Eine medizinisch technische Assistentin üebrprüft eine Blutprobe

Wenn Schwangere derzeit wissen möchten, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat, können sie einen kostenpflichtigen Bluttest machen. Geht es nach Gesundheitsminister Spahn, sollen die Krankenkassen in Zukunft die Kosten übernehmen. Über die Folgen gibt es nun Streit. Aber nicht über Geld, sondern über die ethische Frage: Darf man Menschen aussortieren?

Es ist nur ein kleiner Pieks, mit dem schwangere Frauen seit 2012 feststellen lassen können, ob bei ihrem Fötus eine Trisomie vorliegt - also ob er das sogenannte Down-Syndrom hat, oder nicht. Das kommt bei 700 Schwangerschaften rund ein Mal mal vor. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass die Kassen die Kosten für diesen Bluttest künftig übernehmen, wenn eine sogenannte Risikoschwangerschaft besteht - sprich die Mutter bereits älter als 35 Jahre ist.

So ein Test kostet derzeit je nach Umfang 130 bis 300 Euro. Bislang bezahlt die gesetzliche Krankenkasse bei diesen Frauen nur eine Fruchtwasseruntersuchung mit einer Nadel, um das Ungeborene auf Erbkrankheiten zu untersuchen. Diese pränatale Diagnostik ist aber riskanter als ein Bluttest, denn es besteht eine minimale Gefahr einer Fehlgeburt.

"Nicht Aufgabe der Krankenkassen, Trisomie 21 aus unserem Leben zu verbannen"

Eine Frau aus dem Rhein-Main-Gebiet, sie möchte gerne anonym bleiben, hat den kostenpflichtigen Bluttest gemacht hat, als sie vor zwölf Jahren schwanger wurde, auch wenn sie nicht 100-prozentig davon überzeugt war. Doch als sie vom Arzt kam, war das Ergebnis nicht so wie gewünscht. Die Verunsicherung dadurch war groß, der Arzt legte ihr nahe, noch eine weitere Fruchtwasseruntersuchung zu machen. Sie und ihr Mann entschieden sich dagegen, "weil wir haben gedacht, wir würden keine Konsequenz ziehen, das ist eigentlich egal". Sie hat einen gesunden Jungen zur Welt gebracht, aber trotzdem auch bei den zwei weiteren Schwangerschaften einen Bluttest gemacht. Sie findet so eine Untersuchung wichtig, da man sich informieren und dann selbst entscheiden könne.

Dr. Holger Maul ist Gynäkologe und Chefarzt für Pränataldiagnostik an einer Hamburger Klinik und berät Frauen, die eine sogeannte Risikoschwangerschaft haben. Er macht den Bluttest etwa 15 mal im Monat. Für ihn vermittelt so ein Test allerdings ein falsches Gefühl der Sicherheit. "Die Leute glauben, wenn der Test unauffällig ist, dass dann das Kind mit Sicherheit gesund ist", sagt Maul, "dabei ist die Trisomie 21 ja nur eine ganz kleine Facette in der Pränataldiagnostik". Wer absolute Sicherheit brauche, müsse noch mehr Untersuchungen machen.

Welche ethischen Auswirkungen hat dieser Test?

Maul hält nichts vom Vorschlag des Gesundheitsministers. "Ich finde es nicht Aufgabe der Krankenkassen, die Trisomie 21 aus unserem Leben zu verbannen", so der Mediziner. Außerdem könnte der Bluttest erst der Anfang sein für viele weitere Untersuchungen des Fötus. Damit vertritt Maul auch die Haltung des Berufsverbandes niedergelassener Pränatalmediziner. Dieser lehnt Bluttests als Angebot der Kassen, also ohne Ultraschall und Beratung, aus ethischen Gründen ausdrücklich ab.

Kritiker befürchten, dass mehr Frauen als bisher ihre Kinder abtreiben, falls der Test auf einen Gendefekt hinweist. Sie warnen vor einer Art Selektion - und sehen einen weiteren Schritt in der Entwicklung hin zum Designer-Baby. Weil das Thema so komplex ist, hat es dazu diese Woche auch eine Orientierungsdebatte im Bundestag gegeben. Hier wurden über alle Fraktionen hinweg Argumente dafür und dagegen ausgetauscht. Die Mehrheit der Abgeordneten hat sich für die Bluttests als Kassenleistung ausgesprochen – vorausgesetzt es liegt eine Risikoschwangerschaft vor.

Nicht die Gesellschaft bekommt das Kind, sondern die Frau

Sich ein gesundes Kind zu wünschen, ist das natürlichste Anliegen aller Eltern. Das Kind anzunehmen, auch wenn es das nicht ist, wäre wünschenswert, ist aber auch mit vielen Fragen und Ängsten verbunden. Schaffe ich das? Wo bekomme ich Unterstützung? Was ist, wenn ich mal nicht mehr da bin? Außerdem fühlen sich viele Eltern mit behinderten Kindern von der Gesellschaft nach wie vor alleine gelassen. Inklusion ist in vielen Bereichen mehr Anspruch als Wirklichkeit. Angefangen bei dem behindertengerechten Ausbau von Bahnhöfen bis hin zur Arbeitswelt oder Schule.

Deswegen führt diese Debatte vor allem zu der Frage: wie behindertenfreundlich ist unsere Gesellschaft? Nimmt man die Zahlen, dann treiben in Deutschland gegenwärtig 90 Prozent der Eltern, die ein positives Trisomie-21-Ergebnis erhalten, den Fötus ab. Ein Blick ins Ausland zeigt: In Dänemark, wo seit 2005 allen Schwangeren eine Risikoabschätzung auf Trisomie angeboten wird, hat sich die Zahl der mit dem Down-Syndrom geborenen Kinder seitdem halbiert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es Menschen wie Vincent aus Frankfurt in Zukunft geben wird, sinkt folglich. Er hat das Down-Syndrom, ist 14 Jahre alt und geht in Frankfurt zur Schule. Wenn andere ihn beleidigen, dann ist das "nicht sein Ding", sagt er, und dann wehrt er sich. "Die schlag ich k.o.", meint er mit einem Lachen. Noch ist die Debatte um die Bluttests als Kassenleitung nicht entschieden. Letztendlich entscheidet das auch nicht die Politik, sondern ein gemeinsamer Ausschuss von Krankenkassen, Ärzten, Kliniken und Patientenvertretern. Frühestens im August werden die Fachleute über einen Beschluss beraten. Erst im Herbst nächsten Jahres würde eine Änderung wirksam werden. Aber sie geht uns alle an, denn sie ist eine Debatte über Freiheit und Leben.

Sendung: hr-iNFO Politik, 12.4.2019, 21.35 Uhr

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