Ein Arzt verabreicht im Impfzentrum Magdeburg einem Senior eine Impfung gegen das Coronavirus.

Statt eines Termins für die Corona-Schutzimpfung bekommt Peter W. bislang nur Durchhalte-Schreiben vom hessischen Innenministerium. Damit geht es ihm wie weiteren 57.000 Ü-80-Jährigen, die einen Antrag auf mobiles Impfen gestellt haben. Kopfschütteln erzeugt im Umfeld des 91-Jährigen aber nicht nur das.

Noch immer verschickt das hessische Innenministerium Durchalte-Briefe an die Rentner, statt ihnen konkrete Impftermine zu nennen. Was das bedeutet und welche Blüten die Impfbürokratie in Hessen treiben kann, zeigt der Fall von Peter W.. Der 91-Jährige ist seit seiner Geburt schwer behindert, kann das Haus nicht mehr verlassen. Er lebt in einem Reihenhaus im Frankfurter Norden.

Erst nach den Heimbewohnern

Seine Nachbarin, Irmgard Przyborowski, schaut ein bisschen nach ihm, hat Anfang der Woche einen Brief des Innenministeriums aus seinem Briefkasten gezogen. Die 83-Jährige hat sofort Anwalt Jürgen Laubenbacher angerufen, der seit 30 Jahren Peter W.s Rechtsbetreuer ist. „Das ist bestimmt der lange ersehnte Impftermin“, sagte Frau Przyborowski ihm am Telefon. Doch die Hoffnung wurde enttäuscht. "Es ist ein allgemeines Vertröstungsschreiben, dass die mobil zu Impfenden ihre Impfung erst bekommen, wenn die in den Pflegeheimen ihre Zweitimpfung bekommen haben", sagt Laubenbacher.

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„Die politisch Verantwortlichen für diese schlampige Organisation müssen sich fragen lassen, ob sie nicht mit verantwortlich sind am Versterben dieser Menschen.“ Zitat von Jürgen Laubenbacher, Anwalt
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Dieses Schreiben geht seit Anfang März an die 57.000 ungeimpften Hochbetagten. Für sie birgt das Warten auf die Spritze ein großes Risiko. Wie bei Peter W., der dreimal am Tag Besuch vom Pflegedienst bekommt. Wenn er sich ansteckt, kann das tödlich sein. Doch zurück zu Nachbarin Irmgard Przyborowski: Sie ist mobil, war im Impfzentrum, ist durchgeimpft. Doch auch sie hat kürzlich Post vom Innenministerium bekommen: "Ich denk mir, was ist denn jetzt passiert?" Als sie das Schreiben aufmacht, stellt sie fest, dass das Ministerium ihr wieder zwei Impftermine anbietet.

"Schlampige Organisation"

Kaum mehr nachzuvollziehen: Der 91-Jährige, der den Impftermin dringen bräuchte, bekommt keinen Impftermin, seine Nachbarin einen doppelten. „Es darf nicht wahr sein, dass die Bürokratie solche Blüten treibt“, schüttelt Frau Przyborowski den Kopf. Aber es ist ebenso wahr wie dass sie einen doppelt vergebenen Impftermin nicht telefonisch zurückgeben kann, wie sie bei der Hotline des Landes erfahren hat. Oder dass ihr Geburtsdatum bei der zweiten Impfeinladung falsch geschrieben ist.

Rechtsanwalt Laubenbacher meint, es wäre zum Lachen, hätte es nicht für schwache Menschen wie Peter ernste Konsequenzen. „Die politisch Verantwortlichen für diese schlampige Organisation müssen sich fragen lassen, ob sie nicht mit verantwortlich sind am Versterben dieser Menschen“, so der Anwalt.

Warten bis zum Sommer?

Fragt man beim hessischen Innenministerium nach, wann die 57.000 Menschen zu Hause geimpft werden, bekommt man keinen konkreten Termin genannt. Erst würden die Heimbewohner geimpft. Diese hätten zu 95 Prozent inzwischen ihre Erstimpfung bekommen. Dauert der Abschluss der Zweitimpfung noch mal drei Monate, kommen die Menschen, die zu Hause geimpft werden sollen, frühestens im Sommer dran.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 25.3.2021, 9 bis 12 Uhr

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