Briefumschlag mit Handschrift
Der Briefumschlag vom "Mäuse-Brief" von Franz Kafka an seinen Freund Max Brod (vom Dezember 1917) Bild © picture-alliance/dpa

Der handgeschriebene Brief wird zur Rarität. Und auch ansonsten wird immer mehr getippt, als mit der Hand zu schreiben. Wie wirkt sich das auf unsere Kommunikation und unser Hirn aus? Ein Gespräch mit dem Neurowissenschaftler Doktor Christian Kell.

hr-iNFO: Verändert es unsere Kommunikation miteinander, wenn wir uns schriftliche Nachrichten nur noch digital zukommen lassen?

Kell: Ein klein wenig wird sich schon ändern. Ich denke, das hat primär was mit der Länge der Nachricht zu tun. Wenn man Briefe schreibt, nimmt man sich in der Regel Zeit, setzt sich intensiv auseinander mit einem bestimmten Thema, mit einer bestimmten Person und versucht, das Thema dementsprechend zu beleuchten.

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Doktor Christian Kell ist Oberarzt der Klinik für Neurologie und Leiter der Arbeitsgruppe "Kognitive Neurowissenschaft" an der Frankfurter Goethe-Universität. Er untersucht u.a. Mechanismen, die der Sprachproduktion zugrunde liegen.

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Bei E-Mails oder Textnachrichten auf dem Handy ist das weniger der Fall. Zum Glück, denn es gibt ja eine E-Mail-Inflation.  Das war zu Zeiten des Briefeschreibens nicht so, weil das Schreiben und auch der Versand des Briefes Zeit in Anspruch nehmen, sodass die Kommunikation nicht so hochfrequent war und man im Prinzip ja weniger Information pro Tag verarbeiten musste.

Christian Kell
Doktor Christian Kell Bild © hessenschafftwissen.de

Ich denke, das ist ein wesentlicher Effekt: Dass wir deutlich mehr kommunizieren dadurch, dass die Kommunikationswege kürzer geworden sind. Natürlich wird das was mit uns machen – das werden Sie selbst merken, wenn Sie in Ihr E-Mail-Fach gucken und sehen, wie viel Sie da beantworten müssen.

Ein weiterer Aspekt ist die persönliche Note: Wenn ich eine E-Mail bekomme oder eine Textnachricht, sieht das erst mal alles gleich aus, egal von wem die Nachricht ist. Eine handschriftliche Nachricht enthält dagegen durch die Handschrift natürlich eine persönliche Note, die beim Tippen leider wegfällt. Und das betrifft natürlich auch die anderen Nachrichten, die man versucht, jenseits der Sprache  zu vermitteln. Also beim Sprechen wäre es die Sprechmelodie, bei Schrift sieht man auch eine emotionale Regung. Das fällt alles weg und wird versucht, durch irgendwelche Emojis auszugleichen, wo ich aber auch nur relativ wenig Chancen habe, meine Individualität auszudrücken.

hr-iNFO: Grundsätzlich schreiben Menschen heute immer weniger mit der Hand. Hat das Auswirkungen auf die Motorik?

Kell: Ja, also primär für die Fertigkeit des Schreibens hat das eine Auswirkung. Also ganz banal:  Wenn ich weniger gewohnt bin zu schreiben, wird sich auch das Schriftbild verändern und unleserlicher werden.

Inflation der Kommunikation

hr-iNFO: Wirkt es sich auch auf unser Hirn aus, wenn wir weniger mit der Hand schreiben?

Kell: Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Es gibt relativ wenige wissenschaftliche Studien dazu, die sich damit befassen. Und die, die es gibt, sind zum Teil etwas widersprüchlich. Ich würde behaupten, dass die Wissenschaft noch keine abschließende Meinung dazu hat. Aber im Endeffekt geht es darum, dass zum Beispiel durch vermehrte Kommunikation über Handy natürlich eine andere Fertigkeit trainiert wird. Also wenn man früher vielleicht das handschriftliche Schreiben mit einem Stift sehr gut konnte, dann sind es heute andere Funktionen wie eben das präzise Tippen auf einer virtuellen Tatstatur, was junge Menschen heute deutlich besser können als ältere Menschen.

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Welttag des Briefeschreibens

Am 1.9. ist Welttag des Briefeschreibens. Er wurde ins Leben gerufen, um zu verhindern, dass der handgeschriebene Brief "ausstirbt". [mehr auf ndr.de]

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Also: Die Technik verändert sich und deswegen ändern sich die Fertigkeiten, die die Menschen können. Ob das ein Drama ist, muss glaube ich jeder für sich selbst beantworten. Dass das großartige Einflüsse auf unsere Hirnfunktionen hat, glaube ich nicht. Es gibt ein paar Studien, die nahelegen, dass eventuell Lernen von abstrakten Inhalten leichter von der Hand gehen könnte, wenn man handschriftlich schreibt im Vergleich zum Tippen. Aber da gibt es zu wenige Studien, dass man abschließend sagen könnte, dass dem tatsächlich so ist.

hr-iNFO: Was ist mit dem Warten? Bei einem Brief ist klar: Das dauert, bis die Antwort kommt. Beim Smartphone kann sie binnen Sekunden da sein. Macht das etwas mit uns?

Kell: Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Erwartungshaltung. Also wenn ich dringend eine Antwort erwarte, die ich nicht bekomme, kann das durchaus mal frustrieren. Andererseits ist es genau andersrum: Dass natürlich Menschen sich unter Druck gesetzt fühlen, direkt antworten zu müssen und das trägt zur Inflation der Kommunikation bei – und ob das immer unseren Zielen zuträglich ist, das ist nicht ganz klar.

Ich würde mal behaupten, wenn man sich etwas intensiver mit manchen Botschaften auseinandersetzt, die man überbringen möchte, würde vielleicht die Kommunikation etwas besser funktionieren, als wenn man sofort jede Botschaft absetzt und dann im Nachhinein korrigieren muss, wenn sie falsch verstanden wurde.

Sendung: hr-iNFO, 31.8.2018, 16:30 Uhr

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