Gemälde mit einer Ureinwohnerin, die ein Schild mit der Aufschrift "Land Back" trägt

Thanksgiving soll an die ersten Siedler in den USA erinnern, die mit den Ureinwohnern Essen teilten. Doch für viele der Nachfahren dieser Ureinwohner hat der Tag einen bitteren Beigeschmack.

Thanksgiving? Darüber kann Votan Henriquez eher lachen. Er nennt den Feiertag, der traditionell Ende November gefeiert wird, "Thanks Taking", übersetzt also so etwas wie "Danke fürs Wegnehmen". "Dieser Feiertag ist wie viele andere Feiertage in diesem Land eher ein Betrug, auch der 4. Juli, der Independence Day", sagt Henriquez. "Warum sollten wir die Unabhängigkeit der Amerikaner von Europa feiern? Was ist mit unserer Unabhängigkeit?"

Votan Henriquez

Henriquez ist Künstler, Aktivist für die Rechte der Natives, der indigenen Bevölkerung. Er selbst ist in Los Angeles geboren, seine Vorfahren kommen aus Zentralamerika, seine Wurzeln liegen bei den Maya und Nahua, wie er sagt. Seine Kunstwerke, darunter viel Streetart, sind beeinflusst von dieser Kultur, von HipHop und der sogenannten Zapatista-Bewegung aus Mexiko, eine Protestbewegung indigener Völker.

Umarmen und verändern statt dagegen kämpfen

In seinen Werken taucht immer wieder die Forderung "Land Back" auf, also "gebt uns unser Land zurück": "Wir wollen unser Land zurück für Gegenden, die einfach gestohlen wurden durch unfairen Handel. Zum Beispiel die Black Hills, die für die Lakota heilig sind. Das sollte an sie zurückgehen."

Eine bekannte Touristenattraktion der Black Hills ist Mount Rushmore, in den die Köpfe von vier US-Präsidenten gehauen wurden. Als in diesem Jahr US-Präsident Donald Trump genau dort eine Wahlkampfveranstaltung abhielt, gab es großen Widerstand – vor allem auch von der indigenen Bevölkerung.

Die Konflikte um Landraub oder unfaire Deals mit den Ureinwohnern sind bei nicht allen US-Amerikanern so präsent – bewusst oder unbewusst. Um das Thema sichtbar zu machen, hat Künstler Votan Henriquez vor zehn Jahren seine Firma namens "NSRGNTS", gegründet. Dort verbindet er die Forderungen wie "Land Back" oder "Decolonize", also Dekolonialisierung, mit bekannten Schriftzügen von Unternehmen oder Sportclubs wie dem Baseballteam Dodgers aus Los Angeles, die er dann auf Baseballkappen oder T-Shirts drucken lässt: "Diese Logos sind schon Teil unseres Unterbewusstseins. Anstatt dagegen zu kämpfen, umarmen und verändern wir es."

 "Dinge wie 'Thanks Taking' werden sich erledigen"

Votan Henriquez will irritieren, aufklären, Aufmerksamkeit schaffen. Aus dem Schriftzug  "Los Angeles" wird dann "Tongva Land". Die Tongva waren die Ureinwohner, die zuvor auf dem Gebiet lebten, und die durch die spanischen Kolonialherren christianisiert wurden, was zu einem kompletten Kulturverlust führte. Henriquez Werke landeten in diesem Jahr auch auf dem Titel des New York Magazines. Schauspieler Michael B. Jordan klebte sich einen Sticker mit einem der NSRGNTS-Motive - einer indigenen Frau, die "ich habe gewählt" ruft - auf sein T-Shirt.

Basecap mit der Aufschrift "Tongva Land"

In diesem Jahr, meint Henriquez, gebe es durch den Tod von George Floyd eine noch größere Aufmerksamkeit für Bürgerrechtsbewegungen wie "Black Lives Matter", die Anliegen der Native Americans – und generell sei der Umgang mit dem kolonialen Erbe mehr infrage gestellt: "Dinge wie 'Thanks Taking' werden sich ändern und sich erledigen. Leute werden darüber irgendwann sprechen, es aber nicht mehr feiern", meint Henriquez. "Denn nicht nur wir als indigene und deren Nachfahren haben diese Gedanken. Auch andere Menschen anderer Nationen sind mit an Bord und verstehen das." Das zeige sich etwa an den niedergerissenen Denkmälern von Kolonialherren in Europa. "Auch die Menschen dort und ihre Kinder fragen sich: 'Warum ehren wir noch diese Mörder?'"

Dem Festtag könne man trotzdem nicht so ohne Weiteres entgehen derzeit – es ist einer der wenigen offiziellen Feiertage in den USA, an dem die Menschen nicht arbeiten gehen. US-Amerikaner betonen, dass hier Dankbarkeit, Freude und Teilen im Vordergrund stünden. Künstler Votan Henriquez sagt, es gehe nicht darum, gegen Dankbarkeit zu sein: "Wenn wir eingeladen sind, gehen wir – aber dann reden wir drüber, wie wir diesen Feiertag beenden können.“

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 26.11.2020, 12 bis 15 Uhr

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