Eine Gläubige meditiert in einem Meditationraum eines Exerzitienhauses.

Was passiert, wenn wir zehn Tage schweigen? Im Frankenwald, im Exerzitienhaus der Jesuiten, kann man das rausfinden. Annette Clara Unkelhäußer begleitet Menschen auf dieser Reise nach innen.

hr-iNFO: Auf Reisen lernt man oft Unbekanntes kennen. Wie ist das bei der Reise zu mir selbst? Bin ich ein unbekanntes Land?

Unkelhäußer: Das kann schon durchaus sein. Es kann nur sein, dass ich das gar nicht weiß. Auf dieser Reise nach innen kann es sein, dass ich völlig neue Zonen meiner Person entdecke, Gefühle, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Ein Mann zum Beispiel hat sein Leben lang viel geleistet und immer gesagt, Gefühle oder irgendwas Weicheres gehören nicht zu meiner Ausstattung. Und dann hat er auf dieser Reise nach innen eine solche Zartheit und Liebe in sich entdeckt, die sich entfaltet hat. Das war für ihn Neuland. Das ist faszinierend.

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Das andere ist, dass ich durchaus auch Vertrautes entdecke, aber vielleicht aus einer ganz neuen Perspektive. Ich denke konkret an eine Frau, die ihr Leben lang immer wieder mit Angst zu tun hatte, und das ist ihr natürlich auch auf der Reise nach innen begegnet. Durch das Einüben dieser speziellen Reisemodalitäten hat sie aber auf einmal eine Möglichkeit gehabt, neu auf die Angst zu schauen und zu erleben, dass sie selbst nicht identisch ist mit ihrer Angst. Das hat ihr einen ganz neuen Freiraum gegeben, mit dieser Angst umgehen zu können.

Aus der Zerstreuung ins Hier und Jetzt

hr-iNFO: Viele Menschen kommen sicherlich aus einem hektischen Alltag zu Ihnen. Oft gibt es da die Sehnsucht: 'Ich möchte wieder mehr zu mir selbst kommen.' Sind wir sonst im Alltag eher nicht bei uns?

Unkelhäußer: Also wenn ich die Statements in der Anfangsrunde unserer Reiseteilnehmer auf mich wirken lasse, dann kommen so Sätze: 'Ich spüre mich gar nicht mehr', 'ich bin im Hamsterrad', 'ich habe das Gefühl, ich werde gelebt, aber ich lebe mein Leben eigentlich gar nicht selbst'. Das ist mal so ein kurzer Ausschnitt von möglichen Statements am Anfang dieser Reise, die alle darauf hinweisen, dass viele Menschen ein sehr deutliches Gespür haben, dass was Wichtiges in ihrem Leben fehlt.

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Annette Clara Unkelhäußer ist Ärztin und Journalistin. Seit 2016 hat sie die Haus- und Kursleitung von Haus Gries, dem Exerzitienhaus der Jesuiten, im Frankenwald bei Kronach übernommen. Exerzitien sind geistliche Übungen, über die eine tiefere Verbindung zum eigenen Leben und zu Gott hergestellt werden soll. Zu der inneren Einkehr gehören neben dem Schweigen etwa Schriftmeditation, Beten oder Besinnen durch Fasten oder Wanderungen.

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hr-iNFO: Die Kurse in Ihrem Haus dauern fünf bis zehn Tage. Was ist das Hauptfortbewegungsmittel, mit dem man auf der Reise zu sich selbst vorankommt?

Unkelhäußer: Die große Überschrift ist: Es ist eine Sammlungsbewegung, die wir hier einüben. Das heißt, wir üben, aus der Zerstreuung, in der wir uns oft befinden - abgelenkt durch das Vielerlei, was uns umgibt -, in eine Sammlung zu kommen. Das heißt in die Gegenwart, in das Hier und Jetzt.

Und was uns zu dieser Sammlungsbewegung verhilft: Da ist einmal die Stille, die einfach auch einen Raum öffnet, überhaupt mal zu spüren, was ist denn so da, wenn ich schweige? Und wir bieten auch verschiedene Tore an, durch die hindurch wir lernen, unsere Aufmerksamkeit zu bündeln und auszurichten auf den gegenwärtigen Augenblick.

Vier Phasen der Reise

hr-iNFO: Sie sind bei diesen Stille-Exerzitien die Reisebegleiterin, jeder Teilnehmende kann einmal am Tag mit Ihnen über seine Reiseerlebnisse sprechen. Gibt es spezielle oder auch immer wiederkehrende Reiseetappen, die man durchläuft?

Unkelhäußer: Ja, die gibt es. Die erste Phase - so zwei bis drei Tage erfahrungsgemäß -  ist eine Phase des Ankommens, hier im Haus und bei sich selbst. Die ist gekennzeichnet durch manchmal starke Spannungen, einen Bewegungsdrang, Unruhe oder auch eine ganz starke Müdigkeit, die auf einmal zum Vorschein kommt, die viele auch überrascht, weil sie das im hektischen Getriebe des Alltags nicht gespürt haben. Wenn die ersten zwei bis drei Tage durchlaufen sind, kommt es oft zu einer Vertiefung und zu einem wachsenden Vertrauen. Das ist so, dass man mehr zu sich selbst kommen kann und spürt, was in einem selbst sich alles so regt.

Die dritte Phase könnte man als Engpass oder wie wenn man einen Berg erklimmt beschreiben. Das wäre so, wenn ich auf einmal zum Beispiel auf Unversöhntes in mir stoße. Ich merke auf einmal, da ist viel Groll und Bitterkeit, und mir kommt wieder etwas ins Gefühl, wovon ich dachte, dass das längst vom Tisch ist. Und wenn ich da durchgehe und mutig mich weiter dieser Reise und der Reisebegleitung anvertraue, dann kann in der vierten Phase oft ganz Neues wachsen. Die letzte Phase - die letzten zwei Tage - sind schon wieder geprägt von dem nach Hause kommen, mit den Fragen: Wie kann ich das, was ich auf dieser Reise für mich entdeckt habe, in meinen Alltag mitnehmen? Kann ich es überhaupt mitnehmen?

Reise-Souvenirs

hr-iNFO: Man merkt also zum Beispiel, dass man einen alten Groll in sich hat. Wie geht man damit um, dass man da einen Schritt weiterkommt?

Unkelhäußer: Erst mal annehmen, dass es so ist, und anerkennen, es gibt diesen alten Groll, ich bin da noch nicht durch. Das ist schon mal der erste wichtige Schritt. Der zweite Schritt ist, das in die Mitteilung zu bringen, also in den Begleitgesprächen, die man ja jeden Tag in Anspruch nehmen kann, darüber zu sprechen. Das ist auch sehr heilsam. Und das alles eben in einer Meditation auch in die liebende Gegenwart Gottes zu bringen. Wir sind ein Haus, das christliche Reisen anbietet - wir haben also sozusagen noch einen Reiseleiter. Und da ist es ganz wichtig: annehmen, vertrauen, hinhalten, mitteilen.

hr-iNFO: Wenn ich von einer Reise zurückkehre, bringe ich oft Souvenirs mit. Was bringt man als Souvenir von der Reise nach innen mit?

Unkelhäußer: Wir nennen die Mitbringsel in Gries gerne die Perlen. Wir haben am Ende der Reise nochmal so eine Runde, wo alle Reiseteilnehmer und Reiseteilnehmerinen eingeladen sind zu sagen, was ihre Perle istm - also mein kostbares Stück. Das kann eine Freude sein, die wieder aufgetaucht ist, die lange weg war, das kann sein, dass eine Versöhnung stattgefunden hat. Wir haben ja diesen Punkt Groll und Bitterkeit angesprochen, dass dann auf dieser Reise sich was lösen durfte, dass man frei geworden ist und das nicht mehr bindet. Es kann sein, dass ich ein Stück mehr Gelassenheit erfahren habe. Entschiedenheit, Klarheit, Authentizität - dass ich überhaupt mal wieder spüre, wer bin ich denn eigentlich und dass ich existiere. Ja, Liebe - dass Liebe wieder in meinem Leben Platz hat.

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Das Gespräch führte Klaus Hofmeister, hr-iNFO-Kirchenredaktion.

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