Der Florenzer Palazzo Vecchio mit Kathedrale

Vom Einbruch des Tourismus in Italien sind vor allem Städte wie Rom, Venedig oder Florenz betroffen. Hotels, Bars, Geschäfte: Sie alle leiden unter starken Umsatzeinbrüchen. Gleichzeitig gibt es die Hoffnung, eine Alternative zum "Hit-and-Run-Tourismus" zu finden.

"Die Stadt ist wunderschön, ich finde sie sehr sauber, es ist ein schöner Tag ohne viele Touristen. Es ist ideal für diejenigen, die sie noch nie gesehen haben." Barbara aus Padua sieht glücklich aus, als sie das sagt. Mit ihren beiden Kindern schlendert sie entspannt durch das historische Zentrum von Florenz. Meist ist die Piazza della Signoria mit dem ehrwürdigen Palazzo Vecchio, in dem einst die Medici residierten, brechend voll. Doch in diesen Zeiten ist es ruhig, für die Besucher angenehm, für viele Einheimische viel zu ruhig.

Seit zehn Jahren kutschiert Andrea die Touristen durch die florentinischen Gassen, jetzt verbringt er seine Zeit oft mit Warten. "Wenn 70 bis 80 Prozent des ausländischen Tourismus fehlen, wird es wirklich schwierig", sagt sie. Gerade Städte wie Rom, Venedig oder Florenz sind vom Einbruch des Tourismus betroffen. Die Besucher aus den USA, aus China, Japan oder Russland sind plötzlich nicht mehr da. In Massen waren sie gekommen, oft nur für einen Tag, als sie mit Bussen von den Kreuzfahrtschiffen, die in Livorno anlegten, hierher transportiert wurden. Bars, Restaurants, Geschäfte – sie alle spüren den Einbruch.

Eine Innenstadt für Einheimische

Louise sitzt an der Rezeption des Hotels Perseo, in der Nähe des Doms. Die gebürtige Neuseeländerin führt den Familienbetrieb seit fast 30 Jahren. Zwölf Angestellte auf Teilzeitbasis arbeiten hier, jetzt sind sie im Zwangsurlaub. Nur 20 Prozent der Zimmer sind belegt. Schon seit langem habe sich das Zentrum von Florenz verändert, so Louise, angesichts der vielen AirBnbs, Supermercati und Souvenirläden. Mit dem Corona-Lockdown brach nun alles zusammen.

Es ist das erste Mal, dass man sich ganz verloren fühlt, weil keiner Ideen hat, wie man aus dieser Situation wieder rauskommt und welche Möglichkeiten es gibt. Louise wünscht sich mehr Dialog. Und hat gleichzeitig eine Vorstellung von der Zukunft: "Wir brauchen eine belebte Innenstadt, die auch wieder von den Italienern belebt wird. Die nicht die Innenstadt verlassen, weil nur Touristen sich eine höhere Miete leisten können."

Ein Fonds für die Wiedergeburt

Tatsächlich hängt ein ganzer Wirtschaftsbereich vom Tourismus ab, für den Großraum Florenz rechnet man in diesem Jahr mit Einbußen von einer Milliarde Euro. Nun soll sich mithilfe des Projekts "Wiedergeburt von Florenz" vieles ändern. Investitionen und wirtschaftliche Hilfe aus aller Welt sind gefragt, dafür wurde ein Fonds gegründet. Doch es geht auch um einen tiefgreifenden Wandel. "Es richtet sich auch an die Bürger und die lokalen Unternehmen, weil es Ziele, Veränderungen und eine Wiedergeburt in mehreren Bereichen vorsieht wie die Umwelt, die Innovation, die Ausbildung", erklärt Bürgermeister Dario Nardella.

Nachhaltiger soll die Stadt werden. Der Tourismus auf die Schnelle, in Massen soll vorbei sein. "Das Ziel ist es, auf einen Qualitätstourismus zu setzen. Deshalb haben wir uns entschieden, den Tagesbussen die Zufahrt zur historischen Innenstadt zu verbieten. Auch wollen wir im Zentrum künftig verschiedene Tätigkeiten haben, wie zum Beispiel erneut Firmen ansiedeln oder auch ausländische Universitäten."

Ein intensiveres Kunsterlebnis

Ein Publikumsmagnet in Florenz sind seit langem die Uffizien. Entspannt geht es zu, findet Museumsbesucher Fulvio aus Rom. "Es gibt mehr Zeit, um sich in Ruhe alles anzusehen, es gibt weniger Druck. Man kann besser genießen, was es hier zu sehen gibt." Momentan kann er genau das machen, was Eike Schmidt, dem Direktor der Kunstsammlungen, schon lange vor der Corona-Pandemie vorschwebte.

Die Strategie ist es nun, ein intensives Kunsterlebnis auch künftig zu ermöglichen. "Irgendwann wird es wieder losgehen mit dem Ansturm, das war in den wenigen Fällen, in denen die Uffizien in der Vergangenheit für längere Zeit geschlossen waren, so der Fall. Und da ist es jetzt eben wichtig, andere Formen der Kunstwahrnehmung einzuüben – und da sind wir jetzt voll dabei", so Schmidt.

Drei Tage, drei Museen

Ein erster Nebeneffekt: Die Besucher bleiben länger – zur Freude des Direktors. Daneben sollen sie immer mehr Auswahl haben. "Etwa durch unsere 3-Tages-Tickets, die sich jetzt übrigens auch sehr gut verkaufen, da man dort für drei Tage in die drei hauptsächlichen Museen Uffizien, Palazzo Pitti und Boboli gehen kann. Da arbeiten wir dran, das noch zu erweitern, sodass wir in der Zukunft noch weitere Museen einbeziehen."

Denn in der Vergangenheit hatte sich der Massentourismus vor allem auf die berühmtesten Attraktionen konzentriert. Andere durchaus auch bedeutende Denkmäler oder Museen ließen die meisten links liegen. In der Krise könnte nun eine Chance liegen. Für die Besucher wie für Florenz.

Sendung: hr-iNFO, 27.07.2020, 15-18 Uhr

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