Ein Kind schiebt sein Fahrrad durch das zerstörte Ghuta

Viele der etwa 5000 minderjährigen Flüchtlinge in Griechenland landen auf der Straße. Für Maher kam es anders: Nach Monaten ohne Obdach fand er dank einer Hilfsorganisation ein ein neues Zuhause - und eine Perspektive.

"Ich bin sehr glücklich", sagt Maher und strahlt übers ganze Gesicht. "Ich bin froh über das, was ich habe." Maher ist 18 Jahre jung und was ihn so froh macht, ist sein Plan für seine eigene Zukunft: Er will Flugbegleiter werden.

Vor zweieinhalb Jahren noch sah das Leben von Maher überhaupt nicht rosig aus. Im Gegenteil: Er lebte auf der Straße, ohne Obdach, ohne Zukunft, ohne Eltern - auf der Flucht vor dem Krieg in seiner Heimat Syrien. Der Krieg hat seine Familie auseinandergerissen.

"Ich habe nie über meine Träume nachgedacht"

Als 13-Jähriger flüchtete Maher zusammen mit seinem jüngeren Bruder über die Grenze von Syrien in die Türkei, die Eltern blieben zurück. "Während ich in der Türkei war, hab ich immer nur ans Überleben gedacht - wo ich für die nächste Nacht ein Dach überm Kopf finde", sagt Maher. "Ich habe nie über meine Träume nachgedacht."

Für einen Hungerlohn schuftete Maher auf Baustellen, fast drei Jahre lang ging das so: "Keine Schule, nichts, nur arbeiten, um zu überleben." In der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa, stieg Maher dann zusammen mit seinem Bruder in eines jener überfüllten Schlauchboote, in denen Schlepper Flüchtlinge vom türkischen Festland auf griechische Inseln bringen, an allen Kontrollen vorbei.

"Könnten über jedes Kind einen Film drehen"

Viele minderjährige Flüchtlinge landen auch in Griechenland auf der Straße. Aber Maher und sein Bruder hatten Glück. Sie fanden ein neues Zuhause in Athen: beim "Home Project", einer Hilfsorganisation, die gestrandete Flüchtlingskinder aufnimmt. Jeweils gut ein Dutzend Kinder leben gemeinsam in einem Haus, zusammen mit Betreuern, wie eine große Familie.

"Wir könnten über jedes Kind einen Film drehen, so viel hat jedes einzelne Kind durchgemacht", erzählt Sofia Kouvelaki, die Chefin des "Home Projects" Athen. "Deshalb haben wir in jedem Wohnheim Psychologen und Psychiater. Und natürlich gehen alle Kinder zur Schule, manche auf staatliche Schulen, aber wir haben auch Partnerschaften mit Privatschulen."

Neues Leben in Athen

Zum Beispiel mit der Amerikanischen Schule in Athen. Dort fing das neue Leben für Maher und seinen Bruder an: "Ich konnte vorher kein Wort Englisch“, sagt Maher. Jetzt, nach zweieinhalb Jahren, beherrscht er Englisch fast wie seine Muttersprache und steht kurz vorm Schulabschluss. Er weiß auch schon, was er danach lernen will: "Ich werde dann auf die Flugbegleiter-Schule gehen und studieren, um Flugbegleiter zu werden".

Der junge Mann hat sich genau informiert. "Sie haben mir gesagt, ich brauche Abitur, um Flugbegleiter zu werden. Ich muss mein Griechisch verbessern, damit ich es fließend sprechen kann und auch in Griechisch die Prüfung machen kann."

Anpacken und machen

Maher lernte in der Amerikanischen Schule und beim "Home Project" nicht nur Englisch, Geschichte und Mathematik. Er lernte in seiner neuen Familie zusammen mit seinen jungen Mitbewohnern aus vielen Ländern auch fürs Leben. "Ob es nun ein Freund aus Pakistan ist oder aus Afghanistan, aus Iran oder woher auch immer - wir haben so viele Gemeinsamkeiten", erzählt Maher. "Ich habe gelernt: Es ist nicht wichtig, wo wir herkommen. Es ist nur wichtig, dass wir alle Menschen sind."

Maher ist dankbar, dass er die Chance bekommen hat, so viel zu lernen – über sich und über die ganze Welt. Er weiß jetzt, was er will. "Ich werde meinen Träumen folgen", sagt er. "Wohin mich das Leben auch führt, ich werd's anpacken und machen", so sein Motto. Aus dem Straßenjungen von einst ist ein selbstbewusster, junger Mann geworden.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 3.11.2020, 12 bis 15 Uhr

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