Kinder lesen in einer Schulbibliothek
Mit Kinderbüchern lernen wir nicht nur lernen, sie vermitteln auch Werte. Bild © picture-alliance/dpa

Der Tod der populären Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger war in unserer Politikredaktion Anlass zur Frage, welche Kinderbücher prägend waren. Ob bewusst oder unbewusst. Hier ein paar ganz persönliche Eindrücke.

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Politik: Von der feuerroten Friederike zu Wissen2Go - Wertevermittlung für Kinder 2.0

Ende des Audiobeitrags

Von Alexander Göbel, Politikredakteur bei hr-iNFO

Das vielleicht wichtigste Buch, das ich als Kind gelesen habe, war "Der himmelblaue Karpfen" von Lene Mayer-Skumanz, einer Autorin aus Österreich. In diesem Buch sind Geschichten von Kindern rund um den Globus versammelt –  von Natatek, der im Eis nahe am Nordpol lebt und mit seinem Vater fischen geht, von Njoroge in Kenia, der erzählt, dass das Leben in einem afrikanischen Dorf gar nicht so einfach ist, und von vielen anderen Kindern aus Südamerika, aus Asien, aus Osteuropa. Das hat mich damals fasziniert und mir auch die Augen geöffnet dafür, dass Kinder in anderen Teilen der Welt eben genauso Kind sein wollten wie ich, dass ihre Lebenswirklichkeiten aber eben doch ganz anders waren. Und oft viel schwieriger.

Ich habe dann auf meinem Globus immer nachgeschaut, wo diese Geschichten spielen. Ich denke schon, dass dadurch früh mein Interesse am Ausland geweckt wurde, an anderen Kulturen, daran, Menschen in der vermeintlichen Fremde zuzuhören und zu verstehen, dass diese Erde sich nicht nur um mich dreht, sondern dass ganz viele andere Menschen auch Träume, Ziele, Wünsche haben. Das Buch hat schon so etwas wie einen Sinn für Toleranz befördert, für Neugier, für Respekt vor dem und für "das Andere".

Ich habe irgendwann mal scherzhaft zu meiner Mutter gesagt: Mama, das Buch ist schuld, dass ich Auslandskorrespondent geworden bin.
Und ich habe dieses Buch tatsächlich gerettet, über viele Umzüge ins Ausland und wieder zurück nach Deutschland. Es steht bei mir im Regal – und ist immer noch bei mir!

Sofies Welt
Bild © dtv/hr

Von Pola Nathusius, Redaktionsvolontärin beim Hessischen Rundfunk

Als Kind war ich eine Leseratte – im dreiwöchigen Sommerurlaub habe ich jedes Mal um die 25 Bücher verschlungen. Aber ich hatte genaue Vorstellungen. "TKKG" zum Beispiel mochte ich nicht. Ein Nerd, ein dicker Junge der wegen seines Übergewichts Klößchen genannt wird, ein Macho namens Tarzan und das Mädchen, das nie mitmachen darf, wenn’s spannend wird. Das fand‘ ich völlig bescheuert. Ich habe nicht verstanden, wieso das Mädchen das mitmacht.

Ganz klar: Ich habe als Kind in Büchern nach Vorbildern gesucht, nach Figuren, mit denen ich mich identifizieren kann. Ich habe schon damals nicht verstanden, wieso Mädchen und Frauen Sachen nicht machen können, sollen, dürfen. Nicht stark und mutig und selbstbewusst sein können, einfach weil sie Frauen sind.

In positiverer Erinnerung habe ich andere Bücher aus meiner Kindheit und Jugend – zum Beispiel die Serie "Eine Reihe betrüblicher Ereignisse" von Lemony Snicket. Drei Waisenkinder müssen sich gegen einen bösartigen Vormund wehren, der nur an ihr Erbe will. Die älteste der drei Geschwister ist eine begnadete Erfinderin, der Bruder ein wandelndes Lexikon und das Baby, ein Mädchen, kann alles zerbeißen, weil sie so stark ist. Geschlechterklischees spielen keine Rolle.

Aber auch "Sofies Welt" von Jostein Gaarder hat mich geprägt. In Zentrum wieder ein intelligentes, neugieriges Mädchen. Sie hat mir beigebracht, Dinge zu hinterfragen, über die Welt und Zusammenhänge nachzudenken. Und in meinem Bachelor habe ich dann sogar Philosophie im Nebenfach studiert.

Jim Knopf Buchcover
Bild © Thienemann

Von Christoph Käppeler, Politikredakteur bei hr-iNFO

Ich habe als Kind "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" und später "Jim Knopf und die wilde 13" gelesen, von Michael Ende. Der ehrliche, zupackende Lokomotivführer Lukas. Und Jim Knopf – das Kind, das in einem Paket auf der winzigen Insel Lummerland ankommt. Ich glaube, dass Jim Knopf mein erster schwarzhäutiger Mensch war, den ich kannte.

Er wurde ganz selbstverständlich in die lummerländische Gesellschaft aufgenommen.  Sein Andersaussehen war gar keine Frage. Im Gegenteil – alle freuen sich über ihn, den Zuwanderer. Aber Weil Lummerland so klein ist, ich glaube, es ist mit fünf Einwohnern schon "übervölkert", reist Lukas dann zusammen mit Jim in seiner umgebauten Lok Emma über das Meer. Auf der Reise geschehen viele abenteuerliche Dinge – vor allem mit dem bösen Drachen "Frau Mahlzahn", die eine Schule hat, in der sie Kinder aus aller Welt quält und schlägt – Jim und Lukas nehmen sie gefangen.

Vieles habe ich mittlerweile vergessen – ich erinnere mich noch an den Scheinriesen Herr Tur Tur. Aber diese aufgewühlte, fantasievolle, menschenfreundliche Welt – in der es auch Böse gibt, die werden aber natürlich besiegt – mit  Lukas, Jim, den Lokomotiven Emma und Molly – diese Welt hat, ohne dass ich das bewusst gemerkt habe – ein bisschen zu meiner moralischen Bildung beigetragen, mal ganz gestelzt ausgedrückt. Und ich glaube: sehr zum Guten!

Friederike Buchcover
Bild © dtv

Von Anne Baier, Politikredakteurin bei hr-iNFO

Als ich gehört habe, dass Christine Nöstlinger gestorben ist, war ich richtig traurig. Mir sind gleich ein Dutzend Bücher eingefallen, die ich von ihr als Kind gelesen habe. Und ein Buch habe ich besonders geliebt: "Die feuerrote Friederike".

Das Buch handelt von einem kleinen Mädchen, das ganz lange, feuerrote Haare hat und auch sonst sehr auffällt und deswegen von anderen Kindern schrecklich geärgert wird. Die rufen ihr dann Sachen nach wie: "Feuer! Feuer! Auf der ihrem Kopf brennt’s! Achtung, die Rote kommt!" Heute würde man sagen, sie wurde gemobbt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie merkt, dass ihre Haare eben etwas ganz besonderes sind und sie damit fliegen kann. Und dann passieren ziemlich viele merkwürdige Dinge.

Das war eine tolle Geschichte. Nicht nur, weil Friederike mit ihren Haaren fliegen konnte. Mich hat damals schon beeindruckt, wie dieses Mädchen ihren eigenen Weg gegangen ist. Trotz aller Schwierigkeiten. Es ist egal, wie man aussieht. Das finde ich eine ganz wichtige Botschaft für jedes Kind. Und ich finde auch jedes Kind sollte wissen, dass es eigentlich heimlich Zauberkräfte besitzt.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl - Buchcover
Bild © Ravensburger

Von Petra Alleritz, Assistentin der Politikredaktion bei hr-iNFO

Mein Lieblingsbuch als Kind war der Roman von Judith Kerr "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". ‚Es geht darin um die 9-Jährige Anna, die mit ihrer Familie quer durch ganz Europa fliehen muss und das erste Mal in ihrem jungen Leben Diskriminierung und Ausgrenzung erfährt. Weil sie Jüdin ist. Den Nachbarskindern wird verboten, mit ihr zu spielen. Die Bücher ihres Vaters, der ein kritischer Schriftsteller ist, landen auf den Scheiterhaufen der Nazis. Leib und das Leben der Familie ist bedroht.

Das rosa Stoffkaninchen steht für die kleine Anna für alles, was sie in Berlin zurücklassen musste: Heimat, Freunde, Freiheit und Wohlstand. Der Roman von Judith Kerr hat mich als Kind sehr beeindruckt und hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mich als Jugendliche sehr eingehend mit den furchtbaren Geschehnissen unter der Schreckensherrschaft der Nazis befasst habe. Das Buch hat mich schon in jungen Jahren gelehrt, für die richtigen Werte einzustehen: Toleranz, Menschlichkeit und Mitgefühl. Ich finde, dass man Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen, helfen muss. Das gilt heute mehr denn je.

Sendung: hr-iNFO Politik, 20.7.2018, 21:35 Uhr

Jetzt im Programm