Ein Demonstrant auf einer "Hygiene-Demo" trägt eine Jacke mit der Aufschrift: "Gib Gates keine Chance".

Verschwörungsmythen haben in der Coronakrise Konjunktur. In den sozialen Netzwerken warnen immer mehr Menschen vor einer angeblich von Bill Gates initiierten Impfflicht und vor einem "satanischen Pädophilenring". Eine Einordnung.

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Am 15. Mai ist es soweit. Dann wird die Bunderegierung die Impfflicht - nein, sogar den Impfzwang! - gegen das Corona-Virus absegnen. So lautet zumindest die These eines eigentlich recht unbekannten YouTubers (Name ist der Redaktion bekannt), der Anfang Mai ein entsprechendes Video auf der Plattform hochgeladen hat, das inzwischen fast 1,5 Millionen Mal angesehen wurde. Das Problem: Eine Impfpflicht gibt es überhaupt nicht.

Nur was falsch verstanden?

"Ein für alle Mal: Eine Corona-Impfpflicht stand nie im Gesetzentwurf, zu keinem Zeitpunkt", sagte SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas am Dienstag entnervt. "Es wäre auch absurd, eine Impfpflicht im Bundestag zu beschließen, wo es doch bisher überhaupt keinen Impfstoff gibt." Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. Dennoch unterstützen bereits mehr als 240.000 Menschen eine Online-Petition, die fordert "Zwangsimpfungen" zu untersagen.

Nun könnte man annehmen, da haben einfach nur ein paar Menschen etwas falsch verstanden. Zumindest einen Teil der Zwangsimpfungsgegner, die sich in der realen Welt inzwischen auch in der neugegründeten Partei "Widerstand2020" tummeln, muss man allerdings zu den Verschwörungstheoretikern zählen. In den sozialen Medien behaupten diese, die Corona-Krise sei nur ein Vorwand für Regierungen, um den Bürgern bei einer Impfung heimlich einen Mikrochip zur Überwachung einzupflanzen. Das "Mastermind" hinter dieser Verschwörung sei Microsoft-Gründer Bill Gates.

QAnon und Xavier Naidoo

Ihren Ursprung hat diese absurde Anschuldigung im sogenannten QAnon-Verschwörungsmythos, der besonders in den USA verbreitet ist, in jüngster Zeit aber auch in Deutschland immer mehr an Popularität gewinnt. Der Mythos dreht sich im wesentlichen um die haltlose Annahme, dass US-Präsident Donald Trump eine geheime Kampagne gegen Feinde im sogenannten "Deep State" führt, der für eine Art Schattenregierung steht. Der Präsident kämpfe zudem gegen einen Kinderhändlerring, der von satanischen Pädophilen und Kannibalen betrieben werde - und zu dem auch Gates gehört.

Eine andere Theorie der QAnon-Anhänger besagt, dass die Coronakrise nur existiere, um im geheimen eine Militäroperation durchzuführen um die Kinder aus den Fängen der Pädophilen zu befreien. In Deutschand machte vor allem der Sänger Xavier Naidoo diesen Mythos einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er in einem obskuren Video unter Tränen verkündete: "Wenn ich es richtig verstehe, werden in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit."

Mythen sind inzwischen weit verbreitet

Das Problem mit diesen Verschwörungsmythen über Covid-19 ist, dass sie keine Randerscheinung sind, sondern in den sozialen Medien inzwischen millionenfach geteilt werden. Dies belegt eine aktuelle Studie von "NewsGuard", einem Online-Dienst, der die Glaubwürdigkeit und Transparenz von Nachrichten-Websites bewertet. Die Studie liegt dem SWR vor. "Wir haben elf Facebook-Seiten identifiziert, die massenhaft Corona-Falschinformationen verbreiten, sogenannte Superspreader. Das bedeutet, dass sie eine besonders hohe Reichweite auf Facebook haben: Zusammen erreichen diese Seiten fast 1,5 Millionen Follower", erklärt Marie Richter, eine der Autorinnen der deutschen Superspreader-Analyse.

Die Gesellschaft sollte sich vorsehen, solche Verschwörungsmythen als witzigen Irrglauben abzutun. Wohin solche Mythen führen können, hat man in Hessen erst im Februar gesehen, als der Rechtsextremist Tobias R. in Hanau zehn Menschen tötete. In einem Video und einem Manifest, das er hinterließ, gab er einen kleinen Einblick in seine Weltanschauung. Unter anderem sprach er dort vom Wirken des Satans und von Kinder-Folterstätten.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 08.05.2020, 6-9 Uhr

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