Ein Professor hält eine Online-Lehrveranstaltung in einem menschenleeren Hörsaal.

Das Semesterende naht, für viele Studierende beginnt die Prüfungsphase. Doch wie geht das in Zeiten von Corona? Einige Unis experimentieren mit Online-Prüfungen, um große Menschenmengen zu vermeiden - mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Zwei Stunden Zeit, um auf die vorgegebenen Fragen zu antworten: Das klingt erstmal gar nicht so kompliziert, eine Klausur digital umzusetzen. Trotzdem haben sich bisher nur wenige Hochschulen dafür entschieden, sogenannte E-Klausuren flächendeckend einzuführen. Eine davon ist die Goethe-Universität in Frankfurt: "Weil wir extrem große Prüfungen mit großen Zahlen an Teilnehmenden haben werden", sagt Uni-Präsidentin Birgitta Wolff. Alleine acht Prüfungen der Wirtschaftswissenschaftler mit bis zu 1000 Studierenden seien jetzt für den Sommer geplant. "Wenn wir das im Corona-Tempo mit unseren Hörsaal-Kapazitäten machen wollten, hätten wir schlichtweg nicht genug Räume. Also müssen wir da ein bisschen kreativ werden und das datenschutzrechtliche Problem lösen."

Keine Überwachung möglich

Ganz so einfach lassen sich Klausuren nämlich nicht ins Digitale übertragen, erklärt die Unipräsidentin. Überwachung durch die Webcam zum Beispiel geht aus Datenschutzgründen nicht, gleichzeitig müssen bestimmte Inhalte abgefragt werden. Und alle müssen zeitgleich Zugriff haben. Eine ganz neue Herausforderung, sagt Lars Pilz. Er ist stellvertretender Studiendekan im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Uni.

Hier werden in den kommenden drei Wochen gleich mehrere große Klausuren online geschrieben. Der Wirtschaftswissenschaftler hat sich an seinem Institut lange darauf vorbereitet. Das Prinzip sei recht einfach, hat aber seine Tücken: "Man öffnet den Link und schreibt dann die Klausur, nebenher kann man natürlich machen, was man will. Das ist völlig unüberwacht. Das ist für uns alle neu, diese Situation, und wir schauen mal, was wird."

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Student am Laptop
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Das Unüberwachte an den digitalen Klausuren sorgt für völlig neue Voraussetzungen. Darauf reagieren die Lehrenden mit neuen Konzepten: "Einige lassen sich dann unterschreiben, dass die Klausur ohne fremde Hilfe angefertigt wurde, andere sagen: Ich stelle die Aufgaben so, dass man das durchaus mit dem offenen Buch neben dem Computer erarbeiten kann, aber es bringt eigentlich nichts groß, wenn ich nicht weiß, was in dem Buch drinsteht", erklärt Pilz. So wird es in diesem Semester wohl mehr Klausuren geben, die einen Essay verlangen, und auch Mischformen mit Multiple-Choice-Fragen sind vorstellbar.

Das Zwischenmenschliche fehlt komplett

Erfahrungen mit Online-Prüfungen hat man auch an der Universität Kassel gemacht. Jörg Requate ist Professor für die Geschichte Westeuropas. Er hat vor allem mündliche Prüfungen schon digital abgenommen. Dafür wird dann ein Videokonferenzprogramm genutzt. Das hat an sich gut funktioniert, sagt er. Doch eben nicht immer, das System habe Tücken: "Das Eine ist schlicht und ergreifend die Technik. Die Ausstattung mit der entsprechenden Technologie ist bei den Studierenden eben sehr unterschiedlich. Manchmal hört man sie gut, manchmal hört man sie weniger gut. Dann passiert es eben auch, dass die Internetverbindung nicht besonders gut oder instabil ist", so Requate.

Und, ergänzt er, das Zwischenmenschliche fehlt komplett. Deswegen sind die digitalen Lösungen für ihn nur eine Notlösungen, ein Behelf, der aktuell teilweise nötig ist. Mehr nicht. An der Uni Frankfurt will man jetzt die aktuelle Prüfungswelle abwarten und erste Erfahrungen mit den Online-Prüfungen sammeln.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 16.07.2020, 09 bis 12 Uhr

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