Ein Schöffe und ein Richter sitzen hinter einem Tisch, auf dem ein Richterhammer und zwei Gesetzesbücher stehen
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Für Opfer von Straftaten gibt es wohl kaum eine gerechte Strafe für den Täter. Doch auch Täter haben das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung. Das sei ein Prinzip unseres Rechtsstaats, das wir nicht aufgeben dürfen, meint unsere Kommentatorin.

Fangen wir mal ganz polemisch an: Wer will schon einen verurteilten Sexualstraftäter in der eigenen Nachbarschaft haben? Impulsartig würden viele diese Frage wahrscheinlich klar verneinen. Doch rechtlich gesehen wird es da schwierig. Die Resozialisierung von Straftätern gilt als ein wichtiges Vollzugsziel – das bedeutet, Straftäter sollen nach Absitzen ihrer Gefängnisstrafe wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. So steht es im Gesetz und so hat es auch das Bundesverfassungsgericht festgelegt. Die Begründung: Die Gesellschaft habe ein eigenes Interesse daran, dass Täter nicht rückfällig werden.

Doch was bedeutet das in der Realität? Nur weil etwas im Gesetz steht, bedeutet das ja nicht, dass die Menschen das auch automatisch akzeptieren. Dass sie sich damit wohlfühlen. Dass sie es als "gerecht" empfinden. Warum sollte jemand, der etwas Schlimmes verbrochen hat, in meiner Nachbarschaft frei herumlaufen? Soll er das doch woanders tun! Oder am besten: Soll er doch gleich für immer weggesperrt werden!

 Es zählt die Würde aller Menschen - auch der Täter

Ich kann solche Gedanken auf emotionaler Ebene gut verstehen. Als ich mit 14 von zwei 16-jährigen Mädchen grundlos auf einem Dorffest zusammengeschlagen worden bin und ein paar Jahre später eine von ihnen zufällig beim Friseur traf (sie hat mich nicht erkannt), habe ich mich schon gefragt, warum jemand, der wahllos anderen Menschen Leid zufügt, jetzt hier steht als wäre nichts gewesen (ich glaube, sie hat ein paar Sozialstunden als Strafe bekommen) - während ich als Opfer eine ganze Weile gebraucht habe, um mit der Situation klarzukommen.

Man kann das, was ich erlebt habe, vielleicht nicht mit Schwerverbrechern vergleichen, trotzdem basiert beides auf dem gleichen Prinzip: dem Rechtsstaat. Er legt fest, wie mit Straftaten und Straftätern umzugehen ist – und das nach immer denselben Regeln, ohne Ansehen der Person. Und: Dem Rechtsstaat ist die Würde des Menschen zugrunde gelegt. Die Würde aller Menschen. Auch der Täter.

Deshalb wäre es bei allem Sinn für Gerechtigkeit schlichtweg falsch, Tätern jedwedes Recht abzusprechen, wie es oft getan wird, wenn ein Verbrechen passiert. Sei es, dass Adressen von entlassenen Straftätern im Internet veröffentlicht werden, oder seien es Forderungen von Parteien, dass nach Verdächtigen frühzeitig mit Fotos gefahndet werden soll – ohne das Risiko zu bedenken, dass diesen Menschen, schuldig oder unschuldig, etwas angetan werden könnte. Selbstjustiz lässt grüßen!

 Verschiedene Definitionen von Gerechtigkeit

Täter sind Menschen, sie genießen das Recht auf menschenwürdige Behandlung – das ist eine Errungenschaft unserer Zivilisation, die wir nicht aufgeben sollten. Angeklagte genießen das Recht auf einen fairen Prozess und das Recht auf ihre Unschuld, bis der Staat ihnen das Gegenteil bewiesen hat. Und Verurteilte genießen das Recht, ihr Urteil noch einmal prüfen zu lassen oder Beschwerde gegen ihre Haftbedingungen einzulegen – und damit sogar bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, wie es der Massenmörder Anders Behring Breivik getan hat.

Ob das gerecht ist? Gute Frage. Der Duden definiert Gerechtigkeit mehrfach: erstens als "Prinzip eines staatlichen oder gesellschaftlichen Verhaltens, das jedem gleichermaßen sein Recht gewährt" – und zweitens als "etwas, das als gerecht angesehen wird". Und hier wird der Unterschied deutlich: Was jemand als gerecht empfindet, ist individuell – und das ist das Gegenteil dessen, was die Justiz versucht.

Opferrechte stärken

Was ich persönlich gerecht fände, wäre, nicht den Tätern ihre Rechte abzusprechen, wie es in manch anderen Ländern geschieht, sondern die Rechte der Opfer zu stärken und deren Umsetzung zu verbessern – sei es während der Gerichtsverfahren oder bei der Gewährung von Entschädigungen. Stichwort: Opferentschädigungsgesetz.

Diese Gerechtigkeit herzustellen, ist Aufgabe des Staates. Gesetze und deren Anwendung zu akzeptieren, ist auch Aufgabe der Gesellschaft. Täterrechte mögen sich vielleicht nicht gerecht anfühlen, sie sind aber trotzdem richtig. Das Problem ist nur, auf dieses Verständnis seitens der Bürger hat unser Staat wiederum keinen Rechtsanspruch.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung der Autorin und nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO, 15.11.2018, 06:10 Uhr

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