Souad Hdidou

In den sozialen Medien hat unsere Korrespondentin eine heiß gehandelte Visitenkarte entdeckt: die einer Taxifahrerin in Rabat. Nach einem Anruf folgt eine Fahrt, die so ungewöhnlich ist wie die Fahrerin selbst.

Souad lacht und nimmt die rote Rose entgegen, die ihr ein Blumenverkäufer durchs herunter gekurbelte Fenster in ihr blaues Auto reicht. Ein Geschenk. Sie parkt öfter vor seinem Laden. Souad Hdidou ist hier bekannt, sie ist wohl Rabats berühmteste Taxifahrerin, regelmäßig erscheint sie in Funk und Fernsehen. Denn Souad gehört zu den gerade mal zwei Taxifahrerinnen der Stadt, erzählt sie. Die abertausenden Straßen und Gässchen der Hauptstadt kennt sie wie ihre Westentasche.

Nicht geheuer?

Fahrgäste, die die 32-Jährige am Straßenrand mitnimmt, runzeln schon mal verdutzt die Stirn, wenn sie beim Einsteigen die langen Nägel, Wimpern und den dunklen Pferdeschwanz hinterm Steuer entdecken. Es gebe Kunden - Männer und Frauen -, die nicht mit ihr fahren wollen, erzählt Souad. Manche hätten wohl Angst, dass sie schlecht fahre, schmunzelt sie. Dabei sei doch die erste afrikanische Pilotin auch eine Marokkanerin - die schreiten voran, lacht Souad. Aber gegenüber Frauen gebe es noch so viel Sexismus, schüttelt sie den Kopf, manch einem konservativ-religiösen Mann gefalle eine Frau, die das Steuer in die Hand nimmt, so gar nicht.

Und auch abseits davon sei der Job tough. Beim Taxifahren sei alles schwierig, sagt Souad: "Du weißt nie, wer mit dir fahren wird. Wird er mich mit einem Messer bedrohen?" Einmal habe sie ein Mann mit einem Messer bedroht und nach Geld verlangt. Sie sei ausgestiegen und habe angefangen zu schreien, dann sei er Gott sei Dank weggerannt. "Manchmal nehme ich betrunkene Leute mit, da kann es passieren, dass sie mir ihre Hand auflegen oder mit mir streiten. Ich bin ein friedlicher Typ, ich streite nicht gerne. Wenn ich kämpfe, dann nur für meine Rechte. Ich mag es nicht, von oben herab behandelt zu werden."

Ohne Stereotypen, Belästigung und Abzocke

Gerade Frauen - auch Ausländerinnen - teilen in sozialen Netzwerken Souads Visitenkarte. Sie ist bekannt. Mit Souads blauem Taxi fahren, das heißt sicher von A nach B kommen, auch nachts, ohne Angst vor Belästigung und Abzocke. Souads Taxi ist sauber, riecht gut. Auf ihren Fenstern: große Aufkleber - „Maskenpflicht“ steht darauf.

Souad kommt aus einer Familie im Süden Marokkos - ihr Vater Landwirt, die Mutter Hausfrau. Früher arbeitete die 32-Jährige noch am Hafen, transportierte Fisch. Dann machte sie ihren Taxiführerschein. Damals wunderten sich ihre Eltern über die Berufswahl der Tochter, heute unterstützen sie sie, sagt Souad. "Meine ganze Familie ist stolz darauf, dass ich Taxi fahre in einem 100 Prozent männlich dominierten Beruf. Sie bitten mich nur, vorsichtig zu sein. Aber sie wissen: Ich kann das." Sie arbeite nicht zufällig in diesem Beruf, sie habe ihn sich ausgesucht: "Das ist mein Job, ein ehrlicher Job, und ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt."

Der Traum von Freiheit

In einem Land mit hoher Jugendarbeitslosigkeit ist das nicht selbstverständlich. Trotz Corona kommt Souad über die Runden, kann die Taxipacht zahlen, hat sich gerade erst ein Haus gekauft. Unabhängig sein, frei sein - das ist ihr großes Ziel. Mit dem Taxi-Job, sagt sie, sei sie frei. "Mein Traum ist es, eine professionelle, internationale Fahrerin zu werden. Ich würde einen Bus haben und durch Städte in Europa reisen. Das ist mein Traum seit meiner Kindheit."

Zum Abschied schenkt mir Souad noch die kleine rote Rose vom Blumenhändler, die sie in die Klimaanlage gesteckt hatte. Erst spät fällt mir auf: Souad hat kein einziges Mal während der Fahrt lautstark gehupt. Ungewöhnlich in Rabats Straßen-Gewimmel - so ungewöhnlich wie Souad Hdidou selbst.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.1.2021, 12 bis 15 Uhr

Jetzt im Programm