Demonstration zum Schutz von Whistleblowern

Für die einen sind es Verräter, für andere mutige Aufklärer. Klar ist: Wer wie der Whistleblower in der Ukraine-Affäre um Donald Trump geheime Informationen an die Öffentlichkeit bringt, riskiert viel.

Edward Snowden, Julian Assange und Bradley Manning sind die bekanntesten Whistleblower. Ein normales Leben führen sie nicht mehr. Ihr Vergehen: Aufklärung. Snowden hat öffentlich gemacht, dass der amerikanische Geheimdienst Menschen einfach so abhört. Das wollte er nicht akzeptieren - "weil man, selbst wenn man nichts Falsches tut, überwacht und aufgezeichnet wird", so Snowden.

Er war selbst CIA-Mitarbeiter und wusste deswegen Bescheid - und hat Informationen weitergegeben, die eigentlich geheim bleiben sollten. Dafür musste er aus seinem Land fliehen. 14 Länder, darunter Deutschland, haben seinen Asylantrag abgelehnt, Russland nahm ihn auf. Aktuell läuft seine Aufenthaltsgenehmigung bis 2020. 

Gefahr der Kündigung

Whistleblower setzen sich aber immer der Gefahr aus, ihren Job zu verlieren. Ein  Arbeitgeber darf seinem Mitarbeiter kündigen, wenn dieser geschäftsschädigende Dinge ausplaudert - wegen "Verletzung der Loyalitätspflicht."

So ähnlich hat es Wilfried Soddemann erlebt: Er war Leiter des staatlichen Umweltamtes Aachen und hatte 2003 auf die Gefahr von Rotaviren im Trinkwasser hingewiesen. Er stieß auf taube Ohren und wandte sich danach an die Presse: Er habe frühzeitig vor den Viren gewarnt, die Wasser-Lobby habe ihn "als Spinner abgetan" und habe Geld sparen wollen für neue Aufbereitungsanlagen, so Soddemann. Die Politik sei "vor dieser Wasser-Lobby eingeknickt" und habe ihn "depressiv krank-gemobbt", so dass er bereits mit 50 Jahren in den Ruhestand geschickt worden sei.

Das "Paradoxon der Macht"

Warum wird jemand so behandelt, der sich für die Öffentlichkeit einsetzt und sie schützen will? In der Psychologie und der Organisationslehre nennt man das das "Paradoxon der Macht". Jene, die die tatsächlichen Fehler gemacht haben, wollen die Missstände nicht hören oder wahrhaben und nutzen ihre Möglichkeiten.

Whistleblower bekommen auch gesetzlich Ärger: Seit 2016 gibt es eine EU-Richtlinie zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen, die Enthüllungen fast unmöglich macht. Und das ist nicht das einzige Hindernis: Whistleblower sind oft alleine. Sie wünschen sich Verbündete, erfahren aber oft das Gegenteil, weil sie als Nestbeschmutzer gelten.

Es geht auch anders

Martin Porwoll ging es besser. Er hat seinen ehemaligen Chef angezeigt. Der Apotheker aus Bottrop stand  im Verdacht, Krebsmedikamente gepanscht zu haben. Porwoll war kaufmännischer Leiter der Apotheke, seine Frau hielt immer zu ihm, auch wenn es schwer war: "Wir hatten Angst, als es zur Strafanzeige kam: Was ist, wenn man meinem Mann nicht glaubt?"

Zusammen haben die beiden alles durchgestanden, die Staatsanwaltschaft glaubte ihnen und erhob Anklage. "Ohne diesen Hinweisgeber wären sicherlich die Ermittlungen nicht aufgenommen worden", sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk. "Denn Mitarbeiter der Apotheke haben zwar vielleicht etwas gewusst und geahnt, sich aber mit ihrem Wissen nicht an die Behörden gewendet."

Der Apotheker wurde in erster Instanz zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Martin Porwoll wurde arbeitslos, hat inzwischen aber wieder einen Job - bei einer Krankenkasse.   

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.9.2019, 12-15 Uhr

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