Rohrböck

Der aus Hessen stammende rechtsnationale Unternehmer Tom Rohrböck hat nach Informationen von NDR, WDR und Zeit seine Fühler bis in die Hessen-FDP ausgestreckt. Nach hr-Recherchen finden sich auch zwei hessische Juso-Mitglieder in Rohrböcks Dunstkreis.

Tom Rohrböck wirkt nicht nur als "Schattenmann" in der AfD, sondern hat auch gezielt versucht, Einfluss auf die Hessen-FDP zu nehmen. NDR, WDR und Zeit hatten Ende Juni Verbindungen des aus Seligenstadt (Landkreis Offenbach) stammenden Unternehmers zu rund 40 AfD-Politikern aufgedeckt.

Daraufhin gründete die rechtspopulistische Partei eine Kommission, um Rohrböcks Einfluss auf die Partei aufzuklären. Sie will damit dem Eindruck entgegenwirken, bei ihr würden dubiose Lobbyisten im Hintergrund die Strippen ziehen. Insofern hat die AfD die Transparenz-Messlatte für die hessische FDP ungewollt hochgelegt. Der Rechercheverbund hat nun nachgelegt und Verbindungen Rohrböcks zu rund einem Dutzend politisch aktiven Liberaler in Hessen aufgedeckt.

"Brandmauer zur AfD einreißen"

Darunter finden sich auch die neue FDP-Landesvorsitzende Bettina Stark-Watzinger und die Bundestagskandidatin Katja Adler aus dem Hochtaunus-Kreis, die sich von Rohrböck nach Österreich haben einladen lassen. Außerdem mehrere Kommunalpolitiker aus Rohrböcks Heimatregion rund um Offenbach und Hanau. Die Recherchen setzen die erst Anfang 2021 ins Amt gewählte Stark-Watzinger unter Druck, ließ sie sich doch Anfang 2020 zu einer Veranstaltung zum Thema Kryptowährung auf den Gaisberg nach Salzburg einladen. Dort traf sie neben AfD-Politikern auch Rohrböck selbst. Die politischen Hintergründe der Einladung seien ihr erst durch die Anfragen des Rechercheverbundes klar geworden. Verwunderlich. Sie selbst will sich vom geselligen Beisammensein angesichts mehrerer anwesender AfD-Leute früh zurückgezogen haben.

"Jeder Politiker kann in einer Falle tappen", sagt Marjana Schott, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im hessischen Landtag, "aber wenn man das merkt, sollte man sofort handeln und nicht erst, wenn die Sache durch Journalisten öffentlich zu werden droht." Offensichtlich dienten Einladungen von Rohrböck wie die an Stark-Watzinger dazu, die "Brandmauer zur AfD einzureißen". Sich im Nachhinein zu distanzieren, reiche nicht, um solche Angriffe auch wirksam abzuwehren. 

Mitarbeiterin mit Verbindungen zu Rohrböck?

Die Schuld an der Falle, in die sie getappt sein will, gibt Stark-Watzinger einer Mitarbeiterin ihres Wahlkreisbüros im Main-Taunus-Kreis. Diese habe die Reise eingefädelt und ihr Vertrauen missbraucht, deswegen habe sie sie inzwischen entlassen. 

Nach hr-Recherchen handelt es sich um Martina S., die FDP-Vorsitzende in Rodgau (Kreis Offenbach). Das Onlineportal "Hessen Depesche", das unter Rohrböcks Einfluss steht, hat die junge Juristin in den letzten Jahren häufig mit positiven Berichten erwähnt. Bereits 2017 hatte der hr über das Onlineportal und seine Schwesterseiten wie "Sachsen Depesche" und "Bayern Depesche" berichtet. Dabei wurden Verbindungen in rechtsextreme Kreise bis hin zur NPD-Spitze offenbar.

Die positive Presse in der "Hessen Depesche" ist aber nicht das Einzige, was auf eine Verbindung von Martina S. zu Tom Rohrböck hinweist. Die Rodgauerin war seit 2019 für eine inzwischen abgestellte Seite namens "Landfall Media" aktiv - laut Stark-Watzinger ohne ihr Wissen. Die Seite hat sich überwiegend mit den Geschäften eines dubiosen bayerischen Unternehmers beschäftigt. Es handelt sich um einen ehemaligen Geschäftspartners Rohrböcks, mit dem dieser im Clinch liegt. S. hat bislang auf hr-Anfrage nicht reagiert. 

Zwei Jusos in Rohrböcks Dunstkreis

Am dem Beispiel lässt sich ein Muster beschreiben, nach dem Rohrböcks Netzwerk funktioniert: Neue Mitarbeiter werden für ihm nahestehende Medien rekrutiert und durch Geld und positive Berichterstattung beeinflussbar gemacht. Offenbar sind so auch zwei Juso-Mitglieder aus dem Landkreis Offenbach in sein Netzwerk geraten. Felix D. aus Rodgau hat gemeinsam mit Martina S. "Landfall Media" verantwortet. Er will aus journalistischer Neugier für Kryptowährungen an das Medium geraten sein und nichts von den Verbindungen zum Depeschen-Netzwerk gewusst haben, erklärt er auf hr-Anfrage.

Der zweite Juso, Kevin M., ist inhaltlich verantwortlich für den "Rodgauer Morgen", ein Onlineportal, in dem auffallend häufig Rohrböcks Geschäftsideen beworben werden: etwa die außerhalb seines Netzwerks kaum wahrgenommene Gastronomiebeteiligung "Creamona" oder der Eierkocher "Super-Egg 3000". Auch Kevin M. will bislang keine Kenntnis von Rohrböcks Einfluss gewusst haben, gibt allerdings auf hr-Anfrage zu, von Bernd Kaus bezahlt zu werden. Kaus ist für die FDP kommunalpolitisch in Gelnhausen aktiv und Geschäftsführer der in Salzburg ansässigen "Austria Depesche". Über diese Gesellschaft läuft nach Recherchen von NDR, WDR und Zeit ein halbes Dutzend Medien aus Rohrböcks Dunstkreis.

"Unvereinbar mit sozialdemokratischen Werten"

Der Vorsitzende des Juso Bezirksverbandes Hessen Süd, Simon Witsch, zeigt sich schockiert über die möglichen Verbindungen der beiden Mitglieder zum rechten Rand des politischen Spektrums. Brisant wird der Fall auch dadurch, dass Felix D. parallel zu seinem Engagement für "Landfall Media" für den Social-Media Auftritt der Jusos arbeitet. Sollte sich die Beziehung zu Rohrböck und den Depeschen bestätigen, sind aus Sichts Witschs Konsequenzen notwendig. Dies könne im Rahmen eines Schiedsverfahren geschehen, über das die SPD befinden müsse. "Für uns ist klar, dass wir eine Tätigkeit mit diesem Netzwerk für unvereinbar mit sozialdemokratischen Werten halten."

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