Ein kleines Mädchen sitzt weinend auf dem Fußboden in ihrem Zimmer.
Mehr als 300 Kinder sind in Hessen im vergangenen Jahr Opfer von Misshandlung geworden. Bild © picture-alliance/dpa

Die Fälle von Kindesmisshandlungen in Hessen haben im vergangenen Jahr entgegen dem Bundestrend zugenommen. Warum das so ist und wie die Politik entgegensteuern möchte, das hat unsere Landtagskorrespondentin in Wiesbaden erfragt.

Sie wurden geschlagen, getreten, mit dem Bügeleisen verbrannt oder sind fast verhungert: über 300 Kinder, allein in Hessen, allein im vergangenen Jahr. Durch die Misshandlung gestorben sind im vergangenen Jahr 40 Kinder in Hessen. Und hier sind die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr sogar deutlich angestiegen, obwohl die Zahlen im Bund konstant geblieben sind.

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Sozialministerium verteidigt sich

Wieso sind die Zahlen in Hessen so hoch und was tun Sie dagegen? Das haben wir das Sozialministerium gefragt. Zurück kam eine lange schriftliche Stellungnahme, die aufzählt, was man bereits alles tut. Unter anderem: "Durch Projekt- und Maßnahmenförderung unterstützt das Hessische Sozialministerium die vorhandenen Beratungs- und Hilfestrukturen für Kinder und Familien, verknüpft sie miteinander und sorgt für einen systematischen Ausbau. So sind im Rahmen des Sozialbudgets die Mittel für die Fort- und Weiterbildung sozialer Fachkräfte im Bereich Prävention und Kinderschutz deutlich erhöht und die kommunalisierten Mittel zum Schutz vor Gewalt und sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen erheblich aufgestockt worden."

Kinderschützer fordern längst auch eine/n Missbrauchsbeauftragte/n auf Landesebene. Das fordert übrigens auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Wilhelm Rörig. Die meisten Länder sehen dafür allerdings keine Notwendigkeit – so auch Hessen. Dazu heißt es aus dem Sozialministerium, man habe "landesweit bereits ein gut ausgebautes Netz von Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt". In Absprache mit Rörig habe man eine Staatssekretärin zur Ansprechpartnerin auf Landesebene ernannt.

Jugendämter und Kinderschutzambulanzen fördern

Das reicht bei weitem nicht aus, sagt hingegen Christiane Böhm, Familien- und Kinderpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion. "Die Landesregierung ist der Meinung, dass sie das nicht steuern muss, sondern sich das einfach so entwickeln lässt. Da denken wir, da wäre ein Steuerungsprozess erforderlich. Das zweite, was erforderlich wäre: Die Jugendämter müssen besser ausgestattet werden", sagt sie.

Die AfD im hessischem Landtag sieht besonderen Handlungsbedarf bei den beiden Kinderschutzambulanzen in Hessen. "Wir wollen, dass die Kinderschutzambulanzen ausgebaut werden", sagt Partei-Pressesprecher Benjamin Günther. Die Einrichtungen hätten den Vorteil, dass sie sowohl die Kinder behandeln als auch die Eltern schützen und Ursachenforschung betreiben.

"Ausbildung in allen Bereichen"

Yanki Pürsün, FDP-Landtagsabgeordneter und Sprecher für Soziales, Gesundheit und Integration seiner Fraktion, hat der Landesregierung in diesem Jahr bereits mit zwei parlamentarischen Anfragen zum Thema Kindesmisshandlungen auf den Zahn gefühlt. Er ist überzeugt: Hessen braucht eine eigenen Beauftragten für das Thema - aber auch viele weitere Maßnahmen. "Bei den Kinderschutzambulanzen kann ich nicht verstehen, dass die nicht auch durch das Land finanziert werden, wir sehen dass die Kapazitäten zurückgehen, was die falsche Entwicklung ist. Und drittens: Ausbildung in allen Bereichen - da muss sicher hinterfragt werden, ob man da nicht nachsteuern muss", so Pürsün.

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