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Donald Trump hält eine Bibel in die Höhe.

In einer heftig kritisierten Aktion hat sich Donald Trump mit einer Bibel in der Hand fotografieren lassen. Der Präsident braucht die religiöse Symbolik, um einen wichtigen Teil seiner Wählerschaft zu halten.

"Wir hören auf Gott. Und keine Frage, bei der Wahl hatte Gott die Hand im Spiel." Das hat Pfarrer Franklin Graham gesagt, einer der einflussreichsten evangelikalen Protestanten in den USA. Sohn und spiritueller Erbe von Billy Graham, der von Präsident Truman bis Barack Obama jedem Präsidenten religiös beistand.

Diese Wahl, bei der Gott geholfen hat, ist die von Donald Trump. Und keine Frage, die konservativen Christen in den evangelikalen Kirchen haben ihm geholfen, genauer: die weißen Evangelikalen – wofür der sich revanchiert. "Am Tag als ich vereidigt wurde, kam der Krieg der Bundesregierung gegen die Religion zu einem abrupten Ende", meint Trump.

 90 Prozent wollen mehr Einfluss der Bibel

Etwa 75 Millionen Amerikaner nennen sich selbst "Evangelikal". Das heißt, sie bekennen sich dazu, als Christ wiedergeboren zu sein. Längst nicht alle gehören zur christlich-konservativen Rechten – aber als Republikaner kann man ohne die Evangelikalen nicht gewinnen. Man muss ihnen etwas geben. "90 Prozent der weißen evangelikalen Christen wollen, dass die Bibel mehr Einfluss auf die Gesetzgebung hat", sagt Greg Smith vom Pew Research Institute.

Unter den vielen konservativen politischen Forderungen ist immer das Verbot von Abtreibungen, gegen gleichgeschlechtliche Ehe, und häufig, dass die Bibel die Basis für Naturkundeunterricht sein soll. Wie aber passt jemand wie Donald Trump in dieses moralische Bild? Mit seinen Lügen und sexuellen Eskapaden? Einer, der selten in die Kirche geht und alles andere als bibelfest ist.

 Moralisch aufrecht?

2Die Basis der christlichen Botschaft ist doch, dass wir alle Sünder sind. Wir alle brauchen den Retter, niemand ist perfekt", nimmt Pfarrer Robert Jeffress den Präsidenten in Schutz. Jeffress kommt aus Texas und ist schon seit Jahrzehnten gut mit Trump bekannt. Der Baptist leitet eine der Megakirchen mit 14.000 Mitgliedern und hat religiöse Fernsehshows.

Und das Werk der Verzeihung funktioniert. "60 Prozent der Evangelikalen halten Donald Trump für moralisch aufrecht, mehr als doppelt so viele wie der Rest der Bevölkerung", so Smith vom Pew Research Institute. Aber Trump muss aufpassen, dass er diese Basis nicht verstößt.

Erste Misstöne vernehmbar

Erst kürzlich hatte Christianity Today, eine der wichtigsten evangelikalen Zeitungen, Trumps Absetzung gefordert, weil er moralisch nicht tragbar sei. Die Aktion, mit der Bibel in der Hand vor eine Kirche zu gehen, sollte symbolisieren: Ich bin der Hüter der Kirche. Aber Pat Robertson, eines der Urgesteine der politisch evangelikalen Bewegung ließ wissen, so gehe das nicht. "Er nannte die Demonstranten 'Idioten'. Das tut man nicht, Mr. President. Das ist nicht cool." Er müsse Mitgefühl zeigen, was aber nicht Trumps Sache ist.

Für den amtierenden Präsidenten bleibt der Umgang mit den Evangelikalen eine Gratwanderung. Die muss er aber meistern, wenn er im November wiedergewählt werden will.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 05.06.2020, 6-9 Uhr

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