Dalai Lama in Frankfurt
Dalai Lama in Frankfurt Bild © picture-alliance/dpa

Der 14. Dalai Lama sucht eine friedliche Einigung mit China. Doch was passiert mit Tibet, wenn der 83-Jährige stirbt? Viele Exil-Tibeter bangen um ihre Zukunft - auch weil sie fürchten, dass die internationale Solidarität schwinden könnte.

Dem Dalai Lama blieb nur die Flucht. Seit 60 Jahren lebt das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten - und mit ihm viele seiner Anhänger - in dem kleinen Ort McLeod Ganj, oberhalb von Dharamsala, im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Wenige Tage nach dem Aufstand der Tibeter gegen die chinesischen Besatzer, am 10. März 1959, entschied sich der damals noch junge Dalai Lama, seine Heimat zu verlassen.

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Es habe keine andere Möglichkeit gegeben, sagt er noch heute. Die Emotionen seien zu groß gewesen, auf beiden Seiten: "Die Chinesen wollten uns mit Waffengewalt unterdrücken. Ein klares Zeichen war die Artillerie auf der anderen Seite des Flusses. Normalerweise waren die Geschütze verdeckt. Doch dann, am 16. März, standen sie schussbereit Richtung Potala-Palast. Da blieb mir nichts anderes übrig, als zu fliehen."

Erinnerung an Unterdrückung

Schätzungsweise 120.000 Tibeter leben im Exil. Eine baldige Rückkehr nach Tibet können sich nur wenige von ihnen vorstellen. Vor allem die Ältesten, die sich damals, im März 1959, zusammen mit dem Dalai Lama auf die Flucht nach Indien gemacht haben, erinnern sich nur zu gut an die Unterdrückung durch die chinesischen Besatzer.

So wie der 73-jährige Suel Chin: "Ich war damals ein Jugendlicher, aber ich erinnere mich noch genau. Die Chinesen haben gesagt, sie seien zu unserer Befreiung gekommen. Sie seien unsere Brüder. Aber in Wirklichkeit mussten die Tibeter Zwangsarbeit ohne Bezahlung leisten und unsere Mönche wurden ins Gefängnis gesteckt und es wurde ihnen verboten, ihre roten Roben zu tragen und ihre Religion zu praktizieren."

Junge Exil-Tibeter kämpfen für vollständige Unabhängigkeit

Im Gegensatz zu den Alten haben die jungen Exil-Tibeter das Land ihrer Eltern und Großeltern noch nie gesehen. Und doch oder gerade deshalb sind es die Jüngeren, die die Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets am stärksten vertreten.

Die internationale Staatengemeinschaft habe die Tibeter vergessen, klagt Tashi Lamsang, der Sekretär der Jugendorganisation Tibetan Youth Congress: "Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, setzt darauf, dass eine Lösung in Übereinkunft mit der chinesischen Regierung gefunden wird. Doch dieser Mittelweg, mit Tibet als autonomer Region innerhalb der Volksrepublik China, hat in den vergangenen Jahrzehnten nichts gebracht. Wir kämpfen für eine vollständige Unabhängigkeit von China, doch dafür brauchen wir mehr Unterstützung durch die internationale Staatengemeinschaft. Viele Länder unterwerfen sich aus wirtschaftlichen Gründen dem chinesischen Druck und das ist nicht fair gegenüber Tibet."

Dalai Lama sucht friedliche Einigung

Während die jugendlichen Exil-Tibeter ihrer Forderung nach einem freien Tibet lautstark Luft machen, versucht das religiöse Oberhaupt der Tibeter, der 14. Dalai Lama, seit langem eine friedliche Einigung mit China zu finden. Er kämpfe heute mehr um das kulturelle Erbe Tibets und weniger um eine politische Unabhängigkeit, sagte er in einem ARD-Interview anlässlich des 60. Jahrestages seiner Flucht aus Tibet.

"Wir streben keine Unabhängigkeit mehr an", so der Dalai Lama. "Wir sind bereit, ein Bestandteil der Volksrepublik China zu bleiben. Sie müssen uns aber unsere eigene Selbstverwaltung lassen. Selbst in der chinesischen Verfassung ist die tibetische Autonomieregion festgeschrieben. In dieser Region sollten wir Tibeter das Recht haben, unsere Sprache und unsere Kultur zu pflegen. Dann wäre alles gut."

Der Raum, im dem der 14. Dalai Lama seine Gäste empfängt, ist mit kostbaren buddhistischen Thangkas und goldenen Buddha-Statuen und Reliefs geschmückt. Das 83-jährige religiöse Oberhaupt der Tibeter wird von seinen Anhängern mit "Ihre Heiligkeit" angesprochen.

Mitgefühl hat oberste Priorität

Er selbst sehe sich als Mensch, sagt er, und betrachte es als seine wichtigste Aufgabe, der Menschheit Mitgefühl nahe zu bringen: "Menschen sind, das ist wissenschaftlich erwiesen, zu Mitgefühl fähig, denn wir sind soziale Wesen. Deshalb möchte ich Mitgefühl verbreiten. Wir Menschen sollten dieses Gefühl von Liebe, das wir zum Zeitpunkt unserer Geburt haben, bis zum Ende des Lebens bewahren. Dann wären wir alle glücklicher. Misstrauen, Angst, Ärger und Stress zerstören unser Immunsystem. Auch das haben Wissenschaftler bestätigt. Deshalb hat die Verbreitung von Mitgefühl für mich oberste Priorität."

1989 erhielt der Dalai Lama den Friedensnobelpreis. Das Nobel-Komitee zeichnete damit sein Bemühen für eine friedliche Lösung des tibetischen Freiheitskampfes aus. Viele Jahrzehnte ist er durch die ganze Welt gereist, um sich dafür einzusetzen. Die Reisen sind seltener geworden, denn auch beim Dalai Lama sind die Spuren des fortgeschrittenen Alters nicht zu übersehen. Seinen Humor hat er nicht verloren.

Mit freundlichen Augen und mit aufmerksamem Blick hört er seinen Gesprächspartnern zu und antwortet langsam und bedächtig, aber oft mit einem sympathischen, selbstironischen Lachen: "Ich liebe den Marxismus. Karl Marx, aus Deutschland. Er hat während der Industrialisierung in Europa etwas gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse getan. Das kann ich voll unterstützen. Da bin ich ein Marxist. Doch dann kamen die bolschewistische Revolution, Lenin und später Stalin. Und so wurde die wunderbare Idee des Marxismus zu einem totalitären System. Und das ist nicht gut."

Wer den Dalai Lama trifft, bekommt Druck aus Peking

Dolma Yangchen, die Präsidentin der tibetischen Frauenorganisation, erlebte die Flucht aus Tibet als Baby in den Armen ihrer Eltern. Der heute 60-Jährigen kamen die Tränen bei dem Gedanken, was mit Tibet geschehen werde, wenn der 14. Dalai Lama irgendwann nicht mehr lebt: "Die Chinesen warten natürlich darauf, dass der Dalai Lama stirbt. Aber das wird nicht so schnell passieren. Wir denken schon manchmal darüber nach, was dann aus uns wird. Bestimmt wird sich dann einiges ändern, auch die internationale Unterstützung für Tibet. Und das beunruhigt uns natürlich."

Die Regierung der Volksrepublik China beobachtet genau, in welchen Ländern der Dalai Lama empfangen wird und wer sich mit ihm trifft. China betrachtet den Dalai Lama als einen gefährlichen Separatisten und unterstellt demzufolge jedem Land, in dem der Dalai Lama auftreten darf oder mit deren politischen Repräsentanten er zu Gesprächen zusammenkommt, den Zerfall der Volksrepublik China zu unterstützen.

Wann immer der frühere US-Präsident Barack Obama den Dalai Lama im Weißen Haus begrüßte, drohte China mit harten Konsequenzen für die ohnehin schwierigen diplomatischen Beziehungen der beiden Staaten. Die beiden Friedensnobelpreisträger trafen sich während der achtjährigen Amtszeit Obamas vier Mal. Dabei traf Obama den Dalai Lama sogar in seinen Privaträumen und nicht im Oval Office, wo sonst Staatsgäste empfangen werden.

Auch Deutschland bekommt den chinesischen Druck wegen des Dalai Lama zu spüren. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2007 als erste deutsche Regierungschefin das Oberhaupt der Tibeter im Kanzleramt empfing, hagelte es harsche Kritik aus Peking. Bis heute würden alle deutschen Politiker, die sich für Tibet einsetzten oder mit dem Dalai Lama in Kontakt stünden, von chinesischen Diplomaten Protestschreiben erhalten.

Wirtschaft sticht

Für die deutsche Wirtschaft hat der riesige Markt der Volkrepublik China eine enorme Bedeutung. Selbst große Unternehmen wagen es nicht, dem chinesischen Druck zu widerstehen. Als die Werbeagentur für Mercedes-Benz  vor rund einem Jahr eine buddhistische Lebensweisheit des Dalai Lama für eine firmeninterne Motivationskampagne nutzte und dabei das Oberhaupt der Tibeter als Zitatgeber ausdrücklich erwähnte, kamen ebenfalls Proteste aus Peking. 

Der Autobauer entschuldigte sich und sah sich offenbar zu dem Versprechen genötigt, solche Verfehlungen künftig zu unterlassen. Die in diesem Fall genutzte Lebensweisheit des Dalai Lama empfahl, ein Problem stets von allen Seiten zu betrachten.

Exil-Parlament unterstützt Dalai Lamas Mittelweg

Der Dalai Lama selbst hat sich schon lange aus der Politik zurückgezogen. Seit er im Jahr 2011 seine Rolle als politisches Oberhaupt der Tibeter aufgegeben hat, werden die Geschicke der Exil-Tibeter von der zentralen tibetischen Verwaltung und einem Parlament geleitet, das den Umständen entsprechend halbwegs demokratisch gewählt wird.

Parlamentssprecher Pema Jungney sieht den Mittelweg, den der Dalai Lama empfiehlt, als einzige realistische Zukunftsperspektive der Tibeter: "Tibet war immer unabhängig, aber die Chinesen behaupten, Tibet sei immer ein Teil Chinas gewesen. Doch wir werden nicht um unsere Unabhängigkeit betteln, niemals. Gewalt ist auch keine Lösung, das kommt für uns nicht in Frage. Eine gewaltfreie Lösung wird aber keinesfalls dazu führen, dass die Chinesen uns unsere Unabhängigkeit geben. Deshalb ist der Mittelweg-Ansatz der einzige Weg. Aber sie müssen uns unsere Selbstbestimmung garantieren und uns unsere Kultur pflegen und unsere Sprache sprechen lassen. So steht es in der chinesischen Verfassung und so sollte es auch umgesetzt werden."

Der Sprecher des Exil-Parlaments orientiert sich mit diesem Standpunkt an der realpolitischen Einschätzung des Dalai Lama zur Zukunft Tibets. Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten könne Tibet als unabhängiger Staat kaum existieren, sagte der Dalai Lama. Nicht zuletzt wegen seiner geopolitischen Lage, eingezwängt zwischen zwei so großen und starken Mächten wie China und Indien.

"Realistisch betrachtet können wir als Teil der Volksrepublik China nur profitieren", so der Dalai Lama. "Die chinesische Wirtschaft ist sehr stark. Sie haben schon viel getan für die Infrastruktur in Tibet, neue Straßen, neue Häuser, das ist alles sehr gut. Aber sie müssen erkennen, dass unsere Kultur auch ihren Wert hat und dass man die nicht einfach auslöschen darf. Gerade im Westen interessieren sich doch viel mehr Menschen für die tibetische Kultur als für die chinesische."

China fürchtet Rückkehr Dalai Lamas nach Tibet

Eine Rückkehr des 14. Dalai Lama nach Tibet hat die Kommunistische Partei der Volksrepublik China bislang nicht erlaubt. Offenbar ist den Chinesen das Risiko zu groß, dass der Friedensnobelpreisträger der Separatistenbewegung neuen Schwung geben könnte.

Nach wie vor genießt der Dalai Lama in seiner Heimat großes Ansehen. Doch schon der Besitz eines Fotos von ihm kann dort Grund für eine Festnahme sein. Viele buddhistische Mönche und Nonnen, die loyal zu ihm stehen, sollen im Gefängnis sitzen und gefoltert worden sein. Die Aussichten, dass die Anhänger des Dalai Lama in Tibet ihr religiöses Oberhaupt noch einmal zu sehen bekommen, scheinen gering.

Der nächste Dalai Lama

Und der nächste Dalai Lama wird nach der Tradition der tibetischen Buddhisten als Reinkarnation des vorherigen bestimmt. China will dabei ein entscheidendes Wort mitreden. Unvorstellbar für die Tibeter. Die Entscheidung über den 15. Dalai Lama, also das künftige religiöse Oberhaupt der tibetischen Buddhisten, müsse allein bei den Tibetern liegen, sagt der Sprecher des Exil-Parlaments in Dharamsala, Pema Jungney: "Das kann doch nicht von den Kommunisten in China bestimmt werden. Das sind alles Ungläubige, für die ist doch Religion Opium fürs Volk. Die Reinkarnation ist unsere Tradition, wie können die sich denn da einmischen? Das ist doch ein Witz."

Auch der Dalai Lama selbst kann darüber nur lachen: "Wenn es in der Zukunft, nach meinem Tod, zwei Dalai Lamas geben sollte – einen, der von hier bestimmt wird, in einem freien Land und einen, der von China eingesetzt wurde -,  dann wird doch niemand dem chinesischen Dalai Lama vertrauen oder ihn respektieren. Und dann haben die Chinesen ein weiteres Problem."

Selbst die ältesten Tibeter, im Exil und in Tibet selbst, haben in ihrem Leben keinen anderen Dalai Lama gekannt als den amtierenden, der vor knapp 84 Jahren unter dem Namen Tenzin Gyatso als Sohn einfacher Bauern in Tibet geboren wurde. Nach dessen Tod verlieren sie nicht nur ihre Identifikationsfigur, sondern möglicherweise auch den Garanten für die noch immer bestehende weltweite Solidarität mit Tibet.

Sendung: hr-iNFO, 19.4.2019, 7:05 Uhr

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