Black Lives Matter Demo

Denkmalstürze, die Umbenennung von Straßen und die N-Wort Petition: Seit dem Tod von George Floyd und der "Black Lives Matter"-Bewegung wird viel über Rassismus diskutiert. Während Schwarze Menschen endlich gehört werden wollen, haben viele Weiße Angst, missverstanden zu werden. Wie gelingt die Balance und wie können wir einen neuen konstruktiven Umgang lernen?

Wie können Schwarze und Weiße einen neuen, konstruktiven Umgang miteinander lernen? Darüber haben wir mit Naomi Stenzel und Nadine Neß gesprochen. Nadine ist 38 Jahre alt und lebt in Frankfurt, Naomi ist 28 und wohnt in Offenbach. Beide Frauen beschäftigen sich viel mit Rassismus: Naomi als Betroffene, Nadine seitdem ihre Nachbarin ihr vorgeworfen hat, rassistisch zu sein. Das Gespräch eskalierte damals bis zum Kontaktabbruch.

hr-iNFO: Nadine, bei dir kam nach der Auseinandersetzung die Auseinandersetzung - wie war das für dich?

Nadine: Am krassesten ist die Konfrontation mit dem eigenen Rassismus, weil man von sich selbst ja das Bild hat, man ist ein total guter toleranter Mensch.

hr-iNFO: Naomi, du sagst, niemand ist frei von Rassismen und schließt dich damit als Schwarze Frau nicht mal selbst aus  - was meinst du damit?

Naomi: Wir werden alle mit Bildern groß, die über Jahrhunderte weitergegeben wurden und die jeder mit der Sozialisation mitgegeben bekommt. Dementsprechend wissen viele einfach nicht, was sie gerade sagen oder behaupten.

hr-iNFO: Ist das nicht frustrierend, dass das so in allen Köpfen drin ist?

Naomi: Ja, es ist schon ziemlich frustrierend, weil man sich auch oft genug den Mut rausnimmt, um es Leuten aufzuzeigen. 

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Okay oder nicht?

Was darf man, was darf man nicht? Wir haben Naomi und Nadine nach ihrer Einschätzung gefragt.

Darf man eine Person mithilfe ihrer Hautfarbe beschreiben – wenn man eine spezielle Person in einer Gruppe meint zum Beispiel?
Naomi: Schwierig, wenn es nicht anders geht, dann ja. Aber man kann es vorher immer mit anderen Sachen versuchen. Kleidung, Haare, Brille, Schmuck oder Sonstiges.

Beim Feiern Hip Hop Lieder mitsingen, die eine Form des N-Worts beinhalten, egal welche Hautfarbe der oder die Künstler*in hat?
Naomi: Geht gar nicht!
Nadine hast du das schon gemacht?
Nadine: Ja, habe ich und ich wurde von meiner 15-jährigen Tochter derbe in die Schranken gewiesen.

Sogenannte „Schwarzen-Witze“ machen – weil es ja nur witzig gemeint ist?
Naomi: Geht gar nicht!
Wie reagiert man denn darauf?
Naomi: Lange habe ich es weggelacht, bis man sich irgendwann den Mut fasst, auch solche Dinge anzusprechen. Heute frage ich nur noch, was daran jetzt witzig gewesen sein soll. Dann fühlt sich die Person in Erklärungsnot.

Was denkst du bei Braids oder Dreadlocks, das sind ja kulturell geprägte Frisuren – ist es okay, wenn man das als weiße Person trägt?
Naomi: Jain, aber wenn sich eine Person beispielsweise bei Braids mit der Kultur der Frisur auseinandergesetzt hat und dahintersteht – weil da werden Anmerkungen kommen –, dann go for it.
Was ist mit Kostümen? Darf man sich als Bob Marley verkleiden, inklusive Schminke und Perücke, weil man halt diesen Künstler darstellen möchte?
Naomi: Geht nicht. Man kann sich auch als Bob Marley verkleiden, ohne sich schwarz anzumalen – oder auch einfach ein anderes Kostüm wählen.

Ein freiwilliges soziales Jahr machen, um Kindern in Afrika zu helfen – okay oder nicht?
Naomi: Nein. Also viele sagen vermutlich ja, aber ich finde, da sind wir wieder beim Thema white privilege. Es findet aus den falschen Motiven statt, wenn dann die weiße Person da hingeht, um sich zu profilieren, so dieses Helfersyndrom nach dem Motto "Ich starke, wohlhabende, weiße Frau/Mann gehe jetzt in dieses Land und helfe den armen Schwarzen Kindern."
Das nennt man ja auch white saviourism – hast du dazu einen Bezug Nadine?
Nadine: Nein, habe ich ehrlich gesagt noch nie drüber nachgedacht. Aber klar, man stellt sich ja tatsächlich über die Person und geht davon aus, dass man selbst was zu geben hat, was der andere braucht. Das ist einfach arrogant.

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hr-iNFO: Die Debatte um Rassismus ist sehr vielschichtig - es gibt darin viele Begriffe, die nicht allen geläufig sein dürften: BPoC, White Saviourism ... wie steht Ihr zu solchen Begriffen? Sind sie hilfreich oder machen sie die Debatte komplizierter?

Naomi: Aus Schwarzer Sicht finde ich sie hilfreich! Man kann jetzt Dinge, die man früher umschreiben musste, konkret benennen. Ich kenne es aber aus Erfahrung, dass in Diskussionen den Leuten die Begriffe entweder nicht geläufig sind oder abgeblockt werden.

Nadine: Ich finde sie aus weißer Sicht, also die, die sich bessern möchte, auch hilfreich. Das sind ja Abkürzungen und ich komme aus der Kommunikationsbranche und plädiere immer dafür, Sprache so einfach wie möglich zu halten. Ich glaube auch nicht, dass man die auswendig lernen muss, sondern dass das automatisch kommt, wenn ich anfange, mich mit dem Thema zu beschäftigen.

"Diesen Schmerz erfährt man sein Leben lang"

hr-iNFO: Bei der Auseinandersetzung kommt für viele ja mit der Unsicherheit auch eine Art Schuldgefühl und die sogenannte weiße Zerbrechlichkeit. Wie gehst du mit diesen Emotionen und dem neuen Bewusstsein um, Nadine?

Nadine: Am Anfang war ich relativ hart zu mir, aber mittlerweile bin ich dazu übergegangen, mir Zeit für den Prozess zu geben, so lange ich ihn aufrechterhalte. Ich versuche mich zu bessern, bin aber ein Mensch. Ich möchte aber auf keinen Fall den emotionalen Prozess mit der emotionalen Belastung vergleichen, die Schwarze Menschen bei dem Thema haben! Es belastet aber tatsächlich, wenn diese Blase platzt und man mit so vielem konfrontiert wird.

hr-iNFO: Kannst du das so stehen lassen, Naomi, oder sagst du: Jetzt hab dich Mal nicht so, für Schwarze Menschen ist es auch nicht angenehm?

Naomi: Das ist tatsächlich so ein bisschen die Einstellung, weil eine weiße Person sich entscheiden kann ob sie sich damit auseinandersetzt, da sind wir wieder bei white privilege. Natürlich ist das schmerzhaft, wenn die Bubble platzt, aber ich finde es auch gut, dass du sagst, man kann den Schmerz nicht mit dem von Rassismus Betroffenen vergleichen. Diesen Schmerz erfährt man sein Leben lang und das andere ist halt, man hat einen Fehler gemacht und muss draus lernen.

hr-iNFO: Vielleicht ist nicht jede*r sofort so reflektiert wie Nadine. Kann Unsicherheit auch kontraproduktiv sein?

Naomi: Gewissermaßen schon, weil es wahrscheinlich viele gibt, die so verunsichert sind, dass sie sich wieder komplett zurückziehen. Aber es kann auch positiv sein und dazu anregen, sich weiter mit der Thematik zu befassen und daran zu arbeiten.

hr-iNFO: Wie kann man den Prozess aus deiner Sicht fördern, Nadine?

Nadine: Ich glaube, es ist eine totale Typfrage. Ist man jemand, der gewillt ist, anzuerkennen dass man Schwächen hat, an denen man arbeiten muss? Oder jemand, bei dem es kontraproduktiv wirkt und der sich einfach zurückzieht? Aber grundsätzlich finde ich, ist es eine Aufgabe für alle, das Thema immer wieder präsent zu machen. Das betrifft insbesondere weiße Menschen, weil sie das in der eigenen Bubble nochmal ganz anders ansprechen können.

hr-iNFO: Du versuchst ja bereits, Verantwortung zu übernehmen und dein Umfeld zu sensibilisieren – ist das schon Allyship?

Naomi: Es geht stark in die Richtung, aber für mich hängt da noch mehr dran, aber das kann ich nicht beurteilen, weil wir uns nicht kennen. Viele sind bereit, gewisse Schritte zu gehen, aber wenn es um Familie und das soziale Umfeld geht, da sind viele noch sehr gehemmt.

Was kommt nach dem "Hype"?

hr-iNFO: Gibt es denn da einen Tipp, wie es leichter fällt, reinzugrätschen und unangenehme Situationen auszuhalten?

Nadine: Ich wüsste gerne von Naomi, ob es okay ist, eine weichgespülte Version zu fahren und den anderen da abzuholen, wo er steht?  Also bei einem rassistischen Witz auf der Familienfeier milde zu lächeln und zu sagen: 'Das war rassistisch, finde ich nicht cool', oder muss man direkt aufstehen und mit Tellern werfen?

Naomi: Man kann schon softer reinstarten, aber vielleicht nicht so soft. Vielleicht eher so, dass man fragt: 'Ist dir bewusst, dass das rassistisch ist?' Und dann gucken, wie sich das Gespräch entwickelt. Also man muss nicht immer komplett eskalieren, aber es sollte schon klar sein, dass das nichts ist, was man wieder hinten runter fallen lässt.

hr-iNFO: Vermutlich lässt sich das alles nicht von heute auf morgen lösen. Was erhofft ihr euch jetzt auf dem Weg zu einer antirassistischen Gesellschaft?

Naomi: Das es den Weg überhaupt gibt? Ich fände es schön, wenn das Thema nach dem „Hype“ nicht wieder unter den Teppich gekehrt wird. Sondern dass es wirklich was ist, was jetzt da ist und bleibt.

Nadine: Ich bin da optimistisch, kann aber auch mein white privilege sein. Am Anfang sind immer kleinere Gruppen, die sich intensiv laut damit auseinandersetzen und es immer mehr Menschen gibt, die umdenken. Und ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren bei einer antirassistischen Gesellschaft sind.

Naomi: Mir ist aufgefallen, dass auch bei den Demos in Frankfurt viele junge Leute da waren, also U20. Da keimt die Hoffnung auf, dass die neue Generation es anders macht.

Nadine: Ich bin immer mega stolz darauf, dass ich ein Kind habe, das mich erzieht.

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Kleines "Wörterbuch"

BPoC
Das ist eine Abkürzung für Black and People of Colour und soll möglichst alle Menschen einschließen, die wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft Erfahrungen mit Rassismus machen. Eine seltener verwendete Erweiterung davon ist BIPoC, das steht für Indigenous People, also indigene Menschen. Beide Bezeichnungen haben die betroffenen Menschen selbst gewählt, im deutschsprachigen heißt es deshalb auch Schwarze und indigene Menschen of Colour. Komplett übertragen lässt sich der Begriff nicht, den übersetzt hieße People of Color Menschen mit Farbe. Farbig ist aber eine Bezeichnung aus dem Kolonialismus und deshalb ein No-Go.

Schwarze Menschen
Diese Bezeichnung ist laut Expert*innen in Ordnung, da sie von Schwarzen Menschen selbst gewählt wurde. Mit Schwarz ist dabei nicht die Farbe gemeint, sondern die gesellschaftspolitische Ebene. Wer sich als Schwarz bezeichnet, drückt damit aus, dass er zu einer Gruppe Menschen gehört, die wegen ihrer Hautfarbe Rassismuserfahrungen machen. Für die Unterscheidung zur Farbe, wird das S von Schwarz deshalb großgeschrieben.

Weiße Menschen
Wer über Rassismus redet, der thematisiert auch Weiße Menschen. Auch hier ist nicht die Farbe, sondern die gesellschaftspolitische Position gemeint.  Wer als weiß gilt, wird nicht aufgrund seiner Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert. Historisch gesehen sind Weiße außerdem die Unterdrücker*innen, die versklavt, ausgebeutet und ermordet haben. Das begründet auch, warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt.

White Saviourism
White Saviourism (auch bekannt als whitesaviourcomplex) bezeichnet das vermeintliche gemeinnützige Engangement weißer Menschen, die in den Süden reisen, um zu helfen. Die Problematik, die viele darin sehen, ist die Inszenierung als Retter*innen trotz mangelnder Qualifizierung. Dieses Phänomen lässt sich auch auf sozialen Netzwerken verfolgen. Wer als privilegierter weißer Mensch ohne Ausbildung und Qualifikation reist, um „armen Kindern in Afrika“ zu helfen und davon Bilder postet, symbolisiert damit für viele Menschen das soziale Machtgefälle und eine Form von Überheblichkeit. „Ich habe etwas, das ihr braucht.“ 

Allyship
Das Wort Allyship kommt von Ally und meint Verbündete*r oder Unterstützer*in. Innerhalb der Rassismusthematik bezeichnet man so Menschen, die nicht zur diskriminierten Gruppe gehören, aber sich dafür einsetzen. Ein sogenannter Ally reflektiert die eigenen Privilegien und zeigt sich solidarisch gegenüber Rassismusbetroffenen. Viele sagen außerdem, dass ein Ally das eigene Wissen weitergeben soll und sich auch in unangenehme Situationen begibt, um Rassismus zu benennen.

White Privilege
Heißt übersetzt das Weiße Privileg und bedeutet, dass man als Weißer Mensch eine privilegierte Position innerhalb der Gesellschaft hat. Sei es auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder in der Schule.  White Privilege meint das Privileg, weder von Rassismus betroffen zu sein, noch sich damit auseinandersetzen zu müssen. Denn nur wer nicht betroffen ist, hat überhaupt die Option, Rassismus zu ignorieren.

White Fragility
Heißt auf Deutsch weiße Zerbrechlichkeit und geht auf die Soziologin Robin DiAngelo zurück. Gemeint ist damit, dass weiße Menschen häufig abblocken oder emotional werden, wenn sie mit Rassismuserfahrungen, Vorwürfen oder den eigenen Privilegien konfrontiert werden. Da Weiße in der Regel selbst keine Rassismuserfahrungen machen und sich deshalb nicht zwangsläufig damit beschäftigen, platzt für sie in solchen Momenten eine Art Blase, die auch Happyland genannt wird. Gemeint ist die Wahrnehmung der Gesellschaft und der eigenen Person als nicht rassistisch, weil man selbst nicht betroffen ist oder sich damit auseinandersetzt. Solche Abwehrreaktionen werden auch häufig White Tears genannt, ein etwas zynischerer Begriff für die Weiße Zerbrechlichkeit.

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Buchtipps:

  • Tupoka Ogette: Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen
  • Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten.

Sendung: hr-iNFO Politik, 31.7.2020, 21:35 Uhr

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