Finger einer Hand mit Weihnachtsmützen, die streiten

Weihnachten ist das Fest der Liebe, sagt man. Doch selten gibt es in Familien so viel Streit wie an diesen Tagen. Warum ist das so? Und was können wir tun, damit das Fest harmonisch verläuft?

Ein Gespräch mit dem Psychologen und Coach Roland Kopp-Wichmann

hr-iNFO: Herr Wichmann, Sie sagen, die Weihnachtstage zeigen, ob wir wirklich erwachsen geworden sind. Inwiefern?

Kopp-Wichmann: Die Weihnachtstage tragen natürlich eine Menge Erwartungen und Druck. Es ist ja irgendwie das Fest des Jahres. In den Medien steht ja auch, das ist das Fest der Liebe. Und da kommen auch die Leute zusammen, die vielleicht sonst das Jahr über gar nicht so viel Kontakt haben. Und es ist auch nicht einfach ein kurzer Besuch, wo man nach zwei Stunden wieder abhauen kann, sondern es zieht sich mindestens über einen oder zwei oder drei Tage hin. Und da kommen manchmal die Konflikte, die vorher auch schon lange da waren, leicht an die Oberfläche.

"Im Elternhaus wird man automatisch jünger"

hr-iNFO: Also ist es auch eine Frage der Dauer? Wird die Haut quasi dünner, oder was passiert da?

Kopp-Wichmann: Naja, zum einen ist es ja oft das Elternhaus, in das man zurückkommt, vielleicht sogar noch in das Zimmer, wo man als Jugendlicher oder als Kind gelebt hat. Und da verwandelt man sich mehr oder weniger automatisch, man wird irgendwie jünger.

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Himmel und Erde: Im guten Miteinander

Das ganze Gespräch mit Roland Kopp-Wichmann und mehr zu Konflikten und Harmonie an den Feiertagen hören Sie in der Sendung "Himmel und Erde" am 25.12. um 6 Uhr und im Anschluss hier als Podcast.

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Und wenn dann eben auch noch eine elterliche Bemerkung kommt über Frisur oder 'wie siehst du denn aus?', dann stört einen das, weil man vielleicht schon 41 Jahre ist, und solche Bemerkungen normalerweise nicht hört, aber von den Eltern. Und wenn einen das dann stört und emotionalisiert und man gar nicht so gelassen reagieren kann, ist das ein Zeichen dafür, dass man sich nicht so gut abgelöst hat von dem ganzen Zuhause bisher.

hr-iNFO: Und was kann man dagegen tun?

Kopp-Wichmann: Man weiß ja oft schon im Vorhinein, was denn der erste oder der zweite Satz sein wird nach der Begrüßung. Dann kann man sich darauf auch einstellen und ein bisschen vorbereiten und sagen ja, so sind sie halt, die müssen erst mal ein bisschen meckern, bis man sich näher kommt. Dann kann man die eigene Reaktion reduzieren.

hr-iNFO: Macht es eigentlich einen Unterschied, ob ich mit Partner und Kind die Eltern besuche oder ob ich als Single zu Besuch komme?

Kopp-Wichmann: Das macht einen großen Unterschied. Wenn man als Single kommt, ist das alte System – die Ursprungsfamilie – irgendwie wiederhergestellt. In dem Moment, wo einer von den erwachsenen Kindern seinen Partner vielleicht mit einem eigenen Kind mitbringt, ist es ein ganz neues System. Und dann kommt es darauf an, wie ist die Beziehung zwischen den Eltern und dem Partner? Mögen die den oder beäugen die den kritisch oder haben sie das Gefühl: 'Mensch, mein Sohn hat eigentlich was Besseres verdient?'

Insofern treffen da zwei Familien-Systeme zusammen, und jetzt zeigt sich eben auch, ob man abgelöst ist von der eigenen Familie, also von der Herkunftsfamilie, ob der Mann zu seiner Partnerin hält. Angenommen es kommt irgendeine despektierliche Bemerkung, dass dann der Partner sagt: So möchte ich aber nicht, dass du mit meiner Frau redest. Oder man knickt ein, weil man konfliktscheu ist und lässt das durchgehen. Und dann kriegt man aber abends mit seinem Partner Streit, weil der einem das vermutlich vorhält.

Scheidungsraten nach Weihnachten höher

hr-iNFO: Sprechen wir über die Geschwister. Welchen Zündstoff für Streit liefern die denn?

Kopp-Wichmann: Naja, das kommt darauf an, wie die Beziehungen zwischen den Geschwistern überhaupt sind. Wenn die ein bisschen abgekühlt sind oder konflikthaft und man das bisher so geregelt hat, dass man sich aus dem Weg geht, und kommt dann an Weihnachten im Elternhaus mit den Geschwistern zusammen, muss man sich irgendwie darauf einstellen. Vielleicht reißen sich alle zusammen und denken: Es ist ja Weihnachten, jetzt wollen wir nicht über Konflikte reden. Aber meistens kochen die Konflikte dann doch bei irgendeiner Bemerkung hoch. Deswegen wird ja an Weihnachten viel gestritten - und nicht nur zwischen Geschwistern. Die Scheidungsraten von Ehepaaren nach Weihnachten sind ja auch im Jahresmittel höher.

hr-iNFO: Wie gehe ich damit um? Was soll ich denn tun, wenn Konflikte aufkommen oder die Luft zum Zerreißen gespannt wird?

Kopp-Wichmann: Wenn man weiß, man hat mit dem Bruder beispielsweise einige Spannungen wegen irgendetwas, wäre es das Beste, dass man schon vor dem Weihnachtsfest miteinander Kontakt aufnimmt und sagt: 'Wir sehen uns an Weihnachten und ich habe da nicht so ein gutes Gefühl, da liegt doch immer noch diese Sache zwischen uns, wollen wir mal darüber reden?' Und dann kommt es drauf an, ob der andere sich darauf einlässt. Und dann kann man vielleicht vorab im Gespräch mit einem gewissen Kompromiss und gegenseitigem Verständnis etwas erreichen. Vielleicht ist der Konflikt nicht ganz gelöst, aber man kann sagen, an Weihnachten wollen wir das unseren Eltern und dem Rest der Familie nicht zumuten. Wir klären das vielleicht im nächsten Jahr, weil mir das wichtig ist.

"Versuchen zu deeskalieren"

hr-iNFO: Das wäre ja ein sehr bewusstes Vordenken. Das machen wohl eher wenige. Was ist der Notfallpass, mit dem man in solche Begegnungen geht, damit kein Streit vom Zaun gebrochen wird?

Kopp-Wichmann: Man kann versuchen zu deeskalieren. Also wenn man merkt, beim Weihnachtsessen herrscht eisige Stimmung, weil die Schwester irgendwas gesagt hat, was einem quer liegt, und man will aber jetzt nicht dagegen schießen, kann man versuchen, an dem Abend noch mit der Schwester zu reden: 'Sag mal, es hat mich geärgert, was du da gesagt hat, und es hat eine lange Geschichte, was hältst du davon, wenn wir morgen mal einen Spaziergang machen und darüber reden und ein Stück weit was klären?' Dann wird das so ein Stück weit auslagert, aber dazu gehört auch wieder der bewusste Umgang. Die meisten schießen halt sofort zurück, rechtfertigen sich, greifen an. Weil man sich in der Regel auch im Recht fühlt.

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Das Interview führte Klaus Hofmeister, hr-iNFO Kirchenredaktion.

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Sendung: hr-iNFO Himmel und Erde, 25.12.19, 6:00 Uhr

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