüdischen Familie. "Als sich die Deutschen Moldawien näherten, flohen wir zu Fuß. Hätten wir gewartet, wären wir ermordet worden", sagt Josef, dann erzählt er von einer Flucht über viele Stationen.

750 Euro zum Leben

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war Josef in den 90er-Jahren einer von mehr als einer Million jüdischen Einwanderern, die aus der Sowjetunion nach Israel kamen. Beersheba in der Negev-Wüste wurde die neue Heimat des pensionierten Mathe- und Physiklehrers. Er bekommt eine Invalidenrente und hat umgerechnet rund 750 Euro pro Monat zum Leben.

Das Beer Sova ist für Josef ein zweites Zuhause geworden, das von Erez Nagauker geleitet wird: "Die meisten unserer Kunden sind Holocaust-Überlebende, es sind ältere Leute, Menschen die alleine leben. Es sind Menschen, für die es leider oft die einzige Mahlzeit am Tag ist, die sie hier einnehmen. Wenn ich kann, gebe ich ihnen daher eine warme Mahlzeit bei uns und lasse ihnen auch etwas für zu Hause einpacken", so der Inhaber der Suppenküche.

Eine unsichtbare Bevölkerungsgruppe

Das Beer Sova liefert auch Essen auf Rädern. An diesem Tag sitzt die Studentin Galit hinter dem Steuer des VW-Busses. Die Holocaust-Überlebenden nennt Galit eine unsichtbare Bevölkerungsgruppe. Die Corona-Pandemie habe das Leben vieler Überlebender noch einsamer gemacht: "In der Regel sind es einsame Menschen, die eigentlich nur in ihren Wohnungen sind. Die trifft man nicht draußen. Oft bitten sie mich auch um einen Gefallen oder um Hilfe - um alle möglichen Dinge, die ich bei ihnen im Haus machen soll", erzählt sie. 

Galit hält vor einem Wohnblock am Stadtrand. Hier leben Rentnerin Ora und ihr Mann. Sie bekommen regelmäßig Mahlzeiten vom Beer Sova und einmal im Monat auch ein Lebensmittelpaket mit Dingen wie Reis, Öl und Thunfisch. Oras Mann ist 84 und Holocaust-Überlebender. "Es gibt einen Verein in Israel, der Menschen wie meinen Mann nicht vergisst. Sie helfen. Sie rufen an und manchmal verteilen sie auch Geschenke. Sie fragen, ob wir Hilfe im Haus brauchen oder warme Decken. Sie sorgen dafür, dass er nicht das Gefühl bekommt, allein zu sein, dass er weiß: Es gibt Menschen, die sich sorgen", so Ora.

Ein wichtiger Bestandteil des Alltags

Wenn Ora oder der ehemalige Lehrer Josef von der Unterstützung berichten, die sie im Alter erhalten, merkt man, dass es nicht nur um materielle Hilfe, sondern auch um soziale Wärme geht. Erez Nagauker bestätigt das. Das Beer Sova, sagt er, soll mehr sein als eine Suppenküche: "Es wird versucht, das Gefühl zu vermitteln, dass das hier ein Gemeinschaftszentrum, eine Art Rentnerclub ist. Denn die älteren Menschen, die hierherkommen, haben kein Geld für Vereine oder Freizeitaktivitäten. Ich habe daher den Traum, nicht nur ein Ort zu sein, der dem Körper Essen gibt, sondern auch der Seele."

Regierungsangaben zufolge leben noch rund 174.500 Holocaust-Überlebende in Israel, sie sind im Schnitt 84 Jahre alt. Für viele von Ihnen sind Einrichtungen wie das Beer Sova in Beersheba ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 08.04.2021, 12 bis 15 Uhr

Jetzt im Programm